Ich bewundere meine übermenschliche Zurückhaltung.

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der vervirten Welt 879


ARMIN THURNHER

09.11.2022

Draußen senkt sich der Nebel über meine nichtgetane Tagesarbeit. Immerhin durfte ich heute drei 33-kg-Flaschen des guten Flaga-Gases entgegennehmen, geliefert von einem munteren Herrn aus den benachbarten slawischen Ländern (woke wie ich bin, habe ich gelernt, dass Fragen nach der Herkunft als unhöflich gelten, also kann ich nicht mit präziseren Auskünften dienen.)

Immerhin durfte ich auch in dieser Sache, da große LKWs nicht unser Tor passieren können, wieder meinen Carello zweckdienlich einsetzen. Er rastete in bereits ungeduldiger Wartestellung, weil es im Park ein paar als Heizmaterial zu präparierende Äste zu bearbeiten gälte, aber meine triumphal aufheulende Kettensäge setze ich lieber an gefallene Journalisten als an gefallene Äste. Nein, natürlich nicht. Ich hocke vor dem Schirm, versuchte das Kurz-Kapitel (das längste meines Buchs, pardon my Kalauers) fortzuschreiben. Wie gern schriebe ich das alles fort, aber es klebt an mir wie das Pech am Schuh des unglücklichen Goalgetters. Es scheint, als Österreich-Autor schreibe ich das Pech geradezu herbei, Haiderschüsselgrasserkurz, der Nächste bitte, und registriere doch, wie Woketwitter sich über meine Analyse des Patterer-Textes freut.

Ich denke, der billigen Punkte sind bald genug gemacht, obwohl, erstens waren sie nicht billig, und zweitens, so lange Sobotka in Amt und Würden sich mit Achtelgläsern in der Hand auf des Parlamentes Dach aufnehmen lässt, unter zustimmendem Schweigen fast aller außer Rauschertraxler, braucht es vielleicht doch noch mehr Punkte. Kaum ist renoviert, muss schon der erste Dachschaden beklagt werden!

Screenshot: Instagram

Der Typ ist Wahnsinn (sein Kapitel wird längenmäßig Nummer zwei). Er stellt Wahnsinn dar und er bringt Wahnsinn über uns. Wir steuern auf die Sobotheose zu, welche der Sobokalypse verangeht, aber muss er uns nach seiner Kostümierung als Abrissbirne nun auch noch mit der Pappnase und dem Narrenhütchen des Baumeisters der Republik gegenübertreten? Er hat das Parlament entworfen, fertiggebaut und unendlich verschönert, sodass es eventuell in Soboment umbenannt werden könnte. Weg mit ihm!

Zurück zu Patterer. Es waren, ich sagte es, nicht wirklich billige Punkte, denn ich meine zu spüren, was Patterer meint, er bringt es nur nicht so richtig rüber, weil er es immer mit Schuldzuweisungen an meinereinen verbindet. Und meinereiner wird zwangsläufig mit jenen verbunden, die im Angesicht der aus dem Ho-Himmel gefallenen Engel wirklich in Triumphgeheul ausbrechen. Ja, die gibt es auch, und ihr Groll ist nicht unverständlich. Ich bewundere meine übermenschliche Zurückhaltung, um das auch einmal zu sagen, meine Milde und mein Mitgefühl den Kurzisten gegenüber. Was würde Sie mit Menschen tun, die ihnen aus Eigennutz und Willkür von einem Tag auf den anderen einfach ein paar hunderttausend Euro weggenommen haben? Steuergeld, wohlgemerkt! Ich rede von Falter-Inseraten des Bundes.

Hier ist allerdings sehr viel an Selbstbeherrschung und Wirkungstrefferverzicht gefordert, um im Angesicht der nach oben in die Finanzwirtschaft fallenden türkisen Truppe nicht wie eine wohlgeölte Kettensäge im Triumph aufzuheulen. Das wahre Triumphgeheul tönt übrigens aus der Wolfskehle des Herrn Bert und der seines Jungwolfs Schnedlitz. Die Kickl-Hofer-Ibiza-Truppe, die mit niemandem nichts zu tun hat und deren Chats höchstens noch anderen wehtun können, aber nicht ihr selbst, wird schon wieder über uns bringen, was sie am Anfang der Kurzverblendung über uns brachte: die FPÖ in Umfragen Nummer Eins, alle anderen Parteien mit vollen Hosen, diskursiv gelähmt und aus Notwehr in die Medien-Korruptions-Kooperation getrieben.

Da hat Patterer Recht, das gilt nicht nur bei uns, das gilt überall, auch in den USA, deren Midterm-Ergebnisse zu erfahren ich es gerade nicht besonders eilig habe. In den Mittelpunkt rückt da wie dort die Frage, wie wir mit Migration umgehen. Die Unmenschen treiben die Gutmenschen in die Unzumutbarkeit. Oder umgekehrt? Und wo soll mit gutem Gewissen Schluss sein? Wo zieht eine Gesellschaft wirklich den Strich zwischen unzumutbarer Überfüllung durch Wirtschaftsmigration und den unabweisbaren Notwendigkeiten der Humanität? Und ist es nicht inhuman, Wirtschaftsflucht zu verhindern? Abgesehen davon, dass es ein Verbrechen an der Gesellschaft darstellt, qualifizierte Zuwanderung zu verhindern.

Wer macht die Jobs? Der freundliche slawische Herr, imstande, einen LKW mit gefährlicher Fracht auszuführen, Gasflaschen anzuschließen (gut, kann ich auch), die Rechnung gleich auszudrucken und auszuhändigen und mit mir ein animiertes Gespräch darüber zuführen, dass die Bestellungen auch an Heizgas – ich, Kachelmann, verwende Flaschengas nur zum Kochen! – wieder zunehmen, weil der Preis des Flaschengases weit unter jenem des Leitungsgases liege … Wäre er ein Migrationsminister, der menschlich handeln und zugleich klare Worte über Grenzen, Zulässigkeiten und Unzulässigkeiten finden würde? Könnte sein. Könnten wir brauchen. Das niederösterreichische Talentereservoir geht zur Neige.

Distance, hands, masks, be considerate! Ihr Armin Thurnher

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