So war’s in der Roten Bar. Der Köchel versus Content-Abend. Eine Erinnerung.

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der vervirten Welt 865


ARMIN THURNHER

22.10.2022

Wir dürfen das Wichtige nicht aus den Augen verlieren, auch wenn unser täglicher Gang durch den Politsumpf überlaute Quatschgeräusche verursacht. Hinter den narzisstischen Korruptniks und den Sesselklebern mit Betonkern zeichnet sich eine kulturpolitische Wahnsinnsfront ab, eine Art kulturloser Vollstreckung des posttürkisen Erbes durch Erfüllungsgehilfen in Ministerien und im ORF, die vom Tötungsanschlag auf die Wiener Zeitung bis zur Attacke auf ORF-interne Widerstandsnester wie Ö1 und FM4, von der Umpolung der „blauen Seite“ bis zur Kürzung von AKM-Zahlungen reicht und als Kollateralschaden das Überleben der gesamten Neuen-Musik-Szene aufs Spiel setzt.

Zum Catchwort für diese Attacke wurde ein Spruch der ORF-Radiodirektorin Ingrid Thurnher. Sie wolle „in der Früh auf Ö1 mehr Content, weniger Köchelverzeichnis“ hatte sie gesagt. Dabei hatte sie es nur gut gemeint. Und noch immer nicht verstanden, dass das Unheil dieses clever ausgedachten Message-Control-Spruchs nicht in der konkreten Programmierungsidee bestand, sondern in der gedankenlos-symbolischen Instrumentalisierung des Köchelverzeichnisses.

Wenige Tage, nachdem dieses Wort seine schreckliche Wirkung getan hatte, rotteten sich am vergangenen Sonntag wie von der Geisterhand eines Homo Aestheticus versammelt 30 Menschen zusammen, um unter dem Titel „Das Köchelverzeichnis. Ein Content-Event“ dieses vorzulesen. Ich sehe mich zu dieser Umschreibung gezwungen, um niemandem dienstrechtliche Schwierigkeiten zu verschaffen, was durchaus eine vormärzliche Verschärfung der Lage kennzeichnet.

Von links: Komponistin Julia Purgina, Autor Roland Freisitzer, Schauspieler Florian Teichtmeister, Posaunist Bertl Mütter

Die Bühne in der Roten Bar des Volkstheaters ist klein. Vier Notenpulte samt Beleuchtung und Mikrophonen dominierten den Vordergrund der Bühne, seitlich stand ein koreanisches Pianino. Warum sich viele Wiener Bühnen kein Klavier leisten, sondern solche Quälinstrumente, wer weiß es.

Wie würden es die dreißig anlegen? Avantgardistisch skandiert, professionell gelispelt, gehaspelt oder abgeklärt getragen, dramatisch oder komisch charakterisiert, triumphierend oder lauernd?

Die kleine Rote Bar war ausverkauft. Volkstheaterdramaturg Calle Fuhr moderierte und sagte die Vorlesenden an. In Gruppen zu jeweils vier betraten sie die Bühne, um nebeneinander stehend ihren Teil des Texts von Notenpulten zu lesen. Da ich als erster dran war, konnte ich danach entspannt den Rest des Abends genießen. Alle hatten freie Hand, und man durfte Schreckliches erwarten, eine Überinszenierung des Textes, einen Brüllchor oder vielleicht was Inniges.

Weil es den Lesenden vorbehalten blieb, zu entscheiden, wie sie die Nummern vorlasen, würde es zumindest abwechslungsreich werden. Naturgemäß hatten die vom Theater leichtes Spiel, Martin Schwab lieferte ironische Minidramen, Florian Teichtmeister hochgeläufige Spachetüden, Cornelius Obonya Dramatisch-Drastisches (die Dramaturgie hatte ihm die Arschleck-Choräle zugedacht), Markus Hering machte aus dem repetitiven Vorkommen der Orgel einen Mini-Western. Maxi Blaha gab Frivoles, Pippa Galli blieb ganz cool.

Man begann sich vom einen zur anderen zu freuen, und was eine fade Litanei werden hätte können, die ihren Charme nur aus dem Geist des Opponierens schöpfte, wurde richtig unterhaltsam. Nicht, dass der Oppositionsgeist unterschlagen worden wäre. Den Köchel-Puristen machte Literaturwissenschaftler Konstantin Kaiser einen kleinen Strich durch die Rechnung, als er an den von den Russen erschossenen Dirigenten Jurij Kerpatenko aus Gherson erinnerte, dessen Verbrechen darin bestand, nicht für den Feind dirigieren zu wollen.

Am besten trafen es naturgemäß die Musiker, Christopher Hinterhuber spielte das Minuett und Trio KV 1 und spontan ein paar Takte aus der Fantasie KV 475, Anika Vavic das berühmte Andante aus KV 467, Ernst Kovacic auf der Geige die Themen aller fünf Violinkonzerte und Bertl Mütter beendete das Ganze mit der Posaune des Jüngsten Gerichts.

Die Komponistin Olga Neuwirth hielt einen blechern scheppernden Aufzieh-Donald-Duck neben das Mikro, während sie die KV-Nummern abschnurren ließ, ihr Kollege Wolfgang Mitterer sprach vom Köchel-Verzeih-Nix; es gab aber auch würdige Varianten, etwa von Thomas Daniel Schlee, der mit kürzesten Bemerkungen umfassende Werkkenntnis andeutete, oder von Richard Dünser, der ein ernstes Wort einfügte.

Ich kann sie nicht alle nennen. Will nur sagen, was öde werden hätte können, wurde zu einem 626-facettigen Kosmos und zu einem Abend, der Köchel (und Mozart sowieso) seine Reverenz erwies, indem er zugleich auf der nötigen Distanz beharrte. Anders erreicht man nicht, was man früher vielleicht „höhere Heiterkeit“ genannt hätte, einen unresignierten Akt, jawoll, widerständiger Kultur gegen ein Wort der Barbarei. Immerhin.

Distance, hands, masks, be considerate! Ihr Armin Thurnher

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