Die Unart des Deals: Wiener Zeitung weg. Die nächste, bitte!

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der vervirten Welt 850


ARMIN THURNHER

05.10.2022

Der Kolumnist muss sehr darauf achten, dass diese Zeilen nicht zu einer täglich prolongierten besinnungslosen Wuttirade verkommen. Man weiß ja wie das geht, einer sagt etwas Dummes, der nächste haut noch drauf, der Algorithmus im fernen California reibt sich die Hände, piekst den Leiseren der beiden in den Hintern, damit er quietscht, schiebt den Lauteren der beiden noch etwas nach vorn, damit man ihn besser hört, und schon ist rundum das schönste Geschimpfe im Gang. Die Zugriffe mehren sich, das Soziale Medium hat wieder ein paar Datensätze abgegriffen und die Wutkasperln merken nicht einmal, dass sie, also ihre Daten gerade an Persil, Türkis oder Tesla verkauft wurden.

Da mache ich nicht mit. Ich sage in aller Klarheit und Nüchternheit: Die Medienministerin der Republik Österreich, Frau Susanne Raab, versteht von ihrem Job nichts. Und ihre Partnerin, die Mediensprecherin der Grünen, Eva Blimlinger, ist zwar identitätspolitisch stets hellwach, enttäuscht ihr Publikum aber in Mediendingen ebenso wie Frau Raab.

Was über die Wiener Zeitung zu sagen ist, habe ich hier und hier gesagt. Sie als Zeitung einzustellen, bedeutet, sie umzubringen. Die von den Grünen favorisierte „Idee“, sie in eine Wochenzeitung umzuwandeln, war kein Jota besser als das, was nun zu geschehen scheint, wenn man der offiziellen Verlautbarung durch die Nachrichtenagentur APA glauben darf: die Wiener Zeitung wird in eine Online-Plattform verwandelt und erscheint nur mehr als Monatsmagazin.

Erste Ausgabe, 8. 8. 1703

Alle stolzen Traditionen müssen enden. Gut, wenn sie in Revolutionen untergehen oder still und leise auslaufen. Schlecht, wenn sie auf Dummheit, Verbohrtheit und Missgunst auflaufen und dabei zugrunde gehen. Offenbar ist die Einstellung der würdigsten Erscheinung auf dem österreichischen Medienmarkt, der einzigen öffentlich-rechtlichen Erscheinungsform eines Printmediums auf einen Deal mit den österreichischen Zeitungsverlegern zurückzuführen. Das ist nicht the Art of the Deal, das ist die Unart des Deals.

Offenbar kürzt der Bund seine Finanzierung der Wiener Zeitung auf 80 Prozent, was bedeutet hätte, dass die restlichen 20 Prozent vom Blatt selbst zu finanzieren gewesen wären. Die Finanzierung dürfte jedoch an die Bedingung geknüpft sein, dass das Blatt nicht mehr als Zeitung erscheint. Wessen Hirn kann so etwas entspringen? Wer kann an so etwas Interesse haben? Der trete vor und schäme sich.

Aus dem Bericht der APA:

„Diese Redaktion hat enormes Potenzial. Wenn man nun willkürlich die Grundlage der Zeitung wegdekretiert, dann befürchte ich, dass dieses Juwel namens ,Wiener Zeitung‘ digital wie auch in jeder anderen Form dem Untergang geweiht ist“, sagte Walter Hämmerle, Chefredakteur der Wiener Zeitung. Hintergrund für die geplante Änderung des Geschäftsmodells ist die Abschaffung der Pflichtveröffentlichungen in gedruckter Form im Amtsblatt der Zeitung. Sie machen einen großen Teil der Wiener-Zeitung-Einnahmen aus und dürften mit Jahresende wegfallen.

Hämmerle appellierte an die Regierung, den Wert der Wiener Zeitung zu steigern. „Wenn der Eigentümer das nicht selber machen will, dann soll er es andere machen lassen.“ Das müsse nicht zwangsläufig Verkauf bedeuten. Man könnte auch Partner hereinholen, die das Potenzial erkennen und innovativ umsetzen wollen, meinte der Wiener Zeitung-Chefredakteur. Er verwies auf ein vom Cognion Forschungsverbund gemeinsam mit der Chefredaktion erarbeitetes Konzept. Dieses sieht umfassende digitale Veröffentlichungen von Daten und deren gemeinnützige Aufbereitung als auch eine „Hardcore-Qualitäts-Tageszeitungsredaktion“ vor. „Dieses Konzept stellt eine Zukunftsoption dar und gehört geprüft“, so Hämmerle.

Sie werden ihn appellieren lassen und zum Lunch mit dem nächsten österreichischen Verleger schreiten, kann gut auch eine Verlegerin sein. Schön zu wissen, dass man eine derart appettitlich beratene Medienministerin hat, die sich nicht um die Appelle der Fritz Hausjells und anderer Medienwissenschaftler zu kümmern braucht, von Kuhhändeln in so wichtigen Dingen Abstand zu nehmen.

Die Kuh ist aus dem Stall!

Es ist zwar hoffnungslos, aber nicht ernst. Deshalb muss es hier wiederholt werden. Wer die Wiener Zeitung als Zeitung verschwinden lässt, bringt sie um. Wer die älteste noch erscheinende Tageszeitung der Welt umbringt, statt die Chance zu ihrer Revitalisierung zu ergreifen, ist ein Barbar. Wer medienpolitische Deals macht, welche die besten und anständigsten Medien kleinkriegen, ist unfähig und sollte die Finger von Medienpolitik lassen. Wer als Zeitungsverleger sich nicht mit der Wiener Zeitung solidarisch erklärt und fordert, dass sie weiter erschient, verrät sein Gewerbe. Ein Egoist kann er nicht sein, denn was wäre sein Vorteil?

Die Zeitungsverleger, hätten sie einen Funken Ehre im Leib, sollten sich zusammentun und den Rest des fehlenden Geldes aus den Schutzgeldzahlungen der Regierung aka Inserate zuschießen, damit die Wiener Zeitung weiterhin als Zeitung erscheinen kann. Wer nicht versteht, dass das öffentlich-rechtliche Prinzip in allen Formen gestärkt werden muss, um den Medienmarkt davon abzuhalten, sich selbst zu verschlingen, der sollte sich aus der Medienpolitik verabschieden.

Wahr ist vielmehr anderes. Ich mit meinen demokratischen Flausen bin ein hoffnungsloses Auslaufmodell. Die blauen Seiten, Ö1 und die Wiener Zeitung gehören gestutzt, damit wir mehr schutzgeldgestütztes oe24, Heute, Kronen Zeitung und Radio Tralalala bekommen können. Und dass wir uns, ja natürlich, weiter digitalisieren.

Ich aber sage euch: nicht nötig. Wir idiotisieren uns ganz analog und altmodisch korrupt im klassisch österreichischen Gemauschel.

Distance, hands, masks, be considerate! Ihr Armin Thurnher

Ich freue mich, wenn Sie die Kolumne abonnieren.

(Bitte blaues Banner oben benützen)

@arminthurnher

thurnher@falter.at