Tangled up in Blue: Wer sich nicht wehrt, publiziert verkehrt. Teil II meiner Antwort auf Veit Dengler

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der vervirten Welt 846


ARMIN THURNHER

30.09.2022

IKB 191 – International Klein Blue

Gestern ging es um meine Antwort auf Veit Denglers Antwort auf meine-Blaue-Seiten-Polemik, und vor allem um die Lieblingsdenkfigur des Veit Dengler: Gewinn durch vorauseilende Anpassung. Heute möchte ich noch etwas zu diesem Absatz sagen:

„Zugrunde liegt wohl eine in Österreich besonders ausgeprägte Verlustaversion: Was verloren geht, wird viel stärker gewichtet als Gewinne. Ein Verlust von Textbeiträgen – vor allem für Menschen, die noch wissen, was Teletext ist – wird emotional schwerwiegender empfunden als der Gewinn, wenn der ORF mehr in Video und die Bespielung sozialer Medien investiert. Dort sind meist jüngere, auch bildungsfernere Nutzer, aber eben nicht Bornemann oder Thurnher.
Thurnher wirft seinen Verlegerkollegen außerdem vor, das ,Geschäft bestehe vor allem darin, die eigenen Taschen zu füllen und die eigenen Marktanteile auszuweiten‘. Darin spiegelt sich ein leicht schizophrenes Verhältnis zur freien Marktwirtschaft. Auch die Marktanteile des ,Falter‘ und die Privatstiftungen seiner Eigentümer entwickeln sich gut dank des erfolgreichen Chefredakteurs, Florian Klenk.“

Beim Vorwurf an die Verleger bleibe ich. Es ist falsch, orf.at als eine Art spin-off zu betrachten. Die Website wird als „zeitungsähnlich“ kritisiert, man müsste hinzusetzen: zeitungsähnlich, aber besser. Und zwar nicht wegen der Video-Beiträge (die sind unoriginell und entbehrlich), sondern wegen der ausführlichen Texte, die Hintergrundinformationen bieten und eben oft genug nicht nur APA-Meldungen sind. Zudem finde ich auf orf.at immer wieder Feuilleton-Beiträge, die ich in Zeitungen meist vergebens suche. Teletext, ein ansehnliches, brauchbares, als App verfügbares reduziertes Medium wäre das letzte, das mir dazu einfiele.

Ich habe keine Verlustangst, ich ärgere mich nur über Niveauverluste. Ich fürchte mich nicht vor Sand, aber ich ärgere mich, wenn die Wüste wächst. Mein Verhältnis zur Marktwirtschaft ist entspannt; solange Märkte ordentlich geregelt sind, gibt es nichts Besseres. Der Medienmarkt in Österreich ist miserabel geregelt. Unqualität wird mit Schmiergeld am Leben gehalten, ein korruptes Milieu zwischen Spitzenpolitik und Medienraubrittern dominiert die Szene. Dort wird auch die Reform der Medienförderung ausgemacht, die alles sein soll, nur keine mutige Qualitätsförderung. Eine verblendete Politik glaubt, die mächtigen Raubritterfamilien zufriedenstellen zu müssen, damit der korrupte Medienmarkt erhalten bleibt.

Was daran schizophren ist, soll mir Veit Dengler einmal erklären.

Weiters: So billig treibt man keinen Keil zwischen Florian Klenk und mich.

Ich bin froh und zufrieden, dass es mir gelungen ist, nicht zu verhindern, dass sich Florian Klenk zu einem hervorragenden Chefredakteur ausbilden konnte. Ich bin froh, dass er für den Falter arbeitet und auch Mitgesellschafter dieses stolzen Verlags wurde. Er macht den Job besser als ich es je konnte und hat für Auflagensteigerungen gesorgt, die jenseits meiner Möglichkeiten waren. Der Falter hat – ohne jede TV-Werbung – mittlerweile das Profil hinter sich gelassen.

Diesen Erfolg bewerkstelligt Florian Klenk allerdings nicht allein, sondern mit einem hervorragenden Team, nicht nur in der Redaktion, sondern auch im Management unter Geschäftsführer Siegmar Schlager.

Meine Rolle ist weniger glamourös; aber ich bilde mir etwas darauf ein, gemeinsam mit Schlager die Voraussetzungen für diesen Erfolg mitgeschaffen zu haben, und zwar in Zeiten, die vor der Digitalisierung lagen und deshalb der Social-Media-Amnesie anheimgefallen sind (was in uns nicht ist, war nicht). Auch ich habe den Erfolg nicht allein geschafft, sondern zusammen mit Dutzenden, ja Hunderten Menschen, die von der ersten Kollektivphase an über Krisen der 1980er und 1990er Jahre bis zur Jahrtausendwende meist auf angemessene Bezahlung verzichteten.

Das Wunder Falter wurde ohne Anfangskapital bewerkstelligt und mit sehr viel Selbstausbeutung; mit Hilfe von vielen Sympathisanten und wenigen wirklichen Rettern (vor allem dem Ehepaar Reder) ist es gelungen, die Basis für diesen Erfolg herzustellen. Die Basis war zweierlei. Einerseits eine politische Idee und zweitens ein gestörtes Verhältnis zum Markt.

Wir machten Marketing ohne Kohle und Redaktion ohne Redakteure; es war gut genug, um zu existieren und langsam soviel Substanz aufzubauen, dass Investitionen und Wachstum möglich wurden. Dann kam das journalistische und digitale Geschick Klenks dazu, und dort sind wir erfreulicherweise noch immer.

Wäre der Falter zuvor nach den Gesetzen des Marktes, den Prinzipien des Ummünzens und der üblichen Mediengebarung geleitet worden, die auf 15 Prozent Umsatzrendite pochen und dafür ihre Redaktionen ruinieren, er hätte kein Jahr überlebt. Auch den plumpen Ideen des Inhaltsverschenkens um Marktanteile zu erhalten haben wir uns verweigert. Ja, der Falter hatte und hat ein schizophrenes Verhältnis zum Markt, und hätte er es nicht, gäbe es ihn nicht.

Und warum das Ganze? Weil wir eine Möglichkeit schaffen wollten, frei zu publizieren. Frei zu reden, ohne politische Vorgaben, ohne ideologisches Dreinreden, ohne Business-Talk, der nachgeplappert werden muss. Man kann keine guten Medien machen, die nicht auf einer anderen Idee beruhen als der des bloßen Geldverdienens. Auch Klenk hatte schon Angebote, die er, hätte er Marktgesetze befolgt, annehmen hätte müssen. Hat er nicht (ich und einige andere bei uns übrigens auch nicht).

Deswegen liebt das Publikum den Falter. Und ich erzähle den ganzen Schmonzes, weil ich spüre, dass orf.at ebenfalls ein Medium mit einer Idee ist (zum Unterschied von vielen, vielen anderen Abteilungen des großmächtigen ORF); wie übrigens auch Ö1. Solche Medien sind immer prekär, weil sie nicht ganz ins Spiel passen; man versucht sie stets zu stutzen, kleinzukriegen, einzuschmiegen in den weichen, korrupten Bauch von Mutter Politmedienmarkt.

Veit Dengler plädiert für dieses Einschmiegen, fürs Sich Anpassen, an den Fortschritt und überhaupt. Ich aber sage euch: ein Medium, das sich gegen all das nicht wehrt, ist seinen Namen nicht wert.

Vielleicht mag wer zum Abschluss diesen Dylan-Song hören, in der unvergleichlichen Version von Van Morrison und seiner Band Them.

Distance, hands, masks, be considerate!

Ihr Armin Thurnher

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