Kannsonichtsein. Ein Land und sein Gesichtsausdruck.

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der vervirten Welt 843


ARMIN THURNHER

27.09.2022

Ich fahre durch das Land, wie geputzt liegt es da unter Herbsthimmelstreifen, Supercinemascope reicht nicht dafür, da ist alles drin in diesem Himmeln, Verhängnis, Regengüsse, Regenbogen, Lichtblicke, Tieopolobläue, Cumulusballen, schwarz unterstrichen und golden liniert. Ich könnte mich verlieren in diesem Herbsthimmeln.

Nicht nur euch aber betrachte ich, Herbsthimmel, sondern auch die Plakate unter euch, auf dem Erdboden. Dabei ist mir etwas aufgefallen. Ich darf mein mir milde gesinntes Klientel um Verzeihung bitten, wenn ich mich hier nur über ausgewählte Kandidaten auslasse und andere auslasse, obwohl ich ihnen freundschaftlich verbunden bin, sie aber nicht wählen werde können.

Nicht nur auf den Plakaten bemerkte ich nämlich einen Gesichtsausdruck, der mir für die gegenwärtige Situation recht kennzeichnend scheint. Dieser Gesichtsausdruck vereint ungläubiges Erstaunen über etwas mit der Entschlossenheit, dabei nicht die Contenance zu verlieren; er spiegelt eine Zumutung wider und die Bereitschaft, sie zurückzuweisen. Es ist das Mienenspiel dieses österreichischen Grundgefühls, das da lautet, das kann so nicht sein, das gibt’s doch nicht. Es ist die Mimik des Kannsonichtseins.

Screenshot © ORF vis Twitter

Armin Wolf zeigte diesen Gesichtsausdruck im Interview mit Tassilo Wallentin, einer ganz und gar unglaublichen Figur, die so nicht sein kann und doch so ist. Gibt sich aus als Erbe des „großen Hans Dichand“, der nicht groß war, sondern bloß monumental mittelmäßig. Streitet alles ab, als wäre er nicht Rechtsanwalt, sondern kümmerlicher Delinquent bei der Einvernahme. Sagst du ja, bleibst du da, sagst du nein, gehst du heim. Wallentin sagte konsequent Nein. Nur ein kleines Beispiel aus dem Gespräch (das just in dem Augenblick aus der ORF-TVthek verschwindet, da ich dieses schreibe):

Wolf: Sie schreiben zigfach von einem angeblichen Geheimabkommen zwischen dem Kreml und dem Weißen Haus aus dem Jahr 1952 das schlicht nicht existiert.
Wallentin: Das sagen Sie alles.
Wolf: Das habe ich alles überprüft.
Wallentin: Ich möchte nur eines sagen.
Wolf: Herr Wallentin, ein letztes noch, bis hin zu völligen Kleinigkeiten wie einem angeblichen Roosevelt-Zitat, das Sie regelmäßig zitieren, das aber völlig frei erfunden ist.
Wallentin: Herr Wolf, Sie werfen mir jetzt 20 Sachen vor.
Wolf: Ich könnte noch hunderte andere vorwerfen.
Wallentin: Nein, das können Sie gar nicht, in der Hoffnung, dass irgendwas hängen bleibt und dass man auf das einzelne nicht antworten kann. Was ich Ihnen sagen kann, ist, dass das unrichtig ist was Sie sagen. (…) Und was Sie nicht leugnen können, lieber Herr Wolf, ist, wie es den Menschen geht und dass das stimmt, was ich schreibe.

Wolf beweist Wallentin, dass nicht stimmt, was dieser schreibt, und Wallentin behauptet einfach dreist das Gegenteil. Frecher kann man nicht lügen. Das ist Trump-Schule pur. Die Kronen Zeitung trompetet (trumpets) Wallentin. Ist aber nicht Fox-News, bloß Fix- und Foxi-News. Was bleibt da, außer verzeifelte Mimik? Da kann der Wolf nur noch die Miene des Kannsonichtseins aufsetzen.

Alexander Van der Bellen, der Präsident, den auch ich diesmal wählen werde, zeigte schon eine Reihe von Plakaten, die sich diesem Gesichtsausdruck annäherten, bis er ihn auf diesem Plakat nun endlich erreichte. Als ich es das erste Mal auf einem Plakatständer erblickte, musste ich laut lachen.

Das Gefühl des Kannsonichtseins schien mir von diesem Plakat entgegenzurufen: Wollen Sie mich wirklich wählen? Ist das wirklich Ihr Ernst? Ich kann das alles ja selber kaum glauben! Dass ich da der Präsident bin. Dass ich da auf eine Handvoll wilder Wallentins treffe, die schon einen gewissen Unterhaltungswert haben und teilweise ebenso atemberaubend frech wie hirnstoppend unverfroren lügen, gut und schön, aber dass die wirklich Bundespräsident werden wollen, das kann doch nicht sein, oder?

Wollen Sie mir das wirklich sagen, Herr Bundespräsident? Sind wir vielleicht, sagt uns diese ihre Mimik, doch ein bisserl sehr so? Das gibt es natürlich nicht zu, das Kannsonichtseingesicht, aber ein wenig scheint es uns auch diesbezüglich zuzuzwinkern: Wollen Sie, dass ich es noch einmal sage, scheint es zu fragen, wir sind nicht so, na gut, sag ich’s halt noch einmal, mit einer kleinen Revision. Wir sind – hüstel – doch so. Oder so.

Bekümmernis, gepaart mit Heiterkeit, das ist unser Sinnen- und Trachtenpärchen. Kannsonichtseinhaftigkeit ist das österreichische Grundgefühl. Das Wissen, dass es genau so ist, zusammen mit der Weigerung, dieses Wissen als gesichert hinzunehmen, zusammen mit der Weigerung, wirklich in Zweifel zu ziehen, dass man es ändern könnte, und zu wissen, da lügen sie, aber man kann nix machen gegen die Lügen, was soll das Abstrampeln, wir strampeln eh ein bisserl, aber nicht zu lange. Legen die Stirn in Dackelfalten. Quergewelltes Hautgefältel, unser Emblem. Hochgezogene Schultern, aber nur ein bisserl. Abwinken, aber nur angedeutet. Kann ja wirklich so nicht sein, das alles.

Distance, hands, masks, be considerate!

Ihr Armin Thurnher

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