Geschichten von J. S. Bach und Igor Levit

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der vervirten Welt 839


ARMIN THURNHER

22.09.2022

Von Zeit zu Zeit wird es wieder einmal Zeit, etwas über Bach zu sagen. Gottes Zeit ist die allerbeste Zeit – der zeitgenössische ungarische Komponist György Kurtág hat das Orchester-Original der Sonatina aus der Kantate „Actus tragicus“ (BWV 106) transkribiert, er spielt die Musik, die ein 21jähriger schrieb, vierhändig mit seiner Frau Márta (ab 6:04), und was die beiden alten Leute da innig, unkitschig und jenseits allen Virtuosentums zu Gehör bringen, ja wie soll man das beschreiben? Man soll es hören. Das Wort sublim schiene angebracht.

Bach ist Religion für Atheisten, einmal im Jahr darf ich diesen Satz vorbringen, ich glaube, beim Hören dieser Transkription, so rührend gespielt, fiel er mir ein.

Anlass, etwas über Bach zu sagen, ist aber ein Essay über Bachs Goldberg-Variationen, kürzlich erschienen auf orf.at. Ich unterstütze die Tendenz dieser Website, großes Feuilleton zu machen (meines Wissen erwähnte sie auch als einzige im Land anlässlich des Begräbnisses der Queen Ernst Kantorowiczs These von den zwei Körpern des Königs), und so möchte ich rückblickend das Goldberg-Variationen-Stück nur um ein paar Anmerkungen ergänzen.

Der famose Geiger Julian Rachlin brachte mit dem Cellisten Mischa Maisky und dem Bratschisten Inoku Imai vor Jahren eine Fassung der Goldberg-Variationen für Streichtrio heraus; jetzt führt Rachlin sie mit anderen Musikern wieder auf. Ich weiß zwar nicht, warum man solche Bearbeitungen machen muss, aber vermutlich gibt es nicht genug Literatur für Streichtrio. Ein für ein Tasteninstrument gemachtes Variationenwerk könnte man ruhig auf den Tasten lassen. Die Kunst der Fuge zum Beispiel ist unspezifisch genug, dass man sie auf Klavier oder im Quartett spielen kann; es gibt großartige Fassungen, etwa vom Emerson Quartett. Ich gebe zu, wenn ich Mozart-Klaviersonaten auf dem Akkordeon höre, zucke ich ebenso zusammen wie bei den versiertesten Orchesterbearbeitungen der Winterreise. In meinem Alter leistet man sich puristische Flausen.

Einmal hatte ich die Ehre, zu einem Abendessen mit dem französischen Philosophen Jean Baudrillard eingeladen zu sein. Ich spreche kaum Französisch und konnte in Bezug auf Baudrillards Thesen wenig beitragen, aber als das Gespräch auf die Goldbergvariationen kam, hielt ich mich nicht zurück und sprach von den Schwierigkeiten, die einige Variationen dem Amateur bieten, weil sie ihn zum Übergreifen der Hände zwingen, was einen in einen selbst verwickeln kann. Auf dem originalen Cembalo war das anders, denn das hat zwei Manuale, aber vielleicht spielte Bach zu Hause auf seinem Clavichord, welches wieder nur eines hat. Ich erinnere mich des befremdeten, echsengleichen Blicks des Philosophen ganz genau, als ich das Wort „Selbstverwicklung“ vorbrachte.

Zum Bach-Essay möchte ich noch bemerken, dass es mir nicht mehr genügt, mit Thomas Bernhard in Glenn-Gould-Nostalgie zu verfallen. Dessen Aufnahmen des Werks waren zweifellos epochemachend, aber sie sind mittlerweile alles andere als einzigartig. Es gibt Dutzende wunderbarer Aufnahmen, auf die Insel würde ich jene von Adrás Schiff und Murray Perahia mitnehmen, und vielleicht auch jene von Igor Levit.

Vergangene Woche hörte ich Levit im Musikverein mit Franz Welser-Möst und dem Cleveland Orchestra, einem technisch makellosen Ensemble, das Schuberts große C-Dur Symphonie erschütternd prächtig stark musizierte, mit Mozarts Klavierkonzert C-Dur K. 467. Das berühmte Andante, berüchtigt, weil angeblich Kühe mehr Milch geben, wenn sie es hören, spielte Levit betont unschwelgerisch, und im Finale trieb er das Orchester zu solchem Tempo, dass selbst die unfehlbaren Cleveland-Bläser beinahe ins Japsen gerieten.

Alles in allem war es doch gelungen. Ich musste an Friedrich Gulda denken, der mir in einem Interview sagte, Mozart müsse mit Risiko und Tempo gefahren werden, glänzend und mit Hochgeschwindigkeit wie ein Ferrari (deshalb besaß Gulda einen roten). Ob das als ästhetisches Programm ausreicht? Egal.

Igor Levit setzte sich nach seinem Speed-Exzess ans Klavier und spielte als Zugabe die Aria, das Thema der Goldbergvariationen. Ruhig und versenkt, als wären Glanz und Rausch nicht gewesen. Es war nicht nur eine Verneigung vor dem Bachverehrer Mozart. Es war nicht nur ein Wiedergewinn des Atems nach kunstvoller Atemlosigkeit. Es war einfach Musik, schlicht und groß. Glaube für Ungläubige, Glanz ohne Glänzen, Andacht ohne Religion. Es war Bach.

Distance, hands, masks, be considerate!

Ihr Armin Thurnher

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