Wie Jean-Luc Godard in mein Leben eingriff

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der vervirten Welt 832


ARMIN THURNHER

14.09.2022

Jean-Luc Godard, 1930 – 2022
Foto: APA

Jean-Luc Godard ist tot. Godard, ein Zaubername. Vielleicht lebensbestimmend. In ästhetischer Hinsicht, aber auch in biografischer. Oder beides zusammenbringend, was immer da zusammengebracht wird. Mein erster Godard-Film war „Ein oder zwei Dinge, die ich von ihr weiß“. Aus Bregenz kommend, wo man vom Kino auch ein oder zwei Dinge wusste, nämlich Dokumentarfilme (Faust mit Gründgens, immerhin; auch Dokus über Brasilia und Grzimek-Savannenfilme) und Schinken in den örtlichen Lichtspieltheatern (Metro und Forster, wo mein erster Film überhaupt Ben Hur war) staunte ich nicht schlecht, als wir in Saarbrücken, ausgerechnet, beim Besuch des Vaters eines Schulfreunds von diesem ins Kino geschickt wurden. Es war um das Jahr 1968.

Ich bin nicht einmal ganz sicher, ob es dieser Film gewesen ist, aber es muss schon Anna Karina gewesen sein, wer könnte sie vergessen. Der Vater, ein künstlerisch imposanter Mann, Hörspielregisseur und Dramaturg mit für uns unbekanntem intellektuellem Horizont, machte uns besonders darauf aufmerksam, dass der Film mit einer Einstellung auf den gerührten Kaffee in einer Kaffeetasse beginne (oder eine solche beinhalte, es ist schon lange her).

Ich bin diesem Mann wirklich dankbar für Hinweise, die er uns zum Schauen und zum Schreiben gab; er las, ohne uns auszulachen, Selbstgeschriebenes, das wir ihm zeigten und machte uns dann vor allem auf den Rowohlt-Band der Wiener Gruppe aufmerksam, den er uns zur dringenden Lektüre empfahl, was geschah und nicht ohne Folgen blieb.

Weiters sparte er nicht mit erotischen Praxistipps für uns 18-jährige, die wir nicht zu brauchen vorgaben, aber natürlich rotohrig aufsogen. Da man im heutigen Trottel-Biedermeier solche Passagen besser nicht mehr wiedergibt, man will ja nicht von Gouvernantenstürmen verweht werden, erfreuen Sie sich an einem schwarzen Balken. Jean-Luc Godard hätte nicht gezögert, hier ein wenig Schwarzfilm einzuflicken.

Godard, der Revolutionär, wunderbar aufgeklärt unklar und radikal – allein der Ein-oder-zwei-Dinge-Trailer auf Youtube mit seinen handschriftlichen Zwischentiteln bringt es nach wie vor voll. Der Filmemacher Harun Farocki erzählte mir einmal, Godard habe behauptet, man müsse ihm ein Championsleague-(vermutlich damals „Europapokal-“)Spiel übertragen, dann würde man sehen, wie eine wirkliche Übertragung aussehe. Aber so etwas fand nie statt, unsere Sehgewohnheiten sind und bleiben lackiert, in immer dichteren Lackschichten werden wir kommerziell an- und zugeschmiert.

Godard aber machte die Bilder leicht, Godard war Anti-Biedermeier, immer für den Knacks gut, durch den das Licht hereinbricht. Als ich zehn Jahre nach meiner Saarbrückener Premiere las, der Steirische Herbst biete eine Godard-Retrospektive an, Le cinema de Jean-Luc Godard 1954 bis 1979, 2.–16.11.1979, war mir klar, dass das meinen Freund Hans Hurch aufganseln würde. So war es. „Sie zeigen auch die Videos, die noch nie öffentlich zu sehen waren“, sagte er, „da müssen wir hin.“

Der Falter war gerade zwei Jahre alt, und wir befanden uns in den Vorbereitungen zu unserer nachmals legendären Filmwoche „Fremder Deutscher Film“, die Anfang 1980 im Wiener Action Kino gezeigt wurde, aber davon erzähle ich ein andermal. Vom Steirischen Herbst wussten wir nicht recht viel, außer dass Graz die Stadt literarischer Trunkenbolde war, aus der berühmte literarische und musikalische Exzentriker geflohen waren. Würden wir überhaupt Karten bekommen?

An Vorbestellung dachten wir nicht, die Impertinenz, Pressekarten zu fordern, war uns fremd, Internet gab es keines. Wir dachten, wir müssten uns an der Kassa anstellen, um keinen einzigen Film zu versäumen. Ort des Geschehens war das Forum Stadtpark, und als wir uns am Morgen des ersten Tages, es war ein Freitag, früh genug anstellten, war außer uns kein Mensch zu sehen. Später kamen dann noch zwei, drei Leute, aber die Videos gerieten mehr oder weniger zur Privatvorstellung. Es wurde die intimste Godard-Retrospektive aller Zeiten.

Bei den Filmen war es ein wenig besser, aber nicht einmal der nackte Hintern der Bardot in „Le Mépris“ zog Massen an. Uns fiel ein junger Mann unseres Alters auf, ganz offenbar kein Grazer. Als wir am nächsten Tag im Kaffeehaus frühstückten, kam er leicht verlegen bei der Tür herein, aber nicht unvergnügt, gleichsam auf Zehenspitzen, denn er hatte keine Schuhe, nur weiße Socken an.

Wir luden ihn ein, Platz zu nehmen. Was ist passiert, fragten wir. Er habe gestern in einem dieser Grazer Lokale bis zu Bewusstlosigkeit gefeiert, und als er zuhause aufwachte, hätten die Schuhe gefehlt, sagte der Kerl, den wir naturgemäß sogleich ins Herz schlossen. Sein einziges Paar. Unsere Garderobe gestattete es nicht, auszuhelfen. Er kam aus Schwaben, hieß Wille Güthlin und war extra angereist. Zu dritt bildeten wir das internationale Publikum der Grazer Godard-Retrospektive.

Dringend empfahlen wir Wille, Schuhe nachzukaufen. Der November war kalt, und es lag bereits Reif. Das würde er tun, sagte er, während wir in „À bout de souffle“ gingen. „A buh dö Süffel hab ich schon gesähn“, sprach er, ein geflügelter Satz, den Hansi und ich ihm später noch öfter neckend zuriefen.

Wille, stellte sich heraus, war Absolvent der berühmten Grafikschule Ulm und hatte gerade nichts zu tun. Also nahmen wir ihn mit nach Wien, und er wirkte ein paar segensreiche Jahre lang als Grafiker des Falter. So prägte Jean-Luc Godard auch das typografische Bild der Wiener Stadtzeitung.

Distance, hands, masks, be considerate!

Ihr Armin Thurnher

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