Herr Sobotka entdeckt das Internet. Es soll von St. Pölten aus geleitet werden.

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der vervirten Welt 830


ARMIN THURNHER

12.09.2022

Man möchte nur nicht diese Gemeinheit haben, die einen vielarmig, beinahe unabweisbar umschlingt. Man möchte nicht einmal in Würde leben, das geht im Sachslehner-Sobotka-Kickl-Österreich nicht mehr. Nur halbwegs unbeschmutzt.

Gestern, Sonntag, postete ich meinen 800. Zweizeiler, in dem ich den Präsidenten des österreichischen Nationalrats, Wolfgang Sobotka, zum Rücktritt aufforderte. Wie immer erhielt der Vers, den ich ausnahmsweise einmal hierher setze, ein vielstimmiges Echo von Gleichgesinnten, die ebenfalls – wie ich – mit mehr oder weniger Glück ihre Unzufriedenheit mit diesem Herrn in dieser Funktion ausdrücken und ihn ebenfalls in Reimform zum Rücktritt auffordern.

Ich hatte vorgehabt, zum Jubiläum diese Stimmen – mein lyrisches Begleitgeschwader, wie ich es zu nenne pflege – einmal zu würdigen, indem ich exemplarisch ein Verschen von jedem und jeder aussuche und abdrucke, aber die Ereignisse, sie sind nicht so, wie ich wohl will. Wie die Dinge stehen, kann ich mir wahrscheinlich eh bis zum 1000er Zeit lassen; viel länger werden wir den Herrn wohl nicht mehr sehen.

Dieser Sobotka scheint von einer geradezu klinisch verbissenen Realitätsverweigerung besessen zu sein; er nimmt ganz offenbar die Dinge gerade so wahr, wie sie nicht sind. Scheint sich dabei obenauf zu fühlen und geriert sich in Interviews immer wieder als moralische Instanz und Grande seiner Partei (wie wohl Zwerggranden aussehen?). Er tut gutgelaunt, als wäre nicht eine Popularität so tief im Keller wie die keines seiner Vorgänger und Vorgängerinnen je auch nur annähernd war, unterboten gerade mit knapper Not von Herbert Kickl.

Nun könnte auch das von stolzem Eigensinn zeugen, wenn der Mann etwas zu sagen hätte, das unpopulär, aber richtig wäre, und das er im Vertrauen auf seine Einsicht öffentlich sagt, obwohl es ihn Popularität kostet. Dieser aber wähnt, Populäres zu sagen und reitet sich dabei immer tiefer in die Miesen.

Da man bei seiner Analyse nur die Wahl zwischen abgrundtiefer Verlogenheit und abgrundtiefer Realitätsverweigerung hat, entscheide man sich um des lieben Friedens mit sich selber willen für das Erste.

Statt verlegen zu schweigen und seine Zeit als Destructivus, Zerstörer der Demokratie und Sämann von Zwietracht beschämt und still abzusitzen, drängt er sich bei jeder Gelegenheit in die Öffentlichkeit und gibt wahnsinnige Interviews, eines verrückter als das andere. Ausgewiesener Kurz-Speichellecker und Abrissbirne des Umfragenkanzlers gegen seinen eigenen Parteifreund Mitterlehner, sagt er nun über den von schwerem Popularitätsverlust geplagten Nachnachfolger: „Ich kenne keinen Bundeskanzler, der so unter Druck gestanden ist, so viel gearbeitet und mit so viel Einsatz eine so gute Arbeit abgeliefert hat wie Karl Nehammer.“ Ehe der Hahn dreimal krähte, hatte er seinen Bastibuben verraten.

Ja gewiss, es gibt nie einen Bundeskanzler, der so schwer arbeitet und so unter Druck steht wie der jeweilige schwarz-türkise. Jedoch, Houston, wir haben ein Problem: „In der Öffentlichkeit kommt die Botschaft aber nicht an.“

„Hat Türkis-Grün also ein Kommunikationsproblem?“ fragt die dienstfertige Zeitung, die ihn interviewt, die Niederösterreichischen Nachrichten. Auf diese überraschende, geistsprühende Frage hat Sobotka die passend dumpfbackige Antwort: „In der Kommunikation ist sicher einiges schief gelaufen.“ Wer hätte das gedacht? Ist’s wirklich wahr, Herr Bresident? Schief? Wer ist denn der Schief in Chief?

„Aber man spürt auch, dass viele Leute verunsichert sind und die Gesellschaft auseinanderdriftet. Das Vertrauen in die Institutionen schwindet.“ Ohmeingott, wie gnadenlos kann man den Phrasenlukas hauen? Die logische Frage unterblieb an dieser Stelle. Nämlich: Sehen Sie Ihre Saat aufgehen, die Saat des Blockierens des politischen Gegners, dieses kümmerliche Carl-Schmittln, das Sie auf die Sozis und alle eigenen Parteigenossen anwendeten, die nicht zur Kurz-Fraktion gehörten?

Natürlich fragt man ihn das nicht, und ebenso selbstverständlich sprudelt Sobo Seifenblasenberge: „ Ich sehe da nicht nur die Regierungsparteien in der Verantwortung, sondern auch die Opposition. Sie sollte das Vertrauen in die Politik nicht durch mutwillige Streitereien und ,dirty campaigning‘ permanent auf das Spiel setzen.“

Das ist schon starker Bubble-Tobak von diesem Champion des Schmutzwurfs und der Obstruktion. Aber Obacht! Jetzt hat ihm jemand gesagt, dass es da draußen so ein Internet gibt, und dass die Lösung darin besteht, dass dieses geführt wird wie die NöN. Ein Sobotka-Satz, wie in Klopapier gemeißelt: „Es muss eine redaktionelle Verantwortung.“ Ja, muss.

„Wir brauchen auch im Internet ein editoriales Prinzip“, führt Sobo weiter aus. „Die NöN hat Herausgeber und Chefredakteure, die für die Inhalte haften. Eine Online-Plattform, die Millionen User erreicht, hat das nicht. Warum? Mich wundert, dass unsere Medien dagegen nicht schon längst auf die Barrikaden gestiegen sind.“ Ja, warum nicht? Das wundert mich ehrlich gesagt auch. Aber ich darf ihm ein kleines Geheimnis verraten. Erst räumen wir ihn weg, und dann machen wir im Internet Ordnung. Von Sankt Pölten aus!

Distance, hands, masks, be considerate!

Ihr Armin Thurnher

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