Die Robinien kriegen uns alle!

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der vervirten Welt 827


ARMIN THURNHER

08.09.2022

Auch die Härtesten fallen mitunter leicht: gefallene Robinie

Ehe es zu spät ist, und die Zeit vergeht rasend schnell, komme ich noch einmal auf die Robinien zurück. Unabhängig voneinander schrieben mir zwei Mitglieder des Vereins Lanius, beide Leser der Kolumne, beide nicht als Sprecher dieses Vereins, sondern als Privatpersonen, wie sie betonen.

Reinhard Kraus schrieb:

„Als Mitglied des Naturschutzvereins „Lanius“ möchte ich ihnen sagen, der Kampf gegen die Robinien ist quasi unser täglich Brot.
So schön die falsche Akazie (Robinia pseudacacia) auch ist, so unheilvoll ist ihr Wirken oft im Kontext der Erhaltung von artenreichen Trockenrasen. Nicht nur dass sie an das neue trockenheiße Klima viel besser angepasst ist, als viele unserer heimischen Baumarten und sich damit gerade auf naturschutzfachlich hochwertigen Flächen (wie z.B. im Kamptal oder der Wachau) bevorzugt ausbreitet, kann sie als Schmetterlingsblütler Luft-Stickstoff binden und auch noch den Standort „aufdüngen“ (Brennnessel, Schöllkraut u. a. Stickstoffzeiger im Unterwuchs zeugen davon) und damit die seltenen Pflanzen der Trockenrasen nachhaltig verdrängen.
Die Robinie treibt nach dem Umschneiden eigentlich fast immer Wurzelausläufer – so wie von Ihnen beschrieben. Gut zu sehen z.B. entlang der Bahnstrecken, wo mittlerweile oft dichte Robinienstreifen stehen. Bei unseren Pflegeeinsätzen schneiden wir daher die Bäume (auch wenn sie erst im Jugendstadium sind) nie sofort um. Sie werden zuerst geringelt, bevor wir die Bäume umschneiden (… siehe dazu den nächsten Brief).
Robinien sind irrsinnig vital. Diese Prozedur muss man oft mehrere Jahre wiederholen und seitlich entstehende Jungtriebe ebenfalls ringeln oder aushacken.
Hoffe damit etwas zum erfolgreichen Kampf gegen den Robinienaufwuchs beitragen zu können.“

Zafer E. Feichtner, ebenfalls Vereinsmitglied, ebenfalls „eifriger Leser der Kolumne“, teilte mir unabhängig davon mit:

„Hier im Naturschutzgebiet Mühlau an der Pielach, Niederösterreich und an der Pielachmündung in die Donau, wo es noch letzte weitgehend naturbelassene, freifließende Flussstrecken gibt, haben wir dasselbe Problem mit diesen invasiven Neophyten (Robinie und Schwarznuss). Um den Wald dabei zu unterstützen, seine frühere Baumdiversität wiederherzustellen,  werden Robinie und Schwarznuss im Rahmen von jährlichen Pflegemaßnahmen einer speziellen Behandlung unterzogen: aufgrund der sattsam bekannten Wurzelausschläge werden diese Bäume nicht umgeschnitten, sondern nur geringelt.
Wie geht das? Entweder mit einer scharfen Axt, leichter noch mit einer kleinen Kettensäge, wird am besten im Spätfrühling (Beginn Wachstumsperiode) unterhalb der ersten Äste ca. eine Handbreit der Rinde bis unter das Cambium, d.h. bis das helle Holz sichtbar wird, rundherum abgeschält.
Wozu?

Geringelte Robinien.
Abbildung aus Monika Dirk, Universität Hohenheim, Die Robinie:
Bewertung von Bekämpfungsmaßnahmen nach 20 Jahren Robinienforschung

Dieser geschälte Ring unterbricht den Saftfluss und den Austausch der Nährstoffe von unten nach oben und vice versa von oben nach unten (!). Der Baum stirbt nicht gleich, sondern es vertrocknen ca. innerhalb eines Jahres der oberirdische Teil des Baumes (Vögel auf der Jagd lieben solche Ansitze mit freiem Blick) und auch die Wurzeln. Da die Natur ein Überlebenskünstler ist, muss nur darauf geachtet werden, dass das Cambium die Schälung nicht überwuchert und den Saftfluss wiederherstellt.
(Bei Wurzelausschlägen gilt das gleiche Prinzip des Aushungerns: Nicht abschneiden oder auszureißen versuchen, sondern mit einem scharfen Taschenmesser relativ tief am Ausschlag die Rinde rundherum entfernen. Funktioniert natürlich nicht mehr so gut wie bei einem ausgereiften Baum. Daher ist damit zu experimentieren, kurzfristig einen größeren Baum aufkommen zu lassen. Dort, wo es sie nicht stört, um der vielen Schösslinge noch irgendwie Herr zu werden.)
Viel Erfolg!“

Als Laie möchte ich mich für die Hinweise bedanken. Solche Leser muss man haben! Will nur ergänzen, dass ich etwas ernüchtert war, die schöne große Schwarznuss vor meinem Fenster als Neophytin demaskiert zu sehen. Zweitens möchte ich darauf hinweisen, falls jemand selbst ringelnd Hand an Robinienrinde legt, dass diese Rinde sehr giftig ist. Drittens, dass das Holz der Robinie hart und sowohl für Pfosten als auch als Heizholz zu recht beliebt ist. Und viertens, dass bei aller Härte die Robinien dazu tendieren, umzufallen, und Schwarznüsse des weiteren dazu, Äste abzuwerfen, auch große. Wandeln Sie im rauen Herbstwind also unter Neophyten nur mit Blick nach oben!

Die Adresse des erwähnten Vereins ist hier.

P.S.: Johannes Benigni lässt der Seuchenkolumne mitteilen:
„Herr Benigni war im Verwaltungsrat der Lukoil Tochter LITASCO in Genf und ist derzeit für die JBC Vienna GmbH tätig.“ Er ist also nicht mehr Verwaltungsrat der Lukoil-Tochter.

Distance, hands, masks, be considerate!

Ihr Armin Thurnher

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