Leben und Sterben im ORF. Ein Spätsommergespräch mit Kanzler Nehammer

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der vervirten Welt 826


ARMIN THURNHER

07.09.2022

Noch immer steht Ihr Kolumnist tief unter dem Eindruck des ORF-Sommergesprächs mit Kanzler Karl Nehammer. Blitzartig fielen ihm seine Gespräche mit dem roten Kater ein, und das, dachte er, wäre doch einmal etwas anderes, ein Gespräch nicht mit dem roten Kater, sondern mit dem schwarzen Kanzler. Schon hörte er das Sommergespräch ganz anders, aber die Worte des Kanzlers blieben die seinen, wenn er auch vielleicht darauf reagieren wird, wie im Hamlet der König, welcher sagte: Das sind meine Worte nicht, worauf Hamlet antwortete: Meine auch nicht mehr! Shakespeareisch war das Ganze auf jeden Fall, und Interviewer und Interviewerin werden mir verzeihen, dass ich ihre Fragen doch verändert und vereinfacht, sozusagen aufs Wesentliche zurückgeführt habe.

Foto: Screenshot @ ORF

FRAGE: Herr Bundeskanzler, gilt auch für die Volkspartei der Satz: Sterben müssen wir alle?
NEHAMMER: Das, was ich immer gesagt habe, ist, die Volkspartei ist viel mehr, sie sind 700 000 Mitglieder, mehr als 20 000 Gemeinderätinnen und Gemeinderäte, 1 500 Bürgermeister, sechs Landeshauptleute und viele ehrenamtliche Helfer. Ich sage das nur deshalb, weil das alles ist Volkspartei. Und einige wenige werden auch sterben müssen …

FRAGE: Sie stimmen also zu?
NEHAMMER: Da hat einmal von mir geschätzter abgeordneten Kollege der Liste Pilz, der Professor Noll, einen sehr guten Kommentar geschrieben, der ist Verfassungsrechtler, und er stellt die Gegenfrage, was anderes als das sollte denn sozusagen die Linie sein, die ein Maß ist.

FRAGE: Sie meinen, Sterben ist eine Frage der gesellschaftlichen Übereinkunft?
NEHAMMER: Die Frage ist eben, in einem gesellschaftlichen Grundkonsens kommt man eben zu einem gemeinsamen Befund, was eine Gesellschaft akzeptiert und was sie nicht akzeptiert. Und deswegen unterstütze ich hier die Aussage von Alfred Noll.

FRAGE: Also, müssen alle in der Volkspartei sterben?
NEHAMMER: Die, die gefehlt haben, müssen dann auch die Konsequenzen tragen, aber das, was für mich wichtig ist, ist, wir haben trotz all dieser Krisen und all dieser Zustände, so wie Sie auch sie bezeichnet haben, immer eines bewahrt, wir haben immer die Regierungsfähigkeit bewahrt. Wir haben eine stabile Mehrheit im Parlament gehabt, wir waren zu jeder Zeit handlungsfähig, trotz auch dieser Wechsel, die Sie angesprochen haben, und das ist auch Volkspartei. Also Volkspartei ist eben auch Verantwortung übernehmen und da zu sein, wenn es schwierig ist.

FRAGE: Ist die ÖVP schuld, dass alle sterben müssen?
NEHAMMER: Es gibt einen… also es gibt Sieg und Niederlage in diesem Prozess. Wir haben auch einen Sieg eingefahren als Volkspartei in diesem Prozess. Was man eben auch nicht sagen darf und das, was mir wichtig ist in dem Zusammenhang, diesen Prüfbericht, den wir abgegeben haben, der wird ja auch testiert von zwei unabhängigen Wirtschaftsprüfern. Und das waren nicht irgendwelche Kanzleien, sondern…

FRAGE: Ziehen Sie die Konsequenzen daraus, dass wir sterben müssen?
NEHAMMER: Also meine politische Verantwortung sehe ich nicht darin, dann wenn hier auch andere Themenfelder dann berührt werden, wenn der Wirtschaftsprüfer zu einem anderen Befund kommt, als die anderen zwei Wirtschaftsprüfer, hier daraus jetzt meinen, Sie spielen auf den Rücktritt an. Meinen Rücktritt zu sehen. Ich war damals Generalsekretär, ich habe den Bericht …

FRAGE: Aber Sie persönlich werden keine Konsequenzen ziehen?
NEHAMMER: Nein. Sage ich als Bundesparteiobmann der Volkspartei, und den Weg werden wir jetzt konsequent fortsetzen.

FRAGE: Gewissheit ist das eine, Sterben ist das andere. Unterschreiben Sie diese These ihres Innenministers?
NEHAMMER: Also es sind immer bei Zitaten – es ist wichtig, in welchem Zusammenhang sie stehen und dann könnte ich Ihnen sagen, ob ich es unterschreibe, oder nicht.

FRAGE: Die Menschen sorgen sich um ihren Tod.
NEHAMMER: Zum einen nehme ich diese Sorgen sehr ernst. Sie gehören auch zu meinen größten Sorgen. Wie bei Covid wollen wir stärker aus dieser Krise, die jetzt besteht herauskommen, als wir hineingegangen sind. Das heißt, ich will keine Krise kleinreden, ich will keine Sorgen nicht weniger ernst nehmen, aber ich will auch aufzeigen, dass wir bei Covid gezeigt haben, dass sowohl die Wirtschaft wachsen kann, dass wir mittlerweile Rekordbeschäftigung haben, dass wir Schulden abbauen, obwohl wir Schulden aufnehmen, um gegenzufinanzieren. Woran liegt das? Weil die Menschen unglaublich leistungsfähig sind in diesem Land und mit dem Tod umgehen können.

FRAGE: Können Sie eine Todesursache nennen?
NEHAMMER: Aber nur, ich möchte nur den Gedanken noch zu Ende führen, weil es wichtig ist, das, was Sie angesprochen haben, ist genau das, worauf es jetzt ankommt, wir müssen Ursache und Wirkung auseinanderhalten.

FRAGE: Denken Sie oft ans Sterben?
NEHAMMER: Ich habe immer sagt, es gibt hier keine Denkverbote in dieser Frage.

FRAGE: Wirklich?
NEHAMMER: Es wäre viel einfacher, wenn ich ausreden kann, dann finden wir auch den Gedanken wieder zurück.

FRAGE: Also nein.
NEHAMMER: Ja, wollen Sie es fertig diskutieren oder haben wir dann wieder zu wenig Zeit?

FRAGE: Oder doch?
NEHAMMER: Das heißt also: Ja, wir überlegen es. Wir haben aber noch kein Modell gefunden, das so tragbar ist, dass wir es unmittelbar anwenden können. Das ist also, deswegen haben wir gesagt, es gibt keine Denkverbote in der Frage, nur es muss ja funktionieren und vor allem, es darf uns nicht blockieren in der Frage ewiges Leben.

FRAGE: Muss man den Leuten sagen, dass sie sterben müssen?
NEHAMMER: Ich glaube schon… also, ich gebe ihnen da völlig Recht, es ist mit Sicherheit wichtig, immer zu erklären, was wir hier tun.

Distance, hands, masks, be considerate!

Ihr Armin Thurnher

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