Der Stadel mit der Rose.

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der vervirten Welt 825


ARMIN THURNHER

06.09.2022

Die Welt ist nicht so, dass sie mir erlauben möchte, von wirklich Wichtigem zu reden.
Heute kümmere ich mich nicht um die Welt und rede vom Wichtigen. Ich rede von einem alten Rosenstock in einem Waldviertler Dorf. Die andersrote Rose hätte ich sie genannt, hätte nicht Peter Handke mir das Andersgelbe vorweggeschnappt.
Die ein wenig ins Tomatensuppige lappende Farbe dieser roten Rose erinnert mich an die Lackierung von besonders schicken Sportwagen namens Borgward, die wir als Knaben, sonntags an der gepflasterten Arlbergstraße sitzend, Autos zählend, sehnlich erwarteten. Das war schon etwas, wenn endlich so ein tomatensuppenfarbenes Borgward-Coupe vorbeikam. Wobei ich ergänzen möchte, dass es die Farbe der Tomatensuppe meiner Mutter hatte, die ich deswegen nicht mochte, weil Mutter die Angewohnheit hatte, diese Suppe mit Reis aufzubessern.

Die mich an den Knabentraum des Autobeobachtens in den 1950er Jahren an der Bundesstraße 1 erinnernde rote Rose wollte ich schon lange einmal loben.
Ihr Rot kontrastiert mit dem Braun der Scheune, einer hölzernen Scheune, nicht eines jener EU-geförderten und auf die Größer jener hypertrophen Landwirtschaftsgeräte aufgeblasenen Landmaschinenhallen, die neuerdings das Land überziehen. Dieses braune Holz der Scheune und das Rot der Rose samt dem matten Graurot der leicht moosigen alten Ziegel, den rostigen Beschlägen und dem Sandsteinsockel, das ergibt ein Bild, das den ganzen Sommer über mein Herz berührt.
Vor allem, da das Bild in einem Dorf steht, wo links der propere Eigentümer seine Properheit durch einen Metallzaun dartut, dessen historische Unveränderbarkeit den Beobachter verzagen lässt. Auf der anderen Seite des alten Stadels erstreckt sich, von sauber asphaltierten Parkplätzen gesäumt, die Werkshalle eines Handwerksbetriebs. Dazwischen, wie ein letzter Seufzer von Anmut, Gestalt und Komposition der Stadel mit der Rose. Als ich wieder einmal mit dem Auto vorbeifuhr, stand der Eigentümer, oder den ich dafür halten musste, vor dem Rosenstrauch.

Ich hielt an, setzte zurück, fragte, ob er es sei, und als er bejahte, gratulierte ich ihm zu seinem Rosenstrauch und zur hölzernen Scheune und zur glücklichen Fügung von beidem, und sagte, dass sie mein Herz erfreuen, wenn ich daran vorbeifahre, und dass ich sie auch schon fotografiert habe.
Jo, des passt eh, sagte er gelassen, mir im Nachhinein Erlaubnis erteilend.
Ob er wisse, was für eine Rosensorte das sei?
Nein, aber sie würden sie schon gut pflegen.
Das sehe man! Ja nicht solle er sich einfallen lassen sie zu entfernen und durch etwas Neumodernes, grauenvoll Metallisches, derart ungut Geschlecktes zu ersetzen, wie es rundum zu sehen war.
Nana, mir pflegen des eh, war die beruhigende Antwort. Meine Unzufriedenheit mit der Schönheitauffassung der Nachbarn teilte er nicht.

Mit braunen, holzgestrichenen Scheunen bin ich aufgewachsen. Man strich sie mit Karbolineum, Steinkohlenteeröl, um sie fäulnisresistent zu machen. Mein Großvater liebte diesen Stoff, er strich sogar die Rückseite des Bienenhauses damit. Längst ist Karbolineum als krebsfördernd erkannt und verboten. Ich fragte den wackeren Rosenzüchter nicht, woher die Scheune ihr trauliches Braun hat.
Die Ästhetinnen in meiner Umgebung lieben gebräuntes oder noch besser geschwärztes Holz. Meine Frau pflegt es zu flämmen und es so resistent zu machen, ein Verfahren, das sie Japanern oder Finnen oder beiden abgeschaut hat. Das geflämmte Holz wird tiefschwarz und bleibt, ganz und gar nicht krebsverdächtig, ebenfalls konserviert.
Mit einem befreundeten Architekt im slowenischen Dorf spazierend, entdeckte dieser eine hölzerne Scheune von besonders intensivem Schwarz. Der Architekt war begeistert. Meine Frau musste versprechen, zu recherchieren, woher die tolle Farbe stammte. Dieses Schwarz konnte mühelos mit streng geheimgehaltenen japanischen Designeranstrichen mithalten. Die Antwort war ernüchternd, aber lustig: der muntere Slowene strich seine Scheune mit altem Motoröl.

Ich verkniff es mir, als ich vor der Holzwand stand, vor den Rosen, den Erinnerungen und dem Mann, der nicht gut damit umgehen konnte, dass er anderen Schönes schenkte. Als ich mich ins Auto setzte und davonfuhr, dachte ich es doch. Benn. Wer hätte es schöner gesagt als er?

Distance, hands, masks, be considerate!

Ihr Armin Thurnher

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