Corona: Weniger Tote in der Schweiz. Ein Österreich-Vergleich

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der vervirten Welt 765


ARMIN THURNHER

28.06.2022

Epidemiologe Robert Zangerle erklärt heute, was die Schweiz besser machte als Österreich, was das „inverse care law“ besagt, was eigenverantwortliches Handeln bedeuten kann, und wie politisches Agieren privates Verhalten beeinflusst. Außerdem wartet er gespannt auf Entwicklung die nächsten Wochen, da die Ausgangslange in Österreich und in der Schweiz beinahe gleich ist. Und er fragt, was es bedeutet, mit Corona zu leben, und was der Gesundheitsminister da noch lernen muss. A. T.

»Wagen wir einen Vergleich zwischen den Covid Todesfällen in der Schweiz und Österreich. Grundlage dafür bilden die Originalzahlen vom Bundesamt für Gesundheit für die Zahlen aus der Schweiz und die von der AGES für Österreich. Während die Schweiz in der ersten Welle fast das Dreifache an Todesfällen zu beklagen hatte, waren es in der 2. Welle erkennbar weniger und danach markant weniger. Was hat die Schweiz anders und seit 2021 besser gemacht?

Bevor aber überhaupt versucht werden sollte, dies zu beantworten, eine zentrale Frage: Stimmen diese Zahlen überhaupt? Eine Annäherung kann wiederum nur mit der Beurteilung der Übersterblichkeit gelingen. Hier eine Darstellung des aktuellen Modells aus The Economist, wo auffällt, dass in der Schweiz die Lücke zwischen erfassten Covid-Todesfällen und der Gesamt-Übersterblichkeit leicht größer ist als in Österreich. Wieso das so ist, kann ich nicht beantworten. Die Übersterblichkeit in der 2. Welle im Herbst 2020 war in beiden Ländern annähernd gleich groß.

Die Größe der Übersterblichkeit der 2. Welle in der Schweiz hat dort vehementere Diskussionen unter Virologen, Epidemiologen und Historikern ausgelöst als in Österreich. Und es gab auch Analysen, wie das Risiko in dieser Welle in der Gesellschaft verteilt war. Das umgekehrte Versorgungsgesetz („inverse care law“) und sozioökonomische Ungleichheiten waren in der Schweiz während dieser Phase der Covid Epidemie offensichtlich. Menschen, die in sozioökonomisch benachteiligten Wohngegenden lebten, ließen sich seltener testen, hatten aber ein höheres Risiko, positiv getestet zu werden, ins Krankenhaus eingeliefert zu werden oder gar zu sterben, als Menschen in sozioökonomisch begünstigten Gegenden. Das 1971 veröffentlichte Inverse Care Law besagt, dass die Verfügbarkeit einer guten medizinischen Versorgung in der Regel umgekehrt proportional zum Bedarf der versorgten Bevölkerung ist .

Zu Österreich gibt es dazu nichts Vergleichbares, aber im Rechnungshofbericht Pandemiemanagement der Gesundheitsbehörden im ersten Jahr der COVID–19–Pandemie findet man dafür gleich einen ersten Hinweis, wieso ab diesem Zeitpunkt (Jänner 2021) die Schweiz weniger Todesfälle zu verzeichnen hatte: „So wurden zum einen härtere Maßnahmen zur Kontaktbeschränkung notwendig und zum anderen erforderten die zu spät gefällten Entscheidungen eine längere Dauer der Maßnah­men, um die erforderliche Schutzwirkung zu entfalten. Dies zeigte sich anhand der mit Anfang Oktober 2020 beginnenden zweiten Infektionswelle, auf die der Gesund­heitsminister erst am 22. Oktober 2020 mit einer einfachen Verschärfung der Abstands– und Versammlungsbeschränkungen per Verordnung reagierte. Darauf folgte Anfang November 2020 ein, Lockdown light‘, der wegen weiter steigender Infektionszahlen und der damit einhergehenden Belastung der Intensivstationen ab dem 17. November 2020 zu einem, harten‘ Lockdown verschärft wurde und am 7. Dezember 2020 endete. Da auch mit dieser Maßnahme nicht die erforderliche Wirkung erzielt wurde, folgte am 26. Dezember 2020 der dritte, harte‘ Lockdown, der erst am 8. Februar 2021 beendet wurde.“

Dieses Hü und Hott, Auf-Zu-Auf-Zu wirkte sich ungünstig auf die Glaubwürdigkeit der Regierungen in Bund und Ländern aus und damit auf die Akzeptanz und Wirksamkeit der Maßnahmen des Pandemiemanagements. Das begünstigt ein Verhalten, wie wenn man im Auto bereits beim ersten Anblick des noch 100 Meter entfernten Schildes „Ende 50km/h“ ordentlich beschleunigt. Um von diesem Sachverhalt abzulenken, wird einfach behauptet „die Leute halten sich nicht daran“. Schon eine Chuzpe. Ein Beispiel: Die Schweiz schloss die Restaurants Ende 2020 sofort für drei Monate bis Ende Februar. Und erachtet eine Verlängerung von Anfang an für möglich. In Österreich warfen Verantwortliche wiederholt ein „nie mehr“ oder ein „unmöglich“ in die Diskussion, sodass das Pandemiemanagement zu politischer Taktiererei verkam.

Eine weitere konkrete Maßnahme, die den Unterschied zur Schweiz ab der 2. Welle erklären könnte, ist die Verpflichtung zum Home Office, die gleich ein sehr effektives Bündel an Folgen hatte: weniger Mobilität, kein gemeinsames Mittagessen, keine gemeinsamen Pausen u.a. Woraus man auch schließen kann, dass die Leute generell weniger Kontakte außerhalb ihres Haushalts hatten. Österreichs Freiwilligkeit beim Home-Office war den Vorgaben der Sozialpartner geschuldet. Auch die öffentliche Hand löste das zu schlampig, aus Vorarlberg ist mir ein Fall aus der Hoheitsverwaltung bekannt, wo in den Büros sogar ein Fitnessstudio eingerichtet wurde, weil die regulären Fitnessstudios ja geschlossen waren.

Dann gibt es noch einen Effekt, dessen ich erst vor zwei Wochen anlässlich einer wissenschaftlichen Veranstaltung in Salzburg gewahr wurde. Ein pensionierter Biostatistiker aus der Schweiz erzählte mir, dass er die strengere Zeit der Pandemie immer wieder auch stresshaft erlebte, weil es immer wieder eines Weckers bedurfte, um einen Slot für den Online Lebensmitteleinkauf zu ergattern. Ich war ganz baff, dass er trotz seines Schweizer Freisinns sich dazu verpflichtet fühlte, das so mühevoll zu organisieren – anstelle einfach in den nächsten MIGROS-Markt einkaufen zu gehen und damit aber auch zu infektionsfördernden Menschenansammlungen beizutragen. Er war da überhaupt kein Einzelfall. Obwohl etwas älter als er, wäre ich nicht auf die Idee gekommen, das so zu organisieren, auch nicht mein Umfeld mit vorwiegend Pensionisten. Es gab auch keine dementsprechenden Angebote. Dass ein beträchtlicher Teil der Schweizer Bevölkerung „eigen“verantwortlicher handelte, würde deshalb nicht verwundern. So ein Verhalten habe ich in meinem wissenschaftlichen Umfeld aus Kopenhagen auch beobachtet (weiß schon, anekdotisch, aber Zufall?).

Für die Schweiz gibt es also Hinweise, dass dort moderate Maßnahmen wirkungsvoller sind als in manchen anderen Ländern. Wieso die Schweiz das aber besser hinkriegt, kann nur vermutet werden, es gibt keine Studien dazu. War der harte Lockdown also doch die Maßnahme des dummen Mannes? Um Missverständnisse auszuräumen, die „Lockdowns“ im Herbst 2020 und 2021 waren aus meiner Sicht unvermeidlich, Sie wären aber durch frühe, strikte, jedoch weniger rigorose Maßnahmen in ihrer Härte vermeidbar gewesen. Umso interessanter wird es, die beiden Länder in den nächsten Wochen zu vergleichen, da alle Parameter weitgehend ähnlich sind. Auch das Immunitätsprofil, obgleich dort 2/3 mit Moderna geimpft sind.

In der Schweiz und in Österreich fehlt seit geraumer Zeit der politische Wille, die Übertragung von Covid deutlich zu reduzieren. Man nimmt bewusst Risiko. Begleitend war von vielen zu vernehmen, dass mit Maßnahmen gegen die noch ansteckenderen Omikron Varianten BA.2.und jetzt BA.5 ohnehin wenig ausrichten sei. Das stimmte so natürlich nie. Masken wirken, hier, hier, hier und hier in allgemein verständlicher Form. Wäre die Welt nach der Wiedereinführung einer ausgeweiteten Maskenpflicht also wieder in Ordnung? Bei weitem nicht. Es gibt zu viele Möglichkeiten, wo Menschen sich maskenlos begegnen, vor allem in Innenräumen wie Restaurants, Bars, Theater, Konzertsälen, Wohnungen und bei anderen sozialen Zusammenkünften. Wenn es also jetzt eine Maskenpflicht in öffentlichen Verkehrsmitteln und Geschäften allein gäbe, so hätte das keine großen Auswirkungen auf das allgemeine Infektionsgeschehen und würde die Gesamtinfektionsrate möglicherweise nicht sehr stark reduzieren.

So eine Pflicht wäre dennoch nicht falsch. Zur Erklärung möchte ich ein Beispiel aus dem Wintersport anführen. Immunsupprimierte und Ältere sollen halt auch nicht Skifahren gehen – ihr Problem, die Maskenlosen in der Gondel haben Vorrang! Zugegeben, die Forderung nach einer Maskenpflicht in den Gondeln wird das Infektionsgeschehen im Gesamten wenig beeinflussen, vor allem wenn man sich Bilder aus denselben Orten vor Augen führt, wo AprèsSki stattfand, als ob es keine Pandemie gegeben hätte. Und ja, auch jetzt im Sommer sind die Bergbahngondeln ordentlich voll….

Ein Aspekt, der viel zu oft übersehen wird – willentlich oder unwillentlich – soll hier nochmals betont werden. Selbst wenn das Maskentragen die Gesamtinfektionsrate möglicherweise unzureichend reduziert, so kann es doch eine wichtige und unverzichtbare Rolle spielen: Das Tragen einer Maske schützt nicht nur den Träger oder die Trägerin. Sie schützt immungeschwächte Menschen, Ältere und solche mit erhöhtem Risiko, schwer zu erkranken. Dieser Personenkreis meidet deshalb Bars, Restaurants, Partys und andere Einrichtungen mit hohem Übertragungsrisiko, aber diese Menschen müssen immer noch öffentliche Verkehrsmittel benutzen, einkaufen gehen, Arztpraxen und Krankenhäuser aufsuchen. Und sie schützt kleine Kinder, die noch nicht (aber bald) geimpft werden können.

Die Rolle von Maskenvorschriften besteht also auch darin, Menschen zu helfen, die es vermeiden müssen oder wollen, sich mit Covid zu infizieren. Wieso ist das ein so großes Problem? Wenn sich das Virus überall findet, wird es für Menschen sehr schwierig, sich individuell zu schützen, aber warum nicht wenigstens etwas tun, um ihre Risiken zu verringern? Wenn beide Seiten Masken trügen, wäre das effizienter, als wenn sich die „Vulnerablen“ (wohl oft „Vulnerablisierte“) einseitig schützen. Ist so eine „Eigenverantwortung für die Mitmenschen“ in unserer Gesellschaft wirklich zu viel verlangt?

Sein Ziel sei es jedenfalls, einen Mittelweg zu finden zwischen möglichst wenigen Einschränkungen und Vorsicht, sagte Gesundheitsminister Johannes Rauch im Morgenjournal vom letzten Samstag. So würde es im morgendlichen Stoßverkehr in öffentlichen Verkehrsmitteln angezeigt sein, eine Maske zu tragen, im leeren Zug am Abend weniger. Wenn der Zug eine ordentliche Be- und Entlüftung hat und der Zug schon eine Weile leer war, dann ist diese Empfehlung in Ordnung. Ist das aber so leicht zu beurteilen? Wenn Rauch das Maskentragen nur als Mittel zur gefahrlosen Unterschreitung eines Abstands empfiehlt, dann vergisst er dabei, dass jedenfalls auch die Aerosolbelastung und die Belegung im Raum berücksichtigt werden müssen.

Im gleichen Atemzug wies er darauf hin, dass er nicht versuche, „Maske-rauf-Maske-runter-Spielchen zu spielen“, obwohl er genau das beim Antritt als Gesundheitsminister und am 1. Juni getan hat. Ein bisschen frivol.

Generell gebe es nach Gesundheitsminister Johannes Rauch in Europa den Trend, „ein Leben mit Corona zu ermöglichen“. Sollte eine Überlastung des Gesundheitssystems drohen, sei eine neuerliche Maskenpflicht schon vor dem Herbst nicht ausgeschlossen. Sein Maßstab sei das Personal in Spitälern, von dort höre er bisher noch nichts – die Lage stelle sich derzeit als „bewältigbar“ dar. Wenn sich das einmal anders darstelle, werde er sofort handeln, so der Gesundheitsminister in der gestrigen Pressestunde. Es wäre also „egal, wie viele Menschen an Corona versterben würden, oder Long COVID erleiden würden? Solange wir noch ein paar freie Betten hätten. Was für eine unbarmherzige Haltung“ (sagt dazu Ihr Kollege Karl Lauterbach).

Die Belegung von Normalpflege- wie auch von Intensivstationen entwickelte sich in den letzten Tagen tatsächlich langsamer als am 21. Juni vom Prognosekonsortium vorausgesagt, das für den 27. Juni mit einer Belegung von 858 Normalpflegebetten ausging (Schwankungsbreite 752 – 979). Konkret waren es 729. Es wäre schön, wenn die weitere Zunahme weiterhin „verlangsamt“ erfolgte. Das ist aber nicht recht wahrscheinlich.« R. Z.

P.S.: Es gibt neue Daten sowohl von Pfizer/BioNTech als auch von Moderna zum angepassten Omikron Herbst-Booster. Ausführliche Daten dazu von Moderna liegen als Preprint vor. Beide bieten gemäß Hersteller guten Schutz vor der Omikron Variante BA.1. Wie sie gegen die aktuell kursierenden BA.4 und BA.5 abschneiden, ist noch unklar – wenngleich die Berichte auch hier eine (ausreichend?) gute Wirkung vermuten lassen. Wie immer in diesem Zusammenhang sei auch hier betont, dass solche Daten und Beobachtungen erst aus wissenschaftlich begutachteten (peer reviewed) Publikationen bzw. aus kontrollierten Studien „gelten“. Etwas Geduld ist also angebracht. Jedenfalls tagt dazu heute (28. Juni) das Vaccines and Related Biological Products Advisory Committee (VRBPAC), das Beratungsgremium für Impfungen der FDA. Man kann an dieser Sitzung heute von 14.30 – 23:00 Uhr (hiesige Zeit) live teilnehmen.

PP.S.: 4.Impfung

Distance, hands, masks, be considerate!

Ihr Armin Thurnher @arminthurnher

thurnher@falter.at


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