Unsere Werte

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der vervirten Welt 757


ARMIN THURNHER

18.06.2022

Das einzige Verhältnis zu seinem Publikum, das lohnt, sei der Krieg, schrieb Goethe einmal an Schiller. Er meinte es metaphorisch, man solle sich den Leuten nicht anbiedern. Dem stimmte ich immer zu, weil Anbiedern die Medien fast durchgängig prägt. In Wahrheit liebe ich mein Publikum. Zumindest liebe ich die meisten Reaktionen, die ich bekomme. Zum Beispiel, als ich gestern ein wenig über den Zuspruch zu dieser Kolumne jammerte (der wahrlich kein Jammer ist), erhielt ich so viel und so schönen Zuspruch, dass es wieder für ein paar Wochen reicht.

Einer sagte sogar, ihm gingen die Kater-Gespräche ab, die auch mir abgehen, und als ich das dem Kater sagte, setzte der sein Pokergesicht auf und meinte: wenn sie meinen, können wir ja wieder einmal. Zugleich brachte er sein Missbehagen über eine seltene Szene zum Ausdruck. Freddy, die weiße Nachbarskatze, ließ sich von mir streicheln. Das kommt sehr selten vor, denn Freddy ist scheu. Gestern Vormittag beobachtete er mich bei der Gartenarbeit aus sicherer Entfernung, und als ich ihn ansprach, näherte er sich, strich dann aber trotz meiner Bemühungen – ich miaue täuschend ähnlich – an mir vorbei und floh. Am Nachmittag, als ich mit Besuch auftrat, zeigte er sich auf einmal geschmeidig, legte sich auf den Rücken und ließ sich kraulen; ich musste den Spröden am Ende wegschicken, so zärtlichkeitsbedürftig war er auf einmal.

Üntschenspitze mit Dorf Schoppernau
Foto: Wikipedia

Bin heute ein wenig müde, weil ich gestern den halben Tag mit Heuarbeiten zubrachte. Heuarbeit erinnert mich unfehlbar an meine Mutter. Die hat, wenn wir durch den Bregenzerwald fahren und des Berges Üntschen ansichtig werden, der steil oberhalb des Dorfs Schoppernau aufragt, der Heimat des Dichters Franz Michael Felder, stets den Spruch parat: „Moatle hürat koan Schoppernauer, es künnt di reua, z’letscht muascht no am Üntscha heua“ (Mädchen heirate keinen Schoppernauer, es könnte dich reuen, am Ende musst du am Üntschen heuen).

Das Waldviertel ist das Gegenteil des Üntschen, flach, bestenfalls etwas wellig, dafür aber weitläufig. Dennoch ist auch hier genug zu heuen. Geschnitten ist das Gras ja schnell (wenngleich der hier vielbesungene Balkenmäher schon wieder schwächelt), aber weggebracht ist es nicht so geschwind. Heute aber werde ich ein neues Gerät einweihen. Ich habe mir ein E-Mobil gegönnt. Kein ausgewachsenes, keinen Tesla, aber einen Lastendreiradler der Firma Graf-Carello. Dieses steirische Unternehmen produziert seit Jahrzehnten E-Mobile, unter anderem jene Kleinfahreuge, die am Land von Menschen gesteuert werden, die ihren Führerschein meist wegen Alkoholmissbrauchs einbüßten.

Tuk Tuk, mein neues Dienstfahrzeug
Foto: Graf-Carello

Mein Lastenrad trägt den indischen Namen Tuk Tuk, was mich erfreut, weil es mich an den von Dreiradlern dominierten Verkehr in meinem Lieblingsland erinnert; andererseits mich wieder zur Politik führt, von der ich mich heute fernhalten wollte. Die indische BJP des Präsidenten Narendra Modi, fest an der Regierung, pflegt einen Hindunationalismus, der von Hindufaschismus mit freiem Auge kaum mehr zu unterschieden ist, und heizt die Gegensätze zwischen Hindus und Moslems immer wieder bis zum Pogrom auf. Neuerdings lässt die Regierung Häuser von radikalen Moslems mit dem Bulldozer zerstören.

Der Nationalratspräsident, kürzlich dort auf Besuch, ließ sich in safrangelber Umgebung fotografieren, fand zur einladenden BJP aber keine Worte. Er konzentriert sich bei seinen Bemühungen um eine menschlichere Welt auf die Bekämpfung des Antisemitismus. Das ist edel, wichtig und gut, und er kann sich ja nicht um alles kümmern.

Bei Modi ist er in guter Gesellschaft, denn die westliche Welt befindet sich in ihrem Kampf für „unsere Werte“ derzeit in einer kriegerischen Auseinandersetzung in der Ukraine, und „wir“, also „der Westen“ werden in vielerlei Gestalt bei Modi vorstellig, um ihn als Verbündeten zu gewinnen. Der verhält sich neutral, das heißt, er nutzt die Gelegenheit, billig russisches Öl zu kaufen und gleichzeitig um militärische Unterstützung des Westens für seinen Grenzkonflikt mit China zu pokern. Unsere Werte werden nicht mehr am Hindukusch, vielleicht aber bald am Himalaja verteidigt.

Im Herzland unserer Werte wackeln diese Werte derweil bedenklich, wie nicht erst im parlamentarischen Untersuchungsausschuss des Sturms auf das Kapitol sichtbar wird. Das ist nicht undramatisch, denn die politische Macht der Werte kommt aus den Raketenabwehrsystemen, wie wir wissen, und der Kern dieser Werte ist nicht ethisch, sondern ökonomisch.

Die Ukraine wird nun Kandidatenstatus bekommen, denn „die Ukrainer sind bereit, für die europäische Perspektive zu sterben“, wie die Präsidentin der EU-Kommission sagte. Ich glaube, sie sind bereit, für ihre Freiheit zu sterben, was nicht ganz dasselbe ist. Statt Brüsseler Pathos hätte ich gern etwas mehr Realismus, was diesen fürchterlichen Stellvertreterkrieg und alle anderen Kriege betrifft, in denen wir selbstverständlich Partei sind und uns doch verhalten, als seien wir Beobachter.

Eine freundliche Leserin gab mir den Rat, doch weniger Fremdwörter zu verwenden. Ihr mache es nicht soviel, sie schlage nach, schrieb sie, aber bei anderen käme ich besser an, würde ich einfacher schreiben. Also: unsere Werte hängen nicht von dem ab, was wir tun sollen, sondern von dem, was dabei für uns herausschaut. Keine besonders neue Erkenntnis: unsere Werte sind Machtfragen. So soll es nicht sein, aber so ist es.

Das alles ist natürlich viel komplizierter und wird ständig auf allen Ebenen ausgestritten. Ein einfaches Urteil des EUGh, das die Indexierung der Kinderbeihilfen aufhob, wurde von der Familienministerin Susanne Raab „zur Kenntnis genommen“. Man werde das Urteil prüfen, bleibe aber bei der Meinung, die Abstufung sei richtig, es sei gut, Familienleistungen und Kinderabsetzbeträge für in Österreich arbeitende EU-Bürger an die Lebenserhaltungskosten in dem Land, in dem die Kinder leben, anzupassen.

Hätten Sie nicht vorher den Gesetzestext prüfen können? Der legistische Dilettantismus der Kurzisten war nicht wirklich einer, er war schlicht Machtausübung, Propaganda mit Hilfe von Gesetzen, Festschreibung der Ungleichheit von Menschen. Sind sie Flüchtlinge, sind Ukrainerinnen mehr wert als Syrerinnen; arbeiten sie als Pflegerinnen, sind sie weniger wert als Österreicherinnen. Moderne Menschenrechte. Unsere Werte halt.

Ich höre jetzt auf und schwinge mich auf mein E-Tuk-Tuk, das gewiss der Ministerin Gewessler wohl gefällt. Auch bei ihr allerdings finde ich Wert-Inkonsistenzen, die mich mürrisch machen. Beim Lobautunnel geht ihr Umweltschutz über alles; bei Windrädern hingegen neigt sie der Ansicht zu, wir sollten es mit Umweltschutz nicht mehr genau nehmen, Gemeinden sollten ihn nicht als Argument vorschieben, wenn sie einen Windpark verhindern sollen.

Distance, hands, masks, be considerate!

Ihr Armin Thurnher

@arminthurnher

thurnher@falter.at


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