Die hirngestoppte Republik

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der vervirten Welt 755


ARMIN THURNHER

15.06.2022

Mir geht es nicht gut. Sie konnten das vielleicht an der Reihe von Druckfehlern erkennen, die sich in meine gestrige Seuchenkolumne eingeschlichen hatten. Druckfehler schleichen sich nicht ein, sie ereignen sich. Keine Angst, es folgt keine Kolumne über Druckfehler, nur eine Bemerkung. Druckfehler haben mit der Digitalisierung ein neues Leben gewonnen. Erstens durch die Abschaffung von Korrektoren bei Tageszeitungen, oder die weitgehende Abschaffung. Statt Korrektoren walten nun Korrekturprogramme, und ich muss zugeben, die gewellte rote Linie habe ich gestern ein paarmal ignorierend überschritten.

Der Fehler tut sich im digitalen Geschreibsel einfach leichter, denn es gibt ja die Autokorrektur, und die schlägt automatisch etwas vor, das vielleicht nicht ganz unseren Intentionen entsprach, aber das Leben entspricht ja ebenfalls nicht unseren Intentionen, es ist bestenfalls eine Kreuzung aus Intention und externem Einfluss.

Ich bitte für meine Druckfehler um Entschuldigung. Sie ahnen, dass diese Kolumne nicht mehr wie anfangs in der Früh entsteht, im schönen Licht des Morgens, oder nicht mehr immer. Manchmal entsteht sie abends, mitunter sogar mit dem Laptop auf dem Schoß vor dem Fernseher, und diesfalls war es das dänische Fußballnationalteam, das nicht nur der Nationalmannschaft, sondern auch mir den Nerv zog. Ich wurde wie diese schlagartig entrangnickisiert.

Allerdings habe ich das Glück, zwei Volkskorrektoren zu haben, die mir postwendend Listen mit Fehlern mailen, eine Korrektorin und einen Korrektor, um genauer zu sein. Mitunter schalten sich auch betroffene Leser ein, die mir dann ein Mail mit folgendem Text schicken: „Prtoal soll wohl Portal heißen, bitte ausbessern. Muss jetzt die Kolumne weiterlesen.“

Für solche besorgte Aufmerksamkeit bin ich sehr dankbar, und dafür möchte ich mich hier wieder einmal bedanken. Digitalisierung ist ja nicht nur böse. Digitale Kooperation kann etwas sehr Feines sein, wenn Sie nicht in Schwarmintelligenz und dergleichen ausartet, die ich weniger als hirnerweiternd denn als hirnstoppend empfinde.

Um bei meinem engeren Lebenskreis zu bleiben: Auf Twitter schreibe ich täglich, seit fast zwei Jahren schon, einen Zweizeiler, der den Oberdestructivus unserer Politik, den Nationalratspräsidenten Wolfgang Sobotka zum Rücktritt auffordert. Es sind keine Kunstwerke, sondern schnell hingeworfene, mal besser, mal schlechter gelungene Spottverse, die versuchen, an den mannigfaltigen Tätigkeiten dieses Mannes anzuknüpfen, der das zweithöchste Amt im Staat besetzt, aber nicht bemerkt, dass er nur eine einzige Aufgabe gut erfüllt. Er zeigt unübersehbar, dass Fehlbesetzungen von Ämtern unsere Demokratie ruinieren.

Sobotka ist ein hyperaktives Inbild unseres Ruins, von unüberbietbarem Fleiß im Zerstörungswerk, unermüdlich im Unnötigen, und ich beklebe dieses Inbild mit Zweizeilern. Dass diese täglich von einer vier- bis fünfstelligen Zahl an Menschen, also bisher insgesamt mehr als fünf Millionen Mal gelesen und ein paar hunderttausend Mal geliked werden, darauf bilde ich mir nichts ein.

Auf Twitter hat sich mittlerweile eine kleine Gemeinschaft mir persönlich Unbekannter gebildet, die meinen Zweizeiler mit kleinen Gedichten fortspinnen. Viele sind besser als das, was mir einfiel, manche sind sogar richtig gut. Es gibt Menschen, die einmal im Monat einen gereimten Vierzeiler dazustellen, andere machen es täglich. Mehr als dreitausend solcher Weiterungen sind bereits entstanden, man sähe Buchreihen vor sich, gäbe es jemanden, der Lyrik verlegt oder liest, aber das ist gar nicht notwendig. Vielleicht ergibt sich nach dem Rücktritt oder der Abwahl des unsäglichen Bresidenten irgendwo ein kleiner Sammelband. Das muss nicht sein, das Vergnügen liegt in der Ausdauer der Bemühungen. Denke ich daran, danke ich auch meinen Fortdichterinnen und Fortdichtern. Solange sie mich nur fortdichten, aber nicht wegdichten, ist es gut.

Screenshot: ORF

Ich wollte etwas zur Hirnstoppung anmerken, aber aus irgendeinem Grund fällt mir dazu nichts mehr ein. Ah, doch. Sie ist ebenso kollektiv wie die potenzierte Intelligenz, die meist mephistophelisch in potenzierte Bosheit ausartet oder schlimmer, in potenzierte Dummheit. Diese scheint mir die Hirnbeschleunigung im allgemeinen zu überwiegen, nein zu überpowern. So viel lärmender Hirnstillstand wie jetzt war nie, und man kann darauf tatsächlich nur mit Maulhalten antworten, obwohl man schreien möchte. Deswegen mein Eingangssatz.

Ich wollte noch mehr dazu sagen, wurde aber von einem Entlastungspaket getroffen, als ich versuchte, die Sätze eines Politikberaters so zu entschnörkseln, dass ich sie verstehen konnte. Im Wegdämmern hörte ich noch Armin Wolf, wie er den Kanzler fragte, warum der auf die Frage nicht antworten wolle, ob er zurücktreten würde, sollte der Rechnungshof aufdecken, dass wider Nehammers Versicherung die Wahlkampfkostenabrechnung der ÖVP 2019 nicht korrekt war, und dieser antwortete:

„Weil es für mich keine Frage derzeit ist. Wir haben redlich gearbeitet.“ Er bemühte sich, dabei amüsiert auszusehen.

Worauf Vizekanzler Werner Kogler, zum gleichen Thema befragt, antwortete, er kenne das Parteistatut der ÖVP nicht und wisse nicht, welche Verantwortungen dort vorgesehen seien. Er bemühte sich, dabei entschlossen auszusehen.

Im Wegdämmern notierte ich einen letzten Satz: „Die Politik bringt ein Hirnstopppaket auf den Weg …“, aber ich konnte ihn nicht fertigstellen. Die Sendezeit war abgelaufen. Wie ich dabei aussah, wollen Sie nicht wissen.

Distance, hands, masks, be considerate!

Ihr Armin Thurnher

@arminthurnher

thurnher@falter.at


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