Giersch und Journalismus

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der vervirten Welt 733


ARMIN THURNHER

19.05.2022

Giersch
Foto: Wikipedia

Bin etwas müde. Habe sechs Stunden mit Gartenarbeit zugebracht. Einerseits musste ich das Bächlein vom Schlamm erlösen, der es zum Stocken und Versumpfen brachte. Andererseits musste ich ein Beet, das ich im Herbst hätte jäten sollen, nun endlich vom Unkraut befreien. Ich musste natürlich gar nichts, aber es musste sein.

Ich habe nicht so viel Zeit, weil das Grundstück recht groß ist, also muss ich die Dinge pflegeleicht halten, das heißt zum Beispiel: Taglilien, Gilbweiderich, Pfingstrosen. Jedoch, in der lehmigen Erde, die es hier herum hat, wächst ein Kraut, das ich aller gärtnerischen Korrektheit zum Trotz als Unkraut bezeichne, der Giersch. Hegt man den nicht ein und lässt ihn machen, umschlingt er alles andere mit seinen Wurzeln und erwürgt es. Selbst weit größere Pflanzen halten ihm nicht stand. Hat man ihn einmal im Beet, bekommt man ihn kaum wieder weg, denn seine Würzelchen , so würgekräftig sie sind, so leicht reißen sie, und aus jedem im Boden verblieben Stückchen Wurzel wächst ein neuer, giftgrüner Würgebusch.

Ich mag den Giersch nicht und habe deswegen auch ein Rezept ersonnen, ihn zu essen, weil ich hoffte, das möge mir mystische Kräfte verleihen, sodass sich der Beet-Giersch aus Schreck vor meinem Koch-Ich vielleicht etwas mäßigen würde. Schnecken. Nein, davon rede ich nicht, ich meine, ich sage nichts von Schnecken, ich bleibe noch kurz beim Giersch und bei meiner Gierschmüdigkeit.

Oder besser, ich verrate Ihnen mein Rezept für Gierscherdäpfel. Dieses lehnt sich an an die böhmischen Skubanki an, falls Sie die kennen. Falls nicht, sie gehen so. Man schäle und koche eine beliebige Menge mehliger Erdäpfel, sagen wir, ein halbes Kilo, in Salzwasser. Wenn sie fast durch sind, gieße man zwei Drittel des Kochwassers ab, füge soviel Mehl hinzu, dass die Sache noch flüssig bleibt, etwa 5o Gramm und koche die Erdäpfel fertig. Achtung, nicht anbrennen lassen. Restwasser, falls nicht verdampft, wegschütten. Salzen, vielleicht etwas Butter zugeben, Erdäpfel mit einer Gabel zerdrücken und zu einem Teig verarbeiten.

Sodann sticht man mit einem Löffel Nockerln aus der Masse und brät sie in Butterschmalz goldbraun. Die Böhmen essen das mit Mohn, Zucker und zerlassener Butter, ich habs lieber salzig. Und wo bleibt der Giersch? Ich nehme zwei, drei Handvoll junger Blätter, blanchiere sie kurz in kochendem Wasser, schrecke sie ab, drücke sie aus und schneide sie grob. Dann mische ich sie vor dem Herausbacken unter die Erdäpfel-Mehl-Masse. Schmeckt prima und verlieht garantiert keine mystischen Kräfte, aber Sie haben, ohne es zu bemerken, etwas Giersch aus Ihrem Garten entfernt. Naja.

Dieses Rezept fand übrigens nicht den Weg in das Kochbuch „Thurnher auf Rezept“, das ich vor ein paar Jahren mit meiner Frau Irena Rosc gemeinsam geschrieben habe, und dessen periodische Veröffentlichung im besten Newsletter des Landes, im FALTER.morgen mit dem morgigen Tag ihr Ende findet, leider. Das Buch kann man aber noch kaufen; Restexemplare sind im Verlag vorhanden.

Ich bin auch etwas müde vom Lesen der vielen Lobreden, die über die besten Journalistinnen des Landes herniedergingen; erfreulicherweise waren unter diesen zahlreiche Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen des Falter, denen ich herzlich gratuliere. Die lustig-listige Lobrede der famosen Cathrin Kahlweit von der Süddeutschen Zeitung finden Sie übrigens heute im FALTER.morgen auszugsweise zitiert. Als alter Lobredner wie auch mannigfach Gepriesener kann ich mit aller Müdigkeit meines Alters sagen: gute Journalisten erkennt man nicht an den Preisen, mit denen sie behangen sind. Aber solche Preise sprechen natürlich auch nicht gegen die Fähigkeiten der Gepriesenen. Immerhin mögen sie Banausen dabei helfen, die Bedeutung der Gepriesenen zu erkennen, auch wenn sie Journalismus pauschal für eine pain in the ass halten.

Kahlweit pries mit ihrer Rede zwei Preisträger auf einen Schlag, Florian Klenk (Journalist des Jahres 2021) und Armin Wolf (Journalist des Jahres 2020), sie bezeichnete sie als „public intellectuals“ und sagte: „Klenk äußert sich in diesem Sinne öffentlich häufiger, polemischer, bissiger, meinungsstärker als Wolf jedenfalls und geht damit einigen Menschen ziemlich oft ziemlich ziemlich stark auf den Geist. Aber er kann auch ungeheuer sensibel und selbstkritisch sein, wenn er sich selbst bei zu viel Furor erwischt. Wolf ist vorsichtiger, zurückhaltender, rationaler – weil er eben so ist, wie er ist. Aber auch, weil ihn schon die Begrenzungen der Tätigkeit beim Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk zu einer gewissen Vorsicht zwingen. Ich bin mit beiden sehr gut bekannt, vielleicht sogar in gewisser Weise befreundet, so gut, dass ich einem von beiden schon mal sagen kann, jetzt halt mal die Papp’n, während ich das bei dem anderen nie wagen würde. Und Sie können sich jetzt überlegen, auf wen was zutrifft.“

Das ist hübsch gesagt. Und wie ich es so lese, etwas wacher geworden, fällt mir ein, der Journalismus ist ein bisschen wie Giersch. Wächst sich ein, ist nicht auszurotten, kann aber wohlschmeckend sein und hat beträchtliche Heilkräfte, wenn man ihn richtig einsetzt. Ich widme also meine Gierscherdäpfel allen Preisträgerinnen und Preisträgern und deren Lobrednerinnen.

Distance, hands, masks, be considerate!
Ihr Armin Thurnher @arminthurnher
thurnher@falter.at


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