Wolken, Operettenfiguren, moralische Debakel.

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der vervirten Welt 732


ARMIN THURNHER

18.05.2022

Das Wichtige zuerst. Knirschend kam der Zug zu einem Halt. Es war zwischen Hetzmannsdorf-Wullersdorf und Guntersdorf, die Felder erstreckten sich weit links und rechts, und hätte man nicht gewusst, dass draußen eine neue Autobahn irgendwo in einem Kreisverkehr endete, und hätte sich nur an den Kumuluswolken orientieren müssen, die nicht aufdringlich getürmt, sondern manierlich wattig aufgefahren waren und gegen den Horizont hin in ein diesiges Graublau verliefen, das jedoch eine Art Goldschimmer evozierte, sodass man dem Wetter des kommenden Tages gut gelaunt entgegenblicken durfte, ja, dann wäre man sich vorgekommen wie in the middle of Fucking Nowhere.

Da man aber wusste, dass das vertraute Guntersdorf mit seinem Autobahnstück, das im Kreisverkehr endete, nicht allzu weit war, und das Stehenbleiben des Zuges zwar knirschend vor sich gegangen war, aber nicht mit dem Umkippen von Waggons oder Schlimmerem geendet hatte, wie man es ja zu befürchten aus den täglichen Nachrichten gewohnt ist, erfreute man sich am Grün der Wiesen, am gnädigen Bahndamm, der einem die Sicht auf das Schlimmste an niederösterreichischen Kleingärten nahm, an einem Hühnergehege, in dem einige kleine weiße Hühner tatsächlich frei herumliefen, dem Bussard über ihre Häuptern zum Trotz, der ab und zu eines von ihnen holte, weshalb Millionen von Hühnern ihr Leben nicht unter Kumulus und im umzäunten Grünland verbringen, sondern in industrialisierten Hallen.

Der Blick weitete sich und richtete sich über weite Wiesen hin auf Hochstände, die zur Einhegung des Wildes dienten, in Blickabstand zueinander, solcherart auch den einen oder anderen Jagdunfall ermöglichend, denn ein Leben, das nicht lebensgefährlich wäre, wäre dieses lebenswert?

Raine zeigten auf beruhigende Weise die Vorsorge der Behörden, denn sie wurden auf behördliche Anordnung hin angelegt und gediehen bereits zu fetten Baumreihen, nun im Frühlingsgrün besonders feist aussehend, der Landbevölkerung wie jeder Baum ein steter Ärger, als Spender weniger von Schatten und Zuflucht dem Kleingetier denn als Verursacher von Blattschmutz und Abwerfer gefährlicher Äste im Wind.

Fein geordnet standen die Autos der Pendler und Pendlerinnen auf dem neu angelegten, penibel versiegelten und mit Abstandsmarken versehenen Parkplatz der ÖBB, ein Denkmal einer noch wohlgeordneten, sich trotz aller ökologischen Flausen im Wesentlichen nicht beirren lassenden Zivilgesellschaft.

In Wien, fiel mir ein, hatte ich ein Taxi nehmen müssen und den Fahrer gefragt, ob es nicht weniger Verkehr gebe, nun, da die Ölpreise derart anstiegen. Ach wo, sagte er, Sie sehen es eh, die Leute haben genug Geld. Auto fahren die immer, das Auto ist ein Heiligtum. Da standen die Heiligtümer auf dem Parkplatz, die Karosserien glitzernden Chitinpanzer von Käfern gleich. Eine Idylle.

Er ist wieder da. In der Finca auf Ibiza, wo ihm einst die Videofalle gestellt wurde. und seine Karriere scheiterte. Gescheiter ist er nicht geworden, der Strache.
Foto: Puls 4

Wir müssen die Proportionen wahren. Ich sah dann abends im Fernsehen, auf Puls24, Herrn Strache, den Corinna Milborn an den Schauplatz seines Desasters führte, auf die Finca nach Ibiza. Er versuchte, die Dinge wegzuschwätzen, wie er sie immer wegschwätzte, man hielt das für Politik, und man erinnert sich daran, dass der Schwätzer nur durch das Erscheinen des Schwindelmessias Sebastian Kurz von einem Wahlsieg ferngehalten wurde. Es war ein trauriges Schauspiel, jenen Mann als Realitätsverweigerer zu sehen, der Österreichs politische Realität fünfzehn Jahre lang prägte und auch die europäische Rechte anzuführen gedachte. Strache ist ein Menetekel, ein Denkmal des Versagens unserer Eliten, von großen Teilen unserer politischen Öffentlichkeit und auch der durch diese Eliten und die Öffentlichkeit geprägten Bevölkerung. Hört man ihn schwadronieren, leer und frech wie eh und je, kommt man sich vor wie in the Middle des politischen Fucking Nowhere.

Wo sind denn die Mechanismen, wo die Instinkte, wo die roten Linien, die solche Kerle über uns kommen ließen, oder um gendergerecht zu bleiben, solche Dilettantinnen aller Arten und Geschlechter? Die Krone sah der Wahrheit über die FPÖ erst ins Gesicht, als sie hörte, wie Strache öffentlich über sie sprach; überrascht haben kann es sie nicht. Man hat aber das Gefühl, diese Operettenfiguren werden wir eines Tages als Teil eines charmanten Vorspiels im Fegefeuer empfinden, wenn sich die politische Hölle auftut. Medien geben diesen reaktionären Schwätzern eine Bühne und lassen sie reden, wo besser nur über sie geredet oder noch besser hauptsächlich über sie geschwiegen würde. Aber wo bliebe dann die Quote?

Strache hat eine neue Version. Ich hatte ihn stets als großen Politologen charakterisiert, weil er die österreichische Realität auf Ibiza so präzise beschrieb. Er schließt sich dem jetzt an, nur beansprucht er noch die moralische Qualität des Aufdeckers: er wollte in der Finca nur die Gesellschaft verbessern.

A propos Operettenfiguren. Ich habe ihn als Reschierer dann und wann in Folgen meiner Staatsoperette auftreten lassen, mit seinem Kumpel Schmierer: Gert Schmidt, österreichischer Honorarprofessor, mit diesem Titel geschmückt wegen seiner Verdienste um die ethische Korrektheit des Glücksspiels, womit seine Lobbyistentätigkeit für den Glücksspielkonzern Novomatic gemeint sein dürfte. Dieser Gert Schmidt hatte den Falter, Florian Klenk und Lukas Matzinger geklagt, und zwar wegen deren Berichterstattung über Julian Hessenthaler. Dieser hat das Ibiza-Video gedreht, was Gert Schmidt zu allerlei Aktionen inspirierte. Zum Beispiel bezahlte der Professor Schmidt zwei übel beleumundeten Zeugen 60.000 Euro vor deren Aussagen, die ein Gericht dazu veranlassten, Hessenthaler zu dreieinhalb Jahren Haft zu verurteilen (nicht rechtskräftig). Unter anderem damit befasste sich der Bericht im Falter, dagegen klagte Schmidt, und das Handelsgericht Wien erteilte seinem Begehren, uns solche Behauptungen zu untersagen, eine Abfuhr, die sich beinahe liest wie die Aufforderung zur weiteren juristischen Verfolgung dieses Herrn. Man kommt sich vor wie im Sumpf des moralischen Fucking Nowhere, aber gewisse juristische Inseln ragen aus dem Morast.

Distance, hands, masks, be considerate!
Ihr Armin Thurnher

@arminthurnher
thurnher@falter.at


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