Erinnerung an Kurz als jungen Menschen. Vision der Ära Schramböck in der Hölle.

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der vervirten Welt 728


ARMIN THURNHER

13.05.2022

Ich sollte nicht Fernsehen. Kaum drehe ich mich weg, poppt schon das erste TV-Interview mit Sebastian Kurz auf, Servus TV natürlich, ihm gegenüber sitzt der gute alte Jelinek, der Sessel passte also, und der Ort ist das Tivolischlösserl, wo auch ich, gleich fiel es mir wieder ein, das erste Mal auf Sebastian Kurz getroffen war. Es war eine Zeit, als Andreas Unterberger noch ein Gast war, den man einlud. Er war Chefredakteur der Presse, oder gerade nicht mehr, ist nicht so wichtig, aber man kombinierte uns gern, ihn, den herzeigbaren Rechten, mich, den Linken, den man nicht ohne herzeigbaren Rechten herzeigen konnte, aber vielleicht spürte man auch schon, dass die Herzeigbarkeit des Unterberger mit dem Verlust seines Presse-Chefredakteurssessels im Begriff war in die Binsen zu gehen, egal, damals buchte man uns noch gemeinsam, und mitten unter uns saß dieser junge Schnösel, Vorsitzender der Wiener JVP, mit einem Patzen Hohlkreuz und einem kastanienbraunen, zurückgegelten Schopf und sah aus, als hätte er sein Gewand aus dem Katalog für junge Lords im mittleren Management bestellt. Er blieb mir durch eindrückliche Nichteindrücklichkeit in Erinnerung, aber auch dadurch, dass er Friedrich Heer nicht kannte, was ich ihm später immer wieder gern und folgenlos ankreidete. Zu wos braucht a konservativer Jungpolitiker an intellektuellen Hintergrund? Für nix, dachte Kurz bis jetzt, bei Peter Thiel heißt’s aber Umdenken und Literaturtheorie büffeln. Darauf freue ich mich schon, weil ich weiß, dass dem Kurz das ordentlich auf die Socken geht, aber er wird nicht daran vorbeikommen, René Girard zu lesen. Dieses Vergnügen gönne ich ihm von Herzen, und ich freue mich darauf, dass ihn seine derzeit steile Lernkurve auf dem Gipfelpunkt locker das eine oder andere Zitat des Chefmimetikers einstreuen lässt, als wär’s ein Gag von Fleischmann.

Warum sage ich das, das wissen Sie doch alles längst? Ah ja, ich erkläre ihnen , warum ich das Kurz-TV-Interview nicht angeschaut habe. Es kommt eine Kurzwelle auf uns zu, oder wir befinden uns mittendrin, und sie wird uns bis nach dem ÖVP Parteitag in sich herumwälzen und mit allerlei Propagandastückchen bombardieren und am Ende so lädiert auf den Strand ausspucken wie Karl Nehammer Margarete Schramböck ausgespuckt hat.

Ich sollte nicht fernsehen, und der Grund für diesen Satz war, dass ich die Ankündigung einer Sendung gehört hatte, die sich mit der „Ära Schramböck“ befasssen wollte. Ära Schramböck. Jahrhundert Fliegenschiss. Millennium Mücke. In einer meiner zahlreichen Phantasien übe ich einen Beruf aus, den es nicht gibt: ich sorge für Sprachbewusstsein beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Ab und zu trete ich auch öffentlich in Sendungen auf und entschuldige mich beim Publikum für die Ausführungen gewisser Politberaterschwurbler. Oder ich hinderte den Gesundheitsminister Rauch daran, sieben Mal hintereinander zu sagen, er möchte „ins Tun kommen“. Er soll was tun, oder wohin kommen. Das reicht.

Ära Schramböck!

„Wir sind weit voran“ – Margarete Schramböcks Abschiedsvideo

Ich werde mir die Sendung nicht ansehen, denn ich bin ganz sicher, Schramböcks kapitalste Fehlleistung wird nicht einmal erwähnt werden. Nein, ich rede nicht vom „Kaufhaus Österreich“. Das war als Phrase schon ziemlich gut, weil es ja darauf anspielte, die Casa Austria, das Haus Österreich in ein Kaufhaus verwandeln zu wollen, was Frau Schramböck glücklicherweise misslang, weil es anderen längst gelungen ist, den Handelsketten zum Beispiel, in deren Fernsehwerbung wir schmachten.

Könnte es zu den Aufgaben einer Wirtschaftsministerin gehören, die Dummheit von Werbung zu thematisieren? Mir scheint, Werbung in Österreich ist noch etwas dümmer und infantiler als anderswo. Sie kommt damit gewiss dem Nationalcharakter entgegen, denn die Werber selber sind ja überhaupt nicht so, sie sind Kulturmenschen, die wissen, dass die Leute Trottel sind, und sie fixieren sie mit einer gewissen Lust in ihrer Trottelhaftigkeit.

Das kann man natürlich vom Fernsehen überhaupt sagen. Und von Frau Schramböcks Ära ganz gewiss. Die kapitalste Fehlleistung wollen Sie endlich wissen? Ich danke Ihnen, dass Sie so aufmerksam bis hierher gelesen haben. Nein, es ist auch nicht die Aufforderung „digitalisiert euch“, obwohl diese in ihrer genau so gemeinten kritiklosen Affirmation nichts von dem in den Blick nimmt, was eine vernünftige Gesellschaft sehen müsste, wenn sie sich digitalisiert. Ach was, in den Blick nehmen. Es geht doch nur darum, jungen Konsumierenden Software und Hardware zu vermitteln und damit den Konzernen entgegenzukommen. Nur nicht dem Denken. Aber der Slogan heißt ja auch nicht: Geht’s dem Denken gut, geht’s der Wirtschaft gut.

Frau Schramböcks schlimmster Satz lautete: Die Schule produziert am Markt vorbei. Dafür, für diese Totalverfehlung dessen, was Schule sein und tun soll, sie soll nämlich Menschen nicht für Märkte abrichten, sondern sie soll Menschen so bilden, dass sie mit Märkten umgehen und fertig werden können und nicht ihnen sich blind unterwerfen, als Arbeitsmulis und Konsumvieh, dafür wird sie, die ihre sogenannte Ära adäquat kläglich abschloss, nämlich per Video auf Facebook, dafür wird sie im siebten Kreis der Hölle schmoren, Mark Zuckerberg wird den Blasbalg bedienen, der das Höllenfeuer unter ihr anfacht, und ein Teufelschor aus Null- und Einsteufeln wird ihr in schrillem Diskant immerfort ins Ohr gellen: Digitalisier dich! Digitalisier dich! Digitalisier dich!

Distance, hands, masks, be considerate!
Ihr Armin Thurnher @arminthurnher
thurnher@falter.at


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