Ich mochte das Lächeln auf dem Gesicht Nehammers

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der vervirten Welt 726


ARMIN THURNHER

11.05.2022

Ganz in Weiß, mit einem Mikrophonenstrauß. So ging sie gestern, ihr unverrückbares Lächeln im Gesicht, als wäre es ein Freudentag, sich bei allen bedanken zu dürfen, zuvörderst bei IHM, dem Altkanzler ihres und mancher anderen Herzen. Elisabeth Köstinger trat als Ministerin zurück und zeigte dabei alle Charakteristika, die wir an ihr zu verachten und zu bewundern gelernt haben. Eine Madonna der gnadenlosen Schönlüge, des Scheins wider jede Evidenz, des sinnsaugenden, gnadenlos Phrasen sprudelnden Nichts. So stand sie vor uns, sie, die noch vor wenigen Monaten im Fernsehen für die ÖVP und ihr politisches Überleben wie die Jungfrau von Orleans gekämpft hatte, damals gewandet als Königin der Nacht, in jenem unvergesslichen Format, das Im Zentrum heißt, weil es fast immer daneben trifft, damals, als ihr ein des Laberns satter Matthias Strolz entrüstet entgegenrief: „Elli, es ist vorbei!“

Karl Nehammer sei durch diesen Rücktritt getroffen worden, er werde nun zum Spielball der ÖVP Landeshauptleute, die Unabhängigkeit, die sich Sebastian Kurz erkämpft hatte, sei nun dahin. Nehammer müsse nun wieder Begehrlichkeiten von Bünden und Ländern erfüllen. Mag sein. So und ähnlich raunten die Politikberater. Aber wie erklären wir uns die Blindheit dieser Politikberater und anderer Schwurbler im Land, die nicht sehen, dass auch Kurz seine Loyalitäten hatte, die für das Land weit verderblicher waren? Er war nämlich seiner Generationsblase verpflichtet, jener dünnen Schicht zufällig ungefähr gleichaltriger so genannter Weggefährtinnen, die ihn wie ein Schwarm von Fischen begleiteten, während er majestätisch seinen Karrierepfad entlangschwamm. Die naturgemäß beschränkte Auswahl dieses ihm verpflichteten Personals, dem sich Kurz durchaus verpflichtet fühlte, wie er mir einmal ausdrücklich und glaubhaft versicherte, sorgte für eine noch nie dagewesene Welle von Dilettantismus in der österreichischen Politik. Dies verbunden mit dem Willen, die Strukturen des Regierens zu amerikanisieren, also die Reste von Beamten-Know-How nicht zu revitalisieren, sondern auszurotten oder mit einer Schicht von corporategedrillten Beratern zuzudecken, tat ein übriges. Verglichen mit diesen Selbstbindungen könnte Nehammer, wenn er es denn könnte, ausrufen: Österreich ist frei, und ich habe die Wahl!

Karl Nehammer bei der gestrigen Pressekonferenz
Foto: APA

Ich mochte das Lächeln auf dem Gesicht Nehammers, als er bei der Pressekonferenz, bei der er seine Neuen bekannt gab, die Fragen von Journalistinnen beantwortete. Ich fand es sympathisch, es war nicht arrogant wie jenes von Kurz, aber es ließ auch erkennen, dass man ihn nicht mit dem Kappel fängt. Er hatte Spaß, weil sie es ihm leicht machten. Das leichte Licht auf dem Gesicht Nehammers, ich mochte das. Ich dachte, wahrscheinlich erkennt auch er die Schwurbelparolen des Politikberaters wieder, diese Art über Politik zu sprechen, die unpolitischer und ratloser nicht sein könnte, und er ist auf diese Phrasenstellerei gefasst. Auch das gefiel mir.

Dann dachte ich an den Politikberater, wen immer er berät, der Sätze sagt wie: „Zuerst einmal wollte Nehammer einen inhaltlichen Aufschlag liefern am Parteitag und dann eben seine Handschrift auch personell hinterlassen, vielleicht auch durchaus in der Partei und dieser Plan wurde durchkreuzt. Jetzt ist er wieder nur Passagier, hechelt hinter der Geschichte hinterher, muss relativ rasch oder sehr rasch eigentlich jetzt Nachfolgerinnen, Nachfolger finden und das bringt ihn natürlich in eine Situation, wo er schon wieder nicht unbedingt als Manager rüberkommt.“ So also geht Politik. Zuerst einmal schlägt man auf (Tennis), dann hinterlässt man seine Handschrift (Graphologie), und schon ist der Plan durchkreuzt (Intrige). Daraufhin ist man Passagier (Tourismus), hechelt (Tierreich) hinter der Geschichte her (Historie) und kommt nicht unbedingt (Philosophie) als Manager rüber (Darstellungskunst). Den stilistischen Verwandlungskünstler, der sich derart traumtänzerisch zwischen den Genres bewegt und formuliert wie ein Rastelli, dem die Phrasenbälle herunterfallen, den nennt man, ich sagte es, Politikberater. Was sagt es über die Politik in Österreich, wenn sie so beraten ist?

Sobotka?

Mahrer?

Distance, hands, masks, be considerate!
Ihr Armin Thurnher @arminthurnher
thurnher@falter.at


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