Vertrautes und Unvertrautes. Putin in uns. Sobotka in Italien.

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der vervirten Welt 721


ARMIN THURNHER

05.05.2022

Diese Gasse blieb mir bisher glücklicherweise erspart
Foto: Irena Rosc

Muss einmal kurz durchatmen. Nach zwei Wochen wieder zurück zu Hause. Beruhigenderweise funktioniert wie immer nichts, die marode Wasserpumpe für den Garten, die Öfen lassen sich erst abends heizen, obwohl es innen saukalt ist, weil der Rauch bei der Schwüle draußen nicht aus dem Rauchfang findet.

Der Kater wurde von der Schwägerin betreut, auch dort unter etwas herausfordernden Umständen, ihr Mann hatte eine Hüftoperation. Der Kater wurde dennoch umsorgt und verwöhnt wie nie zu hause, ging aber trotzdem gern mit uns mit. Charaktersache, weil Charakter auch Gewöhnung ist: der Gute war 19 Jahre lang immer im Haus, nun erstmals zwei Wochen lang nicht, das muss ein Schock und eine kleine Ewigkeit gewesen sein. Der Hund hätte uns merken lassen, dass wir ihn beleidigt hatten. Nach unseren Urlauben, die er manchmal bei Verwandten verbrachte, kam es vor, dass er so tat, als kenne er uns nicht. Der Kater hingegen war froh, uns zu sehen. Kluger Kater. Weniger Luxus zuhause, aber alles wie gewohnt. Ergab am Ende heftiges Schnurren.

Wir waren derweil froh, nach mehr als zwei Jahren einmal wirklich weg gewesen zu sein, nicht nur auf Kurzbesuch an vertrauten Orten.

Venedig ist zwar nicht unvertraut, aber doch immer ein Wunder, immer neu. Beim Wort „vertraut“ denke ich an die Erzählung eines Onkels, der bei einem Seniorentennisturnier in der Schweiz einen Herzinfarkt erlitt. In der Klink bekam er dann Verhaltensinstruktionen, die sich mir eingeprägt haben, für den Herzinfarktfall: Kaffee ist kein Problem. Sex ist erlaubt, allerdings nur mit „vertrauten Personen.“

Mit sehr viel Unvertrautem machen wir in diesen Tagen Bekanntschaft. Allerorten wird an politischen Einstellungen gezerrt und gezurrt, man ist zu bellizistisch oder zu friedfertig, und immer wird einem gleich der Weltanschauungsprozess gemacht. Ich möchte hier nur anmerken, dass mir das allzu beflissen, wenn nicht übertrieben erscheint. Das ideologische Kind wird gern mit dem weltanschaulichen Bade ausgeschüttet.

Manchmal scheint es mir, als werde nun eine neue Weltordung des Faustrechts nicht akklamiert, aber als unumgänglich festgeschrieben. Dagegen möchte ich doch einwenden, dass der Glaube an eine vernünftige Öffentlichkeit, die mit einem Minimum an Gewalt, mit symbolischer oder argumentativer, für einen Ausgleich der Interessen und die Aufrechterhaltung der Interessen sorgt, immer schon eine Illusion war.

Aber eine Illusion, an die zu glauben doch eine sukzessive Verbesserung der Verhältnisse möglich macht. Im Moment, scheint es mir, machen wir uns mit der überraschenden Möglichkeit vertraut, dass der Mensch böse sein kann, sich keiner Regel und keinem Ratschluss fügt.

Ist aber eine Überraschung! Unsere Geschichte ist doch voller Monster, aber auch voller gezähmter Monster. Ich arbeite an einem Essay über jene, die ich die geschichtslose Generation nenne.

Das Argument, weil ein Spitzenpolitiker namens Wladimir Putin monströs handelt, müsse nun das politische Verhalten insgesamt neu geregelt werden, halte ich für stark überhastet. Gerade im Angesicht einer monströsen Überschreitung muss sich eine Rechtsordnung bewähren. Sie muss das Monster mit Festigkeit und Klugheit in die Schranken weisen, aber sie braucht deswegen nicht selbst monströs zu werden oder gleich das eigene System in Frage zu stellen, das sie doch mit guten Gründen nicht für das beste, aber für das beste ihr bekannte hielt.

So wie ein skandinavischer Politiker im Angesicht des monströsen Attentäters Brejvik versicherte, auch eine verrückte Tat würde die norwegische Gesellschaft nicht zu einer illiberalen machen, so geht es doch darum, im Angesicht eines internationalen Rechtsbrechers selbst nicht von den eigenen Zielen abzuweichen, nämlich von den Zielen, eine Demokratie herzustellen, in der Verträge das Faustrecht schlagen. Der beeindruckend prinzipienfeste norwegische Politiker war übrigens der gleiche Stoltenberg, der jetzt der Nato vorsteht.

Mir geht derzeit vieles viel zu schnell, allerhand Süppchen werden auf diesem Kriegs- und Krisenfeuer gekocht, und eine unvertraute Situation, die in Wahrheit nur uns unvertraut ist, anderen Menschen in anderen Weltgegenden mit unterschiedlichen Akteuren aber keineswegs, führt dazu, dass wir unser Selbstvertrauen verlieren.

Es geht doch darum, dass nicht Putin uns sein Gesetz der monströsen Gesetzesüberschreitung aufzwingt, sondern wir ihm unseres: der Einhaltung des Gesetzes. Nicht wir, er muss sich neu orientieren. Richtig ist, dass das seinen Preis hat. Darüber, wer diesen Preis wie bezahlt, sollte mehr geredet werden. Und zwar mit kühlem Kopf.

Immerhin hilft uns die vertraute Korruptionslandschaft täglich, uns zurechtzufinden.

Außerdem verharrt Sobotka im Amt. Gerade fuhr er zum italienischen Präsidenten Mattarella, um, wie uns berichtet wurde, jenen Dialog zu pflegen, den er für „hochrangig“ hält, der aber nur eine nutzlose Wichtigtuerei auf unsere Kosten darstellt. Mattarella musste mit allen Mitteln für eine erneute Periode ins Amt bewegt werden; Sobotka, den dort längst niemand mehr will außer letzten Resten der niederösterreichischen ÖVP, bringt dort anscheinend niemand weg. Er bleibt, als weitere historische Lektion, nämlich dafür, dass mit jemandem vertraut zu sein, nicht bedeuten muss, ihm zu vertrauen.

Distance, hands, masks, be considerate! Ihr Armin Thurnher
@arminthurnher
thurnher@falter.at


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