Elegie auf Hermann Nitsch

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der vervirten Welt 707


ARMIN THURNHER

20.04.2022

Hermann Nitsch
Foto: © APA

Hermann Nitsch, mit schweren Tönen beginn ich die Klage.

Gestern war’s, wir fuhren zur Biennale, zur Sammlung der

Artsies nach Venedig, da kam die Nachricht von deinem

Tode. Unzeitig kommt er immer, der Schnitter, doch diese

Koinzidenz war recht bitter. Schwer ist die Kunst, und blutrünstig

war die deine dazu, nicht dem Aktuellen gewidmet, dem

Tag und dem feinen Gemauschel der Kenner und Händler und Artsies.

Jünger wolltest du haben, Prophet sein, Gesamtkunstwerke

schaffen mit Blut und Gedärm, mit Gepauk und Gelärm und Gerüchen.

Rausch sollt es sein, dein Gewerk, nicht Kritik, Diskurs und anderes,

was sich so zeigt bei den Schauen der Kunst. Ich will das nicht werten.

Gebe Persönliches hiermit bekannt: deine Musik, die

ging mir nur auf die Nerven. Deshalb vielleicht: wir beide

wurden am Stammtisch nie warm. Und als ich einmal bei deinem

Pfingstspaziergang in Rausch geriet und Ekstase, mit Gipsy

Walzer tanzend abends, als Vernissage-Gäste standen mit

Achteln, gepflegt konversierend, und wir Berauschte rauschten

in sie hinein, und wieder und wieder, den Schwung der geneigten

Kellergasse nützend, da schrittest du ein, ein Ordner

gegen den Rausch. Das hab ich mir doch gemerkt, wiewohl das

schlechte Benehmen ganz meins war. War so berauscht, dass ich

umfiel beim Pinkeln auf einer Böschung. Ich nehm dir’s nicht übel.

Groß ist die Anekdote, die mir Hans Hurch überliefert.

Galerie Insam, in Siebziger Jahren, Köllnerhofgasse.

Aktion Nitsch. Man wühlte wieder in Därmen, es floss das

Blut. Der Meister in weißer Schürze, Orgie, Jünger und

freche Hunde, die einzelne Därme packten und warfen beim

Fenster hinaus aus dem vierten Stock in die Köllnerhofgasse.

Funkstreife war die logische Konsequenz. Vier Stockwerke

hoch wohl stapften die braven Beamten und klingelten an der

Tür. Sehr lange öffnete niemand. Dann du. Da standest in weißer

Schürze, bärtig und blutig und hinter dir ein Raum dessen

Boden bedeckte ein Blutsee, darin Gedärme schwammen und

Jünger standen, stumm. Da verschlugs den Polizisten die

Rede, und erst nach einer überlangen Minute

fragte der eine: „Wer hot denn dees gmocht?“ Und wieder war Schweigen.

Dann sprachst in die Stille gelassen du die goldenen Worte:

„Des waaß niemand!“ Damit war alles gesagt, und Amtshandlung

nimmermehr möglich.

Mann in Schwarz, du hattest ein Faible für

Religion, für türkise Politiker, Oligarchen und

Potentaten. Ich trag’s dir nicht nach. Denn stark war die Kunst und der

Rest war dir wurscht. Auch dass die Rechten wollten „Äh weg“ dich,

buchen wir weder auf Soll noch auf Haben. Saftig warst du, und

saftig gedenke ich deiner. Wäre ich Kunstminister, ich

mietete einen Helikopter, füllt’ ihn mit Blut und mit

warmen Därmen voll Scheiße und kippte das Ganze über den

Artsie-Fartsie-Hofmann-Pavillon in den Giardini,

über die Haute-Volée und die unekstatisch Begeisterten.

Denken wird man sich’s dürfen, und so gedenke ich deiner,

Mann in Schwarz, verstockter, verbockter, bocksgesangiger

Blutpriester, Schütter von Gnaden und österreichisches Inbild:

Kleine Geister, große Söhne, du begnadet für das Schöne.

Distance, hands, masks, be considerate!
Ihr Armin Thurnher


@arminthurnher
thurnher@falter.at


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