Ich mach mir solche Sorgen um den Trump. Kommt Senator Sebastian Kurz?

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der vervirten Welt 696


ARMIN THURNHER

06.04.2022

Was macht Sebastian Kurz? Keine Ahnung. Seine Tweets halten verständlicherweise Abstand zur österreichischen Innenpolitik und zu den Aktivitäten des Wladimir Putin, Verhandlungspartner über riesige Impfkontingente des Impfstoffs Sputnik, mit denen Kurz seine erfolgreiche „Lasst-euch-impfen!“-Corona- Kampagne krönen wollte. Die undankbare Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft hat dem ein Ende bereitet. So äußert sich Kurz auf Twitter nur zu Vorgängen in Israel und in der arabischen Welt (Kondolenzen zu Terroranschlägen, Glückwünschen zum Ramadan). Hamdullilah.

Sein ehemaliger Freund im Weißen Haus macht mir derweil ganz schön Sorgen. Donald Trump bekommt sein groß angekündigtes Soziales Medium „Truth social“ nicht vom Boden weg. Die App ist, wie durchaus hämisch gestimmte Berichte in den USA melden, ein Desaster. Der Verkaufschef und der technische Direktor haben gekündigt, nach eindrucksvollem Beginn schrumpfen die Downloads, die App liegt nur mehr an 336. Stelle aller downgeloadeten Programme. Twitter hat Trumps Account gesperrt, er kann ihn nicht ersetzen, und man darf gespannt sein, was Elon Musk, der neue Hauptaktionär von Twitter diesbezüglich tun wird. Ohne Social Media wird Trump 2024 nicht mehr Präsident, scheint die Rechte zu befürchten.

„Möglicher Königsmacher der amerikanischen Rechten” nennt ihn die New York Times: Peter Thiel, Arbeitgeber von Sebastian Kurz

Grund genug, einen Seitenblick zu Sebastian Kurz’ neuem Arbeitgeber zu werfen. Peter Thiel, Mitgründer von Pay Pal und als Trump-Unterstützer der ersten Stunde dessen Ohr im Silicon Valley, hat sich offenbar längst von diesem dubiosen, sprunghaften Präsidenten emanzipiert. Er arbeitet zwar, wie alle Republikaner, offiziell an dessen Comeback 2024 mit, verfolgt aber durchaus eigene Ziele. Ein Bericht der New York Times darüber interessiert uns naturgemäß auch deswegen, weil Österreichs größtes politisches Talent seit Metternich in solchen Plänen wohl oder übel seinen Platz finden wird.

Was tut Thiel? Der Mann, dessen Vermögen auf 2,6 Milliarden Dollar geschätzt wird, hat angekündigt, sich aus dem Aufsichtsrat von Mark Zuckerbergs Firma Meta zurückzuziehen. Thiel war nicht nur Paypal-Gründer, sondern auch Zuckerbergs erster Investor bei Facebook. Er diente ihm als konservativer Ratgeber und bestärkte ihn darin, nicht auf jene zweifelhaften politischen Anzeigen zu verzichten, die den Aufstieg der neuen politischen Rechten begünstigten. Nach dem 6. Jänner und dem Sturm aufs Kapitol schloss Facebook Trump allerdings ebenso aus wie Twitter. Thiel kommentierte Facebooks schüchternen redaktionelle Versuche, Desinformation auszugrenzen, so: Er ziehe Q-Anon und Pizzagate Verschwörungstheorien jederzeit einem Wahrheitsministerium vor.

Jetzt unterstützt der stramme Rechte die Wiederwahlkampagne von Trump, vor allem aber die Kampagnen, heuer im November die Midterm-Elections zu gewinnen. Weit mehr als 20 Millionen Dollar hat Thiel in 16 Kandidaten investiert und er hat sich dafür stark gemacht, republikanische Trump-Kritikerinnen wie Elizabeth Cheney kaltzustellen. Die Regierung Biden betrachtet Thiel als „geistig verwirrt“ (deranged).

Kritiker betrachten es als alarmierend, dass Thiel Kandidaten fördert, welche die Legitimität von Wahlen grundsätzlich bezweifeln. In Steve Bannons Worten: Thiel möchte die Republikanische Partei mit seiner Art Anti-Establishment-Contrarianism reformieren und damit die USA zu einer illiberalen Demokratie zu machen, verglichen mit der Viktor Orbáns Ungarn aussieht wie die Österreich unter Bruno Kreisky.

Thiel, so die Times, habe mittlerweile die Stelle der Koch Brothers und des Glücksspielmagnaten Adelson als Hauptfinancier der Rechten eingenommen. Zwei der interessantesten Kandidaten, die er finanziell unterstützt, waren ehemalige Mitarbeiter in seinen Firmen: J. D. Vance, Autor des Bestsellers „Hillbilly-Elegy“, kandidiert in Ohio für den Senat. Er lernte Thiel als Student kennen, arbeitet später bei dessen Fonds Mithril Capital und gründete dann eine eigene Beteiligungsgesellschaft, an der wiederum Thiel beteiligt ist. Blake Masters lernte Thiel ebenfalls als Student kennen; er arbeitet dann bei Thiel Capital und schrieb gemeinsam mit seinem Chef das Buch „Zero to One“. Jetzt kandidiert er für den Senat in Arizona.

Zwar haben beide Kandidaten nicht die besten Chancen bei den Wahlen, aber Thiel finanziert ihre Kampagnen mit je zehn Millionen Dollar und verfolgt damit konsequent seinen radikal-nationalen Kurs, schreibt die New York Times. Durch die seltene Kombination von intellektuellem Anspruch und großem Vermögen kann und wird er in der neuen, radikalisierten amerikanischen Rechten eine große Rolle spielen. Er will ein radikal neues System und braucht dafür vor allem Leute mit neuen Ideen; allerdings auf Basis der Ideologie seines Hausheiligen René Girard. „Jeder, der ihm nahe steht, kennt Girard in- und auswendig. Ironischerweise deutet das auf eine intellektuelle Konformität hin, die Thiel verabscheut“, bemerkt die Financial Times spitz.

Thiel Capital ist übrigens der Arbeitgeber von Sebastian Kurz. Dieser könnte, würde er beizeiten amerikanischer Staatsbürger, durchaus für den Senat kandidieren. Er ist ja noch jung. Ob er Thiels politischen Innovationshunger befriedigen kann, wird sich weisen.

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Ihr Armin Thurnher
@arminthurnher
thurnher@falter.at


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