Grillparzer, die Kindergruppe und ich. Und Fasten.

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der vervirten Welt 633


ARMIN THURNHER

22.01.2022

Es ist verhext. Ich bringe nichts zu Grillparzer zustande. Keinen runden Essay wie der Heidegger (Gerald). Ständig kommt mir etwas dazwischen, etwas Lästiges. Nämlich ich.

Ich sage Ihnen, was ich vorhatte. Ich wollte über Grillparzers Beitrag zu unserer aktuellen österreichischen Identität schreiben; der ist nicht unbeträchtlich, schließlich hatten wir ihn auf dem Schilling-Hunderter, erinnern Sie sich? Sie nicht, aber ich. Der Hornek-Monolog schaute zumindest an den Nationalfeiertagen in die Mittelschulen hinein, und ab und zu spielt man den Alten an den Theatern gern.

Hundert-Schilling-Note, 1954

Ich hatte vorgehabt, drei Schriftsteller zu zitieren, die im Kampf um die österreichische Identität auch Grillparzer bemühten: den reaktionären Historiker Heinrich Ritter Srbik, den randständigen katholischen Historiker und Polyhistor Friedrich Heer und den kommunistischen Politiker Ernst Fischer.

Srbiks dreibändiges Werk über Metternich, die ersten beiden Bände erschienen in den 1920er Jahren, samt einem neuen dritten, frisch herausgegeben in den 1950er Jahren von Srbik-Schüler Taras Borodajkewicz, dem offen nationalsozialistischen Hochschullehrer, Ärgernis der österreichischen Nachkriegsgeschichte (die in der Verfassung abgeschafften Adelstitel beider behielt der deutsche Brockmann-Verlag naturgemäß bei), befasst sich durchaus mit Grillparzer und unternimmt allerhand interessante Wendungen, um die Metternichsche Zensur doch zu rechtfertigen, unter welcher der Dichter litt wie Sau. Aber da muss man doch viel mehr dazu sagen. Kein Srbik heute.

Friedrich Heer hebt Grillparzers Freundschaft mit dem Protopsychologen Ernst Freiherr von Feuchtersleben hervor, dessen „Lehrbuch über ärztliche Seelenkunst“ Gedanken von Adler und Freud vorwegnehme. Ja, das Biedermeier war abgrundtief, und auch dieser Hinweis führt zur gleichen Bemerkung: Aber da muss man doch viel mehr dazu sagen. Kein Heer heute.

Bleibt Ernst Fischer. Den muss ich wenigstens etwas ausführlicher zitieren. Ich weiß nicht, wer ihn heute noch liest, den ersten Unterrichtsminister der Zweiten Republik, Chefredakteur der Zeitung Neues Österreich, diesen flammenden Kommunisten, der sich wie sein Parteigenosse Alfred Klahr um die Rekonstruktion der österreichischen Nation unsterbliche (also hierzulande gern vergessene) Verdienste erwarb und erst in den 1960er Jahren mit dem Stalinismus brach. Man sollte ihn lesen, denn er war ein glänzender Schriftsteller, was seine autobiografischen „Erinnerungen und Reflexionen“ (Rowohlt 1969) zeigen.

Vor vielen Jahren kaufte ich seinen Essay „Franz Grillparzer. Ein großer österreichischer Dichter“ in einer schmalen, 1946 erschienenen Broschüre der „Tagblatt-Bibliothek im Globus-Verlag Wien“, und natürlich sind da auch sozialistischer Realismus und Österreichpathos drin. Aber in erträglichem Maß, und, nimmt man Fischers Resümee, durchaus nachvollziehbar: „Wir glauben nun, das innerste Wesen der Grillparzerschen Tragödie zu verstehn: eine alte Gesellschaft bricht zusammen oder ist schon zusammengebrochen. Die Dinge und mit ihnen die Menschen sind zur Ware geworden, zum Werkzeug herabgewürdigt, fremden Zwecken dienstbar, aufgehoben und weggeworfen um des Goldes, der Herrschaft und des Abenteuers willen. Und gegen das Wolfsgesetz dieser Welt, gegen die Helden, die Herren, die Eroberer, empören sich hoffnungslos die einzelnen Missbrauchten und Geschändeten, wehren sich vergebens die einzelnen Erkennenden, von menschlicher Ordnung Träumenden. Die tragische Schuld der einen, der Jason, Rustan, Ottokar, Mathias, ist die Tat, die selbstherrliche, individualistische Aktivität; die tragische Schuld der andern, der Sappho, Medea, Rahel, ist, dass sie sich verlocken ließen, die Grenze ihrer Welt zu überschreiten, dass sie sich fremden Mächten hingaben, sich den Wurzeln ihres Seins entfremdeten und dadurch in Elend gerieten, das in der alten deutschen Sprache nur ein Ausdruck für ,Fremde‘ ist. Und die Tragödie aller ist (ab jetzt ist Fischers Text gesperrt gedruckt, Anm.) die Unordnung einer der Natur entwachsenen, auf Herrschaft, Eroberung, Unterdrückung beruhenden Gesellschaft.“ Grillparzer habe somit die Tragödie des modernen Menschen beschrieben.

So endet Fischers Essay, ich aber blieb schon an dessen Beginn hängen, als er Grillparzers Geburtshaus schildert. Mit diesem Haus, oder seiner unmittelbaren Nachbarschaft – hier kommt wieder das Lästige ins Spiel – habe ich eine gemeinsame Geschichte!

„Es gehört zum Wesen dieses Hauses, dessen feudale Fassade über den Bauernmarkt hinwegblickte, dass es sich nach hinten zu gleichsam auflöste, sich mit verwinkelten Hinterhöfen und Hintertreppen in eine enge, schmutzige Sackgasse verlor, von deren Existenz die meisten Menschen in Wien keine Ahnung hatten. In diesem ,mirakulosen‘ Haus mit seinen feierlichen Prunkräumen und seinen schauerlichen Gewölben, mit seinen Ratten, Schatten und Gespenstern wohnte ,standesgemäß’ und von Schulden aufgefressen der Advokat Wenzel Grillparzer.“

In so einem uralten Durchhaus hauste, es war wohl ein Nachbarhaus des Grillparzergeburtshauses, ehe es in den späten 1970er Jahren abgebrochen wurde, für ein halbes Jahr unsere autonome, also von den Eltern selbstorganisierte Kindergruppe, die zweite ihrer Art in Wien. Als einer der wenigen Väter machte ich dort (neben den meist fleißigen Müttern) Dienst und war mir der historischen Würde des Hauses bewusst, wenn ich versuchte, die lieben Kleinen halbwegs beisammen zu halten und ihnen zu Mittag noch etwas Warmes zu kochen. Vor der feministischen Kampfgruppe, der meine Ex-Frau angehörte, hatte ich mich einem scharfen Verhör über mein Verhalten zu unterziehen, wenn ich unsere Tochter abgab, deren Betreuung wir uns wochenweise teilten.

Kindergruppe auf Ausflug in der Arena ´76. Vorne links Ex-Frau, vorne Mitte Tochter.

Das musste ich noch unterbringen, und dass ich es für eine Schande hielt, dass dieses unglaubliche alte, wahrlich mirakulose Haus dann wirklich abgerissen wurde.

Den Grillparzer-Essay vertagen wir auf ein andermal. Derweil folgt mein Hinweis zum Tage: die Wiener Stadtbibliothek gibt seit gestern den gesamten Nachlass Franz Grillparzers digitalisiert frei.

Und noch etwas wollte ich sagen. Morgen beginne ich meine fast jährliche Fastenkur. Ich kann das zu Hause machen, denn meine Frau ist nicht nur Künstlerin, sie beschäftigt sich mit Ernährung und der Produktion von Lebensmitteln (sie schrieb zahlreiche Produzentinnenporträts im Falter und ist Mitautorin mehrerer Kochbücher). Seit zehn Jahren ist sie ausgebildete Fastenleiterin nach Buchinger/Lützner und Mitglied der Deutschen Fastenakademie DFA. Diese ist ein gemeinnütziger Verein, der sich seit 1978  für die Fastenausbildung und Verbreitung des heilsamen Fastens nach Dr. Otto Buchinger und Dr. Hellmut Lützner sowie für Fastenwandern in der breiten Bevölkerung engagiert.

Machen Sie sich also gefasst: ab nächster Woche wird hier nicht gefastet, aber übers Fasten berichtet. Zumindest ab und zu. Und zumindest sieben Tage lang. Kann sein, dass Schmalhans Kolumnenmeister wird.

Distance, hands, masks, be considerate!
Ihr Armin Thurnher
@arminthurnher
thurnher@falter.at


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