Fragwürdigkeitsfragment. Und eine Erinnerung an heiterere Seuchen.

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der vervirten Welt 631


ARMIN THURNHER

20.01.2022

Fragwürdigkeitsfragment ist mein Wort des Tages. Ich fand es in der letzten Strophe eines Gedichts von Gottfried Benn, und es gestattet mir, diese Kolumne frei von sogenannten türkisen Gfriesern (Andreas Khol) zu halten, den verdienstvoll auf Zack Zack aufgedeckten BMI-Chats zum Trotz.

Wie meinen Sie das: der Tod hat mit Krankheit nichts zu tun?
Ich meine das so: viele erkranken, ohne zu sterben,
also liegt hier noch etwas anderes vor,
ein Fragwürdigkeitsfragment,
ein Unsicherheitsfaktor,
er ist nicht so klar umrissen,
hat auch keine Hippe,
beobachtet, sieht um die Ecke, hält sich sogar zurück
und ist musikalisch in einer anderen Melodie.

Der Germanist Peter von Matt hat das Benn-Gedicht „Im Restaurant“ schön kommentiert, auf den überraschenden Bruch der Zwischenfrage hingewiesen und auf die beiläufige Rolle, die ausgerechnet ein Arzt hier dem Tod zuschreibe, der Doktor Benn, bekanntlich Fachmann für Haut- und Geschlechtskrankheiten, Kenner und Besinger der Syphilis in Gedichten und mir trotz seiner politischen Fragwürdigkeit deshalb als menschennahe nicht unangenehm. Auch wegen seiner Schlusszeilen, denen nicht widersprochen werden kann, wie von Matt erklärt. Tod als Musik.

Hautärzte begleiteten mich durch meine frühen rebellischen Jahre. Ich würde eine Biografie meines zweiten und dritten Lebensjahrzehnts durchaus dieser medizinischen Disziplin entlang erzählen können, und Sie würden sich vermutlich nicht langweilen. Da man ab und zu biografische Fragmente preisgibt (ich vor kurzem sogar einen ganzen Koffer voll), darf ich hier, ich weiß gar nicht wieso, ah ja, des Doktor Benns wegen, voller Dankbarkeit des Hautarztes Doktor Pfifferling gedenken.

Hannovermarkt in den 1960er Jahren
Foto: Wiener Stadt- und Landesarchiv

Im Vor-Aids-Zeitalter, da man allerhand kontrahierte, weil man jung und dumm war und nichts auslassen wollte, kam man dann zu solchen Medizinern. Oder auf die Hautklinik im Alten AKH. Doktor Pfifferling, ein Name wie von Thomas Mann, aber ein durch und durch wienerischer, recht kleinwüchsiger Mann, der mich an die Erscheinung Elias Canettis erinnerte, hatte seine bescheidene wenn auch stets gut besuchte Praxis am Hannovermarkt in der Wiener Brigittenau, war also keinesweg ein Nobelarzt, und er besaß Humor, wenn nicht zynischen Witz. Als er meinen ins Schafsmäßige lappenden Gesichtsausdruck wahrnahm, während er mir einen Tripper diagnostizierte (wieder einmal) beschied er mir trocken: „Einer Frau vertraut, auf Sand gebaut.“ Ich sage das nicht billigend, ich berichte es nur. So waren sie, die Hautärzte in härteren Tagen.

Ich durfte die Frau, der ich nicht vertraut, sondern die ich eben gerade kennengelernt hatte, was zu allen Zeiten gern erotisch riskant vonstatten ging – damals anders als heute prophylaxemäßig naiv und ohne jede digitale Vorarbeit, mühsam, aber man unterzog sich der Mühe gern – dann gleichfalls zu Doktor Pfifferling schicken, der uns je drei Stiche applizierte, wie sich das bei Seuchen gehört, allerdings in geringerem zeitlichem Abstand als bei Corona. Der dritte Stich wäre auf einen Sonntag gefallen, was den Arzt aber gar nicht störte.

Er lud uns ein, zu ihm nach Hause zu kommen. Das Zuhause erwies sich nicht als Gemeindewohnung, sondern als ansehnliche Döblinger Villa, wo wir aufs Klavier gestützt mit einem herrlichen Ausblick auf das winterliche Wien unsere Schüsse in den Hintern gesetzt bekamen, was Pfifferling mit dem befriedigten, wenngleich ungalanten und der liebreizenden Erscheinung der Dame völlig unangemessenen Satz quittierte: „So, des reicht für a Kuah“.

Das Klavier war ein Stutzflügel von Bösendorfer, aber ich wagte nicht zu fragen, ob ich es probieren dürfe, dazu war die Situation zu intim, aber zu wenig familiär.

So haben die Pandemien ihre Geschichten, und als wir aus der Villa des Doktor Pfifferling heraustraten, musste ich den Satz von Karl Kraus sagen:

„Hast Du vom Kahlenberg die Stadt dir nur besehn, so wirst du, was ich schrieb und was ich bin, verstehn!“

– der bekanntlich eine satirische Abwandlung des Grillparzerworts darstellt, das in zwei Varianten auf uns gekommen ist:

„Nur wer vom Kahlenberg das Land sich rings besehen
Wird was ich schrieb und was ich bin verstehen.“

Oder wahlweise:

„Hast du vom Kahlenberg das Land dir rings besehen,
So wirst du, was ich schrieb und was ich bin, verstehen.“

Bald ist Franz Grillparzers 150. Todestag, am 21.1., da gibt es was zu berichten, und derweil höre ich jeden Morgen die feinen Kurzessays des Germanisten Arno Dusini zu diesem Anlass. Viele wunderbare Fragwürdigkeitsfragmente finden sich in Grillparzers Tagebüchern und Epigrammen.

Ich schaue auf das Land hinunter und sehe lauter Fragwürdigkeitsfragmente. Die Pandemie hat vieles in Frage gestellt, aber das Wesentliche nicht: die ökonomisch-politischen Machtverhältnisse. Auch wenn jetzt einhundert Millionäre nach einer Millionärssteuer rufen.

Fragwürdigkeitsfragmente und Unsicherheitsfaktoren. Die Leute halten die Pandemie nicht aus. Niemand hält das aus. Vor allem nicht, wenn verachtenswerte, verkommene Agitatoren die Unsicherheit ausnützen, schüren, multiplizieren und „wissenschaftsskeptisch“ drehen. Die Stunde der Fragwürdigkeitsfragmente ist ihre Stunde.

Die Unverantwortlichkeit der politisch an der Macht oder an der Sprachmacht Befindlichen besteht darin, dass sie keine Sprache finden und fanden, dass ihre Phrasen nun fadenscheinig werden wie nie. Und dass selbst bei fragloser Sachkompetenz ihre Rolle schwierig wäre, weil das Virus die Fragwürdigkeit als Fragment nicht nur darstellt, sondern ist. Sie haben aber keine Sachkompetenz. Was man ihnen zutraut, ist höchstens Interessenkompetenz. Vor allem im eigenen Interesse.

Die Fragwürdigkeitsfragmente und Unsicherheitsfaktoren wachsen auch deshalb nun vielen, gefühlt fast allen über den Kopf. Man darf sich durch dieses Auswachsen beängstigt fühlen.

Was aber brauchen wir? Zuversicht!

Ds Leben ist lebensgefährlich, die Risikogesellschaft besteht aus Risiken, die wir normalerweise geschickt verdrängen. Jetzt geht das nicht mehr, das Normale wirkt auf einmal außernormal.

Wir brauchen Zuversicht in der Aussichtslosigkeit, aussichtslose Zuversicht, ich kann es nur so sagen. Es gibt noch andere Melodien als den Tod.

Distance, hands, masks, be considerate!
Ihr Armin Thurnher
@arminthurnher
thurnher@falter.at


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