du + ich = Kitsch hoch zwei.

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der vervirten Welt 626


ARMIN THURNHER

14.01.2022

Manchmal ist es einfach zum Verzweifeln. Es gibt jetzt eine „Initiative für mehr Zusammenhalt“, die mit viel Geld und Aufwand beworben wird, es gibt Werbespots, die ungefähr die Glaubwürdigkeit eines Ama-Werbefilmchens oder einer Köstinger-Pressekonferenz aufweisen. Weil i ganz genau / aufs Lebensmittel schau / und drum der Landjugend vertrau, oder so, und jetzt schauma wieder gemeinsam aufs Land und ins Land eini und unterm Land umanand.

Jetzt erringen wir wieder die Lufthoheit unter den Stammtischen, wie das Franz Schuh so gültig ausgedrückt hat. Ein unwürdig ergrautes Haupt wie meines erinnert sich noch an runde Tische unseligen Andenkens, als alles im Lande zusammenrücken musste, um Unheil abzuwehren. Unheil, das von den bösen Juden an der Ostküste drohte, die uns den guten Präsidenten Kurt Waldheim miesmachen wollten. Hätte es damals schon Antisemitism-Warriors vom Kaliber eines Wolfgang Sobotka gegeben, Waldheim wäre nie auf den Plan getreten.

Nach Waldheim drohte Ungemach von den EU-14, die Sanktionsdrohungen über unser Unschuldsländchen brachten. Angestiftet wurden sie von rachsüchtigen Sozis, die nicht verwinden konnten, dass Wolfgang Schüssel einfach so sein Wahlversprechen brach und als Dritter mit Jörg Haiders Hilfe Kanzler wurde, statt in die Opposition zu gehen.

Runde Tische, Schulterschlüsse und rotweißrot beschalte Treuebekenntnisse aller Arten waren danach Minimalerfordernis in der Öffentlichkeit.

Dieses Land sulzt sich ein in Gemeinsamkeit zu einem Haussulz-Gesülze. Aber erst, nachdem die eine Hälfte alles getan hat, um die andere auf die Palme zu bringen. Dann geliert man zu Orgien von Bild- und Ton-Verlogenheit, zu einem Nationalkitsch, der so weit in den Chauvinismusschmus hinüberlappt, dass man sich nach der nüchternen Ästhetik einer evangelikalen Massensegnung in der Stadthalle oder einer Gebetsstunde im Parlament zu sehnen beginnt.

Da streicheln junge fesche Ladies alte Knacker, da wird geschmust und ein Dialektoid gesingsangt, dass sich der durchschnittliche Dachdecker, Landmann oder Mechaniker böge, könnte er noch lachen. Da wird auf Social Media agiert, denn das ist wichtig wichtig wichtig. Ja, es ist eh wichtig, aber das Ganze geht so, wie ich es beim Malermeister Andy gelernt habe, der mich auf der Social Media Seite von „Du + Ich“ am meisten interessierte: einmal alles glattschleifen, dann drüberspachteln, Gewebe einlegen, schleifen, glattspachteln.

So möchten sie es mit dem Diskurs machen. Ich weiß, die meinen es alle gut, aber um Himmels Willen, nicht schon wieder! Der neue ORF-Chef Weißmann ist auch beteiligt. Hat sich der noch nie überlegt, woran die Kommunikation scheitert, ehe er mit hilflosem Marketing-Kitsch versucht, alles in ein „Samma-wieder-gut-und-tamma-als-warat-nix-gwesn“-Gefühl hinüberzuziehen? Als wäre Österreich ein riesiger Heuriger oder eine riesige Skihütte, wo wir einander zwar kanzlermäßig infizieren und kicklmäßig ein Krügerl über den Schädel ziehen, wo wir aber dann nach ausreichend verabreichtem Alk doch wieder miteinander schmusen, einander streicheln und vor Rührung schluchzen? Mir san ja net aso. Mir san jo eh die reinsten Lamperln.

Ich will damit nur eines sagen: eine kaputte gesellschaftliche Kommunikation wird man mit Abschleifen und Drüberlügen nicht reparieren. Corona ist kein Marketingunfall. Die Schwurbler und Hetzer konnten in der Pandemie auch deswegen punkten, weil die offizielle, regierungsnahe Kommunikation im ORF (mit den üblichen Ausnahmen in Journalen und Nachrichtenredaktionen und auch einem Stöckl-Forum, das ich sah) sich nicht traute, konfrontativ vorzugehen und weil sie es nicht schaffte, sich den Gegensätzen zu stellen. Sondern weil sie nach Malermeister Andy agierte, wie immer.

Aus Angst vor offener Feindschaft versucht man zu oft, die Gegnerschaft zu unterschlagen. Widerspruch gilt als gefährlich. So können simulierte Debatten in Servus-TV und anderen Fake-News-Milieus punkten, weil beim Publikum das Sensorium ausschlägt, dass im Vergleich dazu den schaumgebremsten ORF-Debatten und Vorführungen meist etwas fehlt. Dort wird Konfrontation simuliert, im ORF meist seimige Kantenlosigkeit vorgeführt.

Ist alles nicht so einfach, ich weiß. Aber mit Spachtelei und ins Land einischaun weit unter Forcher-Niveau werden die Gutwilligen nix reißen.

„Die Umsetzung der österreichweiten Kampagne wurde kurzfristig über die Weihnachtsfeiertage von zahlreichen Kreativen unter der Führung der Agenturen Radjaby Reset und Studio Sonntag ermöglicht. Auftraggeber sind das Rote Kreuz, die Österreichische Ärztekammer (ÖAK), die Österreichische Gesundheitskasse (ÖGK) und der ORF. Die Produktion wird von ÖAK, ÖGK sowie weiteren Sponsoren aus der Wirtschaft finanziert, von Unternehmen unterstützt und durch kostenlose Schaltungen im ORF ermöglicht,“ berichtet das Branchenmedium Horizont.

Schad ums Geld. Gerade weil es so wichtig wäre, das sogenannte gesellschaftliche Gespräch zu retten. Wer „Klüfte schließen“ will, muss sie erst einmal ausmessen. Muss jene benennen, die sie aufreißen und aufgerissen haben. Muss die tektonischen Kräfte aufzeigen, die da an der Arbeit sind. Muss aufzuklären versuchen. Und sollte einsehen, dass mit Meister Andys Spachteltechnik hier nichts auszurichten ist. A Gletscha is ka Rigipsplottn.

Distance, hands, masks, be considerate!
Ihr Armin Thurnher
@arminthurnher
thurnher@falter.at


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