Der paradoxe Patriotismus. Eine Grabung.

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der vervirten Welt 619


ARMIN THURNHER

06.01.2022

Es ist so weit. Die Schuldabtragung beginnt. Beim Abgraben dieses Riesenhügels mit meiner bunten Plastikspielzeugschaufel kippe ich in die frühe Kindheit zurück und frage meinen Vater, was das bedeute, Ewigkeit. Und der Vater spricht einen jener Sätze, die einen ein Leben lang begleiten (wenn das die Väter wüssten, um wieviel aufmerksamer würden sie sprechen): „Stell dir eine große Eisenkugel vor. Ein Rabe kommt alle tausend Jahre einmal geflogen, um seinen Schnabel an ihr zu wetzen. Wenn er die Eisenkugel mit seinem Schnabel zum Verschwinden gebracht hat, dann ist gerade einmal eine Sekunde der Ewigkeit vergangen.“ Nach dieser kurzen Ewigkeitsbedenksekunde wende ich mich also, gestärkt durch Hoffungslosigkeit, erneut dem Schuldabtragen zu und komme somit heute zum paradoxen Patriotismus. Sie erinnern sich vielleicht nicht mehr daran, aber ich. Ich hatte den Begriff des paradoxen Patriotismus erwähnt, erzählt, wie er mir zuflog und versprochen, den Text, in dem ich ihn erstmals öffentlich machte, hier nachzutragen. Es war der Schluss meines im Jahr 2000 erschienenen Buchs „Heimniederlage. Nachrichten aus dem neuen Österreich“, und wie sich herausstellte, hat niemand mehr dieses Buch als File, der Verlag nicht und ich auch nicht; das heißt, ich schon, aber nicht den Schluss, auf den es mir hier ankäme. Gerade dieser Schluss fehlte. Also musste ich ihn abschreiben, aber wie das heute so geht, diktiert man ihn lieber dem Computer, der dann gleich einmal aus „Haider verhöhnte die Weisen der EU“ ein „Haider verwöhnte die Meisen der EU“ machte (die Weisen waren würdige Altpolitiker, von der EU eingesetzt, um zu beurteilen, ob die Sanktionen der EU-14 gegen das Haider-Schüssel-Österreich angebracht wären; am Ende beurteilten sie diese sie als unangebracht. Vielleicht hatten die Weisen ja eine Meise?). „Weil das geht unter in die Parklücke Österreich Rolle in Europa“, variierte der Computer derweil, nicht ganz unzutreffend, was „All das geht unter im Debakel der österreichischen Rolle in Europa“ heißen hätte sollen. Solcherart aufgewärmt, können wir uns den – nun hoffentlich durchgehend originalen – Schlusszeilen dieses Werks widmen, die da lauteten: »Wie Österreich (mit dem Schlamassel seiner Existenz als Gurkenstaat umgehen, Anm.) kann, habe ich nun zwar nicht hinreichend, aber ausführlich untersucht. Wie ich meine nicht vorhandene Chance nutzen kann, frage ich mich noch immer. Bei einer Österreich-Veranstaltung an der Europäischen Universität in Florenz hatte sich auch der österreichische Kulturattaché eingefunden. Ermüdet von den nicht abreißenden Argumenten der angereisten österreichischen Intellektuellen, auch meinen, meldete er sich zu Wort. Es reiche ihm, sagte er, dass man immer auf den Versäumnissen dieses Nachkriegsösterreich herumreite, es sei doch eine ungeheure Erfolgsstory gewesen. Niemand hatte das bestritten. Aber möglicherweise, sagte ich, bestehe der Erfolg auch darin, dass wir Kritik an den Defiziten üben. Wir drücken unsere Liebe zum Land aus, indem wir unser Interesse an der Verbesserung des Gemeinwesens dartun. Und warum sollte ich nicht schulterschlusslos stolz sein auf ein Land und auf Leute, die wesentliche Teile der Moderne hervorgebracht haben, in der ja die Skepsis gegen den Nationalismus wurzelt? Auf den Landsmann Karl Kraus, der die erste fundamentale Kritik an der nationalchauvinistischen Rolle der Medien formulierte? Warum sollte nur die Bundesrepublik Deutschland als unnationales Staatswesen durchgehen, wenn in der Habsburgermonarchie neben der Realität des Völkerkerkers auch die Idee des Reichs der gleichberechtigten Völker existierte? Warum sollte sich die Integrationskraft des Schmelztiegels Wien im Angesicht des trivialsten Chauvinismus verstecken? Sollte der Sozialstaat, um den uns Europa beneidet hat, seiner öffentlichen Defizite und seiner bürokratischen Deformationen wegen nichts mehr wert sein? Gut, ich will unchauvinistisch sein. Ich will nicht stolz sein. Aber ich will stolz sein können! Österreich hat viel verloren. Österreich hat hoch verloren. Österreich hat sich selbst verloren. Aber auch nach der Heimniederlage muss es weitergehen. Patriotismus, Bestemm und enger Stolz aufs Land, als Trotz, als Nostalgie oder als Appell an den guten Willen, reichen nicht. Nur der paradoxe Patriotismus vermag die nicht vorhandene Chance zu nutzen. Österreichischer Patriotismus ist ein Paradox, weil er als Staatspatriotismus 1000 Jahre lang nicht existierte und vor 50 Jahren erst erfunden werden musste. Der paradoxe Patriotismus besteht auf dem Selbstverständlichen. Der paradoxe Patriotismus beharrt gerade jetzt auf der europäischen Rolle Österreichs, da diese von der Regierung mit Füßen getreten wird. Der paradoxe Patriotismus pflegt den Stolz auf ein anderes Österreich, das momentan nichts gilt. Ein Österreich, das es gibt, aber eher in der Möglichkeitsform (nicht umsonst wurde auch der Möglichkeitssinn hier entdeckt). Der paradoxe Patriotismus zieht dem Einschlagen der Schädel wie dessen landesüblicher Alternative, dem Einziehen des Kopfes, das elegante Ausweichen vor. Der paradoxe Patriotismus bringt es nicht einmal zu einem Programm. Nur zu dem Hinweis, wie wenig seine Gegner, die Austrochauvinisten, von jenen besseren nie realisierten Möglichkeiten ahnen, die in einer Absage an die Dominanz einer Nationalität über andere Nationalitäten lägen. Ja, der paradoxe Patriotismus begleitet die gegrölte Hauptmelodie wie ein gern überhörtes, dezent intoniertes Seitenthema. Wie anders als ausweichend sollte man in einem Land reagieren, wo die Logik welkt und die Lügen blühen, wo die Politik eingeht und die Paradoxa im Saft stehen? Aber vielleicht, und damit tröste ich mich bis auf weiteres, ist das ja nicht nur in Österreich so.«

Distance, hands, masks, be considerate! Ihr Armin Thurnher @arminthurnher thurnher@falter.at


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