Sebastian Kurz, der Kohleholer des Medienkillers

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der vervirten Welt 614


ARMIN THURNHER

31.12.2021

Wir schreiben die 614. Seuchenkolumne, aber diesen Text begann ich schon vor Wochen; genau genommen vor sechseinhalb Jahren. In Stift Göttweig war ich 2015 zu meiner Überraschung vom damaligen Landeshauptmann Pröll, dem Veranstalter des Europaforums Wachau eingeladen worden, einen Vortrag zu halten. Ich sprach bei freier Themenwahl über die Gefahr, von den Tech-Konzernen der USA kolonisiert zu werden und forderte, die EU solle nicht nur diese Konzerne einhegen, sondern mit allen Mitteln, sozusagen koste es was es wolle, versuchen, ein europäisches Silicon Valley zu gründen und „den beiden Gefahren unseres digitalen Jahrhunderts“ entgegentreten, „einem Kapitalismus ohne Demokratie und einer diktatorischen Marktwirtschaft“.

Man hörte mir freundlich zu und nickte. Beim Essen danach saßen mir auf der Terrasse Pröll und der junge Staatssekretär für Integrationsfragen gegenüber. Sie gingen mit keinem Wort auf meinen Vortrag ein, versuchten mich aber mit Vehemenz von zwei Dingen zu überzeugen: dass erstens die Caritas ein gieriges kapitalistisches Unternehmen sei, das humanitäre Zwecke nur vorschiebe, und dass man wie Boris Johnson, der damals noch lange nicht Prime Minister war, von der australischen Migrationspolitik lernen müsse, Flüchtlinge auf Inseln zu konzentrieren.

Sebastian Kurz und Peter Thiel, 2017 freudig auf Twitter gepostet von Kurz
Foto: Twitter, Sebastian Kurz

Der junge Mann war, sie haben es längst erkannt, Sebastian Kurz, ein „leading character“ dieser Kolumne, der mir nun durch sein stilgerecht in der Krone und in Heute bekanntgegebenes Avancement als „geopolitical strategist“ beim Investor Peter Thiel nicht abhanden kommt, sondern vielmehr durch diese Wendung in seiner Biografie alles erfüllt und bestätigt, was ich bisher an ihm kritisierte.

Diese Kolumne ist eine Seuchenkolumne, und ich glaube, man kann mit Recht Silicon Valley das Wu-Han jener Kommunikationsseuche nennen, gegen deren Verbreitung kaum mehr etwas zu machen ist, für deren Virulenz in Europa und Österreich Kurz einiges getan hat und die letztlich die Institutionen der Demokratie solange unter unerträglichen Stress setzt, bis sie einknicken.

Es waren ja nicht nur Consulterwesen und Message Control, welche die Kurz’sche Regierungszeit und seinen Regierungsstil prägten, es war auch die Attacke auf Mainstream Media. Der Angriff geschah entweder durch Korruption mittels Inseraten oder durch Diffamierung; durch die mögliche Ausschaltung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und die Stärkung privatwirtschaftlicher Alternativen; und nicht zuletzt durch die Zerstörung des öffentlichen Gesprächs weniger durch dessen Ausschaltung als vielmehr durch den Versuch, es durch bloße Simulation dieses Gesprächs zu ersticken.

Es war die Unterminierung dessen, das man als demokratische Öffentlichkeit bezeichnen kann.

Die Sympathien, die Kurz offensichtlich für Donald Trump hegt, erklären sich auch aus solchen Ambitionen. So wäre es denn logisch gewesen, wäre Kurz bei Google untergekommen, dessen Privatseminare beim Ex-Chef Eric Schmitt er zweimal besuchte. Oder bei Springer, unter Matthias Döpfner sozusagen die europäische Enklave von Silicon Valley. Döpfner war ja auch der Starredner der ersten und einzigen Medienenquete, die Kurzens Weggefährte (und Auch-schon-Weg-Gefährte) Gernot Blümel in Wien veranstaltete.

Aber das kann ja noch kommen, denn Kurz wird europäische Aufsichtsratsmandate annehmen, heißt es. Wäre ja gelacht, würde Döpfner, der deutsche Verbinder ins Silicon Valley, der dabei so tut, als wäre er die personifizierte Schildwache der Pessefreiheit, nicht an ihn denken. Jedenfalls bin ich froh, dass wir mit unseren Steuergeldern die Kurz’schen Bewerbungstrips nach Kalifornien finanzieren durften und dass seine von uns gesponserten Kontakte jetzt so reiche Früchte tragen.

Die Stanford University, das ideologische Zentrum des neuen libertären Denkens, wäre gewiss eine ebenso passende Plattform für Kurz, der noch dort für einen begabten Rhetoriker gehalten wurde, wo er nur ein guter Vorleser war; das wird sich mit Stanford-Absolventen und -Stipendienfinancier Thiel gewiss einrichten lassen.

Der Investor Peter Thiel ist eine Galionsfigur, in der sich Wesen und Ungeist von Silicon Valley brennglasartig bündeln. Reich geworden durch PayPal mit Partner Elon Musk, war er erster Investor Mark Zuckerbergs. Entschlossener Reaktionär, ist er staatsfeindlich bis in die Knochen, was ihn nicht hindert, für seine Monopole den Schutz des Staates und vor allem dessen Geld in Anspruch zu nehmen.

Dafür kann er die internationalen Beziehungen des Sebastian Kurz gut brauchen, darin und nicht in Strategieberatung wird dessen Aufgabe bestehen: Staaten Kohle zu entlocken, denen man zugleich die Demokratie unter den Beinen wegzieht. Thiel finanzierte neben anderem das Seastading Institute, das auf See ein rechtsfreies Territorium errichten wollte, um von da aus, ungehemmt von demokratischem legalem Mumpitz, die Welt zu regieren. Daraus wurde vorläufig nichts.

Thiels Biografie erschien dieser Tage auf deutsch, und man konnte wieder einmal sehen, wie Publikationen aus dem angelsächsischen Raum zu uns schwappen. Die Übersetzung eines zuerst in der London Review of Books veröffentlichten brillianten Essays von David Runciman erschien in der Zeitschrift Merkur; auch sonst fehlte es nicht an lobenswerten Berichten in den hiesigen Medien.

Das Ö1 Mittagsjournal hatte einen solchen, auch über Thiels unheimliche Spionage-Firma Palantir, im Standard porträtierte Hans Rauscher Thiel, ich muss das nicht alles wiederholen.

Drei Dinge möchte ich ergänzen.

Erstens fand ich amüsant, dass Ö1 die Herkunft des Worts „Palantir“ aus Tolkiens Roman „Herr der Ringe“ korrekt erwähnte, auch, dass man mit den sehenden Steinen Macht in die Ferne ausüben kann; dass jedoch unterschlagen wurde, wer diese Steine besitzt: es ist Sauron, der Herr des Bösen.

Zweitens ist Thiels Engagement für Donald Trump gerade deswegen interessant, weil er es nicht aus inhaltlichen Gründen unternahm, obwohl er seit Studententagen als stockreaktionärer Libertärer bekannt ist. Nein, er betrachtete es als reines Risiko, als Einsatz, um seinen Einfluss zu mehren. Alle anderen Silicon-Valley-Tycoons standen auf der Seite Hillary Clintons; Thiel konnte nur gewinnen. David Runciman: „Hätte Trump die Wahl verloren, wovon so gut wie alle ausgegangen waren, hätte Thiels Parteinahme doch zur öffentlichen Persona eines Mannes gepasst, den es nicht kümmert, was der Rest der Welt denkt. Dass er wieder einmal den Provokateur spielen wollte, würde nur mit allgemeinem Achselzucken quittiert. Für den höchst unwahrscheinlichen Fall von Trumps Sieg hätte er einen privilegierten Zugang zur neuen Regierung.“ Und so geschah es auch.

Drittens unterschlug die Darstellung auf Ö1 (nicht die des Standard) eine bemerkenswerte Facette: Thiel ist ein Medienkiller. Und zwar buchstäblich. Als das Internetmagazin Gawker aufdeckte, dass Thiel homosexuell ist, schwor er wütend, es zu vernichten. Dies gelang, indem er einen Prozess des Wrestlers Hulk Hogan finanzierte, der das Magazin wegen Verleumdung klagte, was zum Ruin von Gawker und zu dessen Einstellung führte.

Wir erinnern uns von fern an „Feindmedien“, denen Kurz radikal alle Mittel entzog, die er entziehen lassen konnte (im Fall des Falter, schätze ich, summierte sich das in den Kurz-Jahren auf etwa eine Million Euro).

Dass Thiel dem üblichen Silicon-Valley-Suprematismus anhängt und sich mit Bluttransfusionen ewige Jugend sichern möchte, gehört zu den Charakteristika einer neuen Herrenmenschenkaste, für die Demokratie nur ein lästiges Geschäftshemmnis darstellt und die sich für eine Fortexistenz als superintelligente Wesen rüstet.

Noch einmal Runciman: „Wie kann man sich als radikaler Liberaler mit Staatsfonds, dem militärisch-industriellen Establishment und dem Überwachungsstaat anfreunden? Eine mögliche Antwort wäre, dass es sich bei Thiels Libertarismus um eine rein rhetorische Größe handelt. Er trägt ihn vor sich her, um von seinem wahren Geschäftsmodell abzulenken, das darin besteht, dass rückgratlose Bürokraten das Geld der Steuerzahler für unausgereifte Technologien (an Thiel, Anm. AT) vergeuden. Ebenso denkbar wäre allerdings, dass das Wesen des Libertarismus genau darin besteht.“

Und: „Wenn es einen Schlüssel zu Thiels Philosophie gibt, ist es dieser: Führe deine Feinde öffentlich vor, aber wahre Schweigen über deine Freunde.“ Seuchenpech, wenn diese zuviel chatteten.

Kurz, der Ex-Kanzler eines rückgratlosen demokratischen Staates, ist endlich dort angekommen, wo er hingehört. Als Assistent eines Mannes, der das System, dem Kurz einst zu dienen schwor, ausnimmt wie eine Weihnachtsgans und dabei märchenhaft reich wird, und Kurz mit ihm. Kurz dient aber nicht nur beim Geldverdienen. Er assistiert in einem auch beim antieuropäischen Projekt des gegenaufklärerischen Digitalkapitals und wird hierzulande noch klammheimlich dafür bewundert.

It’s extraction, baby! And destruction. Wir sind die kapitolinischen Gänse des 6. Januar, die zu schnattern vergaßen.

Den Rest erledigt Frau Schramböck. Frei nach Mark Zuckerberg: Digitalisiert euch, ihr Trottel!

Distance, hands, masks, be considerate!
Ihr Armin Thurnher
@arminthurnher
thurnher@falter.at


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