Ich bin kein wirklicher Sexist. Über den Umgang mit Gutem und Bösen.

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der vervirten Welt 612


ARMIN THURNHER

29.12.2021

Gestern und heute versuchte ich mich zu beruhigen. Heizte meine vier Öfen, stets über die Schulter blickend, ob nicht Kachelmann hinter mir stünde, ein Halbmeterscheit drohend erhoben, wüste Beschimpfungen ausstoßend, ehe er zuschlüge. Dachte dann, was ich stets denke, wenn ich an Kachelmann denke: der hatte es auch nicht immer leicht.

Danach ging ich ans Klavier und spielte sämtliche Mozartsonaten durch; vorgestern 1 – 9, gestern 10 – 18 (Fantasie inklusive). Ich spiele nicht mehr gut, Holzhacken und Mähen machen die Pfoten hölzern, die beginnende Arthrose ist auch kein Spaß, geübt wird zu selten, im Gehör lockern sich Schrauben, die Welt beginnt leise zu scheppern, aber es war nur das Metronom aus Plastik, das besser nicht auf dem Klavier steht.

Mit dem Alter treten neben solche Verluste auch Gewinne: besseres Verständnis fugierter Passagen, mehr Liebe zu den langsamen Sätzen, in denen sich Unglaubliches auftut: Dissonanzen, Erhabenes, Expeditionen in unsagbare Tiefen, einbegleitet und ausgeleitet von Glockenspiel und Zuckerguss.

Es ist ein Klischee, aber Mozart kann das Hirn reinigen, wie einst die Disc-Cleaner für CD-Spieler. Zu reinigen ist einiges. Noch immer stehe ich unter dem Schock der puritanischen Empörungswelle nach Best of Böse; die Verblendung der Empörten ließ sie fast allesamt von einem Cover sprechen, wo es sich doch bloß um eine Cover-Parodie im Heftinneren handelte. Keine besonders gute, zugegeben.

Solche Dinge entstehen oft unter immensem Druck, jemand hat eine Idee, sie will umgesetzt sein, ein paar Leute umlagern einen Bildschirm, der Mensch am Schirm ist hundert Anregungen ausgesetzt, braucht aber passende Bilder, damit die Blickachsen in der Montage dem Original entsprechen oder dem satirischen Zweck, man hat aber keine luxuriöse Bildredaktion, sondern nur eine Person, die hundert andere Bilder auch noch auftreiben soll, und Druckabgabe ist jetzt.

Ich entschuldige nichts, ich erkläre nur. Wer druckt, ist verantwortlich, da führt kein Weg darum herum. Das höfliche Erklären hat nichts gefruchtet und wurde von den Böswilligen als Spott ausgelegt. Ich will nicht von der Montage sprechen, sondern von der Unverhältnismäßigkeit und der Wucht der Empörung, die sich nicht allein damit erklären lässt, dass hier naturgemäß Rechnungen beglichen wurden.

Gewiss lag all der Schmerz darin, sich von Sebastian Kurz und „seiner Freundin“ (seine Standardbezeichnung) trennen zu müssen. Jetzt leidet dieses Paar so, und ihr rohes Volk tut ihm auch das noch an und vermiest ihm die einzige Freude, das Kind. Ja, verstehe ich. Dass Paar und Kind umgekehrt benützt wurden, um einen Weihrauchnebel von Heiligkeit über eine von A bis Z unheilige Politkarriere inklusive Abgang zu breiten, dass Susanne Thier sich sehr wohl ausführlich an der Bildproduktion dieser Karriere beteiligte, und dass man das deswegen satirisch und auch scharf behandeln darf, verstehe, wer will. Ich verstehe es.

Musste man die Reaktionen aber nicht auch so verstehen, dass hier endlich eine Gelegenheit war, einem Aufdeckermedium etwas heimzuzahlen, dessen Aufdeckungen eine Gesellschaft regelmäßig beschämen, sie decouvrieren, wie man so sagt, was ja auch ein anständiger Akt ist, der einem unanständig vorkommen soll, weil hier etwas oder jemand bloßgestellt wird? Leider konnte die Nacktheit des Herrn Meischberger, die es zur stehenden Phrase gebracht hat, „da bin ich supernackt“, doch nicht jene als Pornographen erscheinen lassen, die davon berichteten.

Dass eine Gelegenheit war, einmal jene, die mit ihren naseweisen Kommentaren nie das Maul halten, die stets die Ruhe stören und sich dabei an keine  Schweigekonvention der Familien halten, einmal ordentlich in die Schranken zu weisen?

Die Zustände in der Neo-Oligarchenrepublik Österreich, die ich spätestens seit Frank Stronachs Wirken beklage, kann man nicht gut jenen umhängen, die sie aufdecken. Aber man kann es versuchen. Die Veröffentlichung der Chats, versuchte man uns weiszumachen, sei ein Bruch des Postgeheimnisses, eine Schlüssellochsauerei, und, wäre es um pornografische Abbildungen gegangen, gewiss auch ein Sexismusskandal. Wäre dieser nachgewiesen, wäre alles andere verblasst, und die Aufdecker wären als die wahren Schweine entlarvt.

Wenn die Medien eine Satire von unter uns gesagt politisch komplett nachrangiger Bedeutung orchestriert hochjazzen, als sei es eine Staatsaffäre, dann haben wir zumindest ein Verhältnismäßigkeitsproblem (wie wollen sie dann über wirkliche Affären von Sigi Wolf bis Thomas Schmid und zurück urteilen, und über deren politische Drahtzieher?).

Es ist ein Wettlauf mit der Zeit. Wenn demokratische Politik nur mehr darin besteht, handelnden Personen als Durchlauferhitzer zu dienen, um in das Oligarchenspiel aufgenommen zu werden, haben wir ein Problem.

Wenn die Maßstäbe politischen Handelns nur darin bestehen, sich nicht für den Personalmarkt zu ruinieren, sondern sich vielmehr mit möglichst guten Kontakten und Beziehungen auszustatten, dann haben wir ein Problem.

Wenn die Korruption vor der Finanzverwaltung nicht Halt macht, wenn sie in die Justiz hineingreift, wenn sie die Medien durchseucht, und wenn jene diskreditiert und verhöhnt werden, die daran rühren, dann haben wir wahrlich ein Problem.

Ich frage mich, ob und warum ich auf die Türkisen so fixiert bin. Ich bin es nicht, ich sehe nur bei ihnen kaum mehr Personen, die nicht involviert oder zumindest Mitwissende sind. Wenn Frauen vom Fleisch des Kurzismus dem Falter moralische Verkommenheit bescheinigen, aber angesichts der pauschalen Korrumpierung der Republik stumm bleiben, dann habe ich ein Problem.

Dieses Geschäftsmodell funktioniert noch.

Wenn ein Boulevardjournalist wie Richard Schmitt, dem nichts Intimes zu privat war, um es an die Öffentlichkeit zu zerren, in der ÖVP-nahen Plattform (nie passte ein Wort so gut) »exxpress« sich über eine journalistische „Sauerei“ des Falter empört, von der Zeitung, „die alles macht“ für die Macht ganz zu schweigen, dann habe ich ein Problem.

Eine Pikanterie eigener Art scheint zu sein, dass der Sexismus-Vorwurf alles andere toppt, wie Wolfgang Fellner sagen würde, den es erst erwischte, als er sexueller Übergriffe (nicht rechtskräftig) überführt wurde. Seine sonstigen segensreichen Tätigkeiten zum Wohl der Republik und des Damals-Noch-Nicht-Kanzlers Kurz störten niemanden. Dieser selbst ritt das Geilomobil und empörte damit keine einzige ÖVP-Frau.

In meinem Fall genügte aber ein Scherzgedicht (darauf komme ich bei Gelegenheit noch zurück) oder die flotte Benennung eines Herzenskolumnisten, den ich – völlig unbehelligt von den Empörten – einen Herzensfaschisten nennen kann, und der den Lieblingskanzler aller ÖVP-Frauen derart anhimmelte, dass selbst diese vor Neid erblasst sein müssten, was wahrscheinlich schon wieder …

Jedenfalls genügte all das, um mich, der ich nicht wirklich ein Sexist bin, eher ein unwirklicher, dedecoris causa, unehrenhalber, so wie es wirkliche und unwirkliche Hofräte gibt, und ja, ich fühle mich durch die Zuschreibung beleidigt und gekränkt, was nur im Falle rassistischer Kränkungen eine Rolle spielt, in meinem Fall aber nichts bedeutet, denn einen alten Trottel kann man gar nicht beleidigen (Gerontophobie ist das letzte Freispiel der Feinfühligen); in jedem Fall also genügte es, mich mit dem S-Wort zu bewerfen.

Sie versuchen, mich als eine Art Harvey Weinstein für Arme hinzustellen, für jene Armen im Geiste, die auf Kritik nichts zu erwidern wissen außer den schrillen Ruf „Sexist, Sexist“ auszustoßen, wie Kachelmann „Feinstaubtrottel, Feinstaubtrottel!“ ruft, wenn er ein Holzfeuer brennen sieht. Dagegen kann man nichts machen, weil der Sexist und der Trottel ja im Auge der Betrachtenden liegen, ein Splitter im Vergleich zu den Balken, aus denen das X im eigenen Auge gezimmert ist.

Das wollte ich einmal gesagt haben, obwohl ich weiß, dass man das nicht sagt, nicht sagen darf. Mein persönlicher Social-Media-Trainer will mir ja nur helfen, aber er hat mir noch nie gesagt, was man sagen soll, nur, was man besser nicht sagt. Mittlerweile gibt es soviel mehr, das man besser nicht sagt, dass man ganz verstummen möchte. Würde man nicht damit endlich jenen willfahren, die einen zum Schweigen bringen wollen.

Das musste ich einmal loswerden. Man soll doch versuchen, seinen Magenkrebs hinauszögern, so gut es geht. Jetzt gehe ich und schaue, ob mir das Andante aus K. 533 hilft. Und morgen kommt der Epidemiologe.

Distance, hands, masks, be considerate!
Ihr Armin Thurnher
@arminthurnher
thurnher@falter.at


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