Die Wunde Dollfuß

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der vervirten Welt 593


ARMIN THURNHER

07.12.2021

Seit ich denken kann, sind die Ernennungen von Ministern und Ministerinnen durch Bundeskanzler eine Lotterie. Bruno Kreisky zum Beispiel zog einen SS-Mann aus dem Hut, der flott wieder abtrat und durch einen einfachen Nazi ersetzt wurde; fünf andere waren schon da. Man gönnte sich ja sonst nichts.

Bundespräsident Thomas Klestil gab seinem Unmut über die Koalition der Schüssel-ÖVP mit der Haider-FPÖ Ausdruck, indem er zwei Kandidaten der FPÖ ablehnte. Alexander van der Bellen fand nichts dabei, Herbert Kickl anzugeloben. Jetzt nahm er dessen mittelbarem Nachfolger den Amtseid ab, Gerard Karner aus dem schönen schwarzen Niederösterreich.

Sogleich sah sich dieser, ich zitiere einen Bericht von orf.at, „mit Unmut wegen eines Dollfuß-Museums in seiner Gemeinde konfrontiert.“ Nicht gerade „Wirbel um“ oder „Hickhack“, aber immerhin Unmut. Dort, im schönen Texingtal, dem Geburtsort des austrofaschistischen Diktators, steht es seit 22 Jahren, von keinem fragenden Schatten beschattet und von keinem kritischen Kratzer angekratzt. Das Geburtshaus des Engelbert.

Dollfuß-Museum Texingtal
Foto: wikimedia commons/GT1976

Alles kein Problem. Karner, Pressesprecher des legendären Ernst Strasser und vielleicht als solcher Autor des unvergessenen, Asylwerbenden gegenüber geäußerten Satzes „Ich lade Sie ein, umzukehren!“, ist kein heuriger Hase. Statt den Satz „Ich lade Sie ein, sich über etwas anderes Sorgen zu machen“ in Richtung Grüne und SPÖ zu schleudern, die sich naturgemäß über das Dollfuß-Museum ereiferten, schwieg Karner.

„Vom Minister selbst lag vorerst keine Stellungnahme vor.“ Wozu auch, er hat ja Sprecher. „,Es ist wichtig, dieses dunkle Kapitel der österreichischen Zeitgeschichte zu beleuchten‘, hieß es von einem Sprecher des Ministers auf APA-Anfrage. ,Ein klares Bekenntnis zum demokratischen Rechtsstaat und gegen Nationalsozialismus, Antisemitismus, Faschismus und jeglichen Extremismus ist selbstverständlich – gerade für Gerhard Karner‘, sagte der Sprecher.“

Das beruhigt mich nun sehr, denn gerade von Gerhard Karner, einem der offensivsten bekennenden Antifaschisten der ÖVP, habe ich nichts anderes erwartet. In der Tat war ich verblüfft, dass ein solches Museum auf dem Gelände seiner Gemeinde so lange durchhalten konnte, ohne dass Karner seine antifaschistischen Brigaden mit Bulldozern schickte und das Museum in ein Beinhaus, einen Karner verwandelte.

Es kommen keine Bulldozer. Es kommen die Neugestalter. „Kommendes Jahr soll das Museum neu gestaltet werden, sagte der Sprecher: Karner habe bereits im Mai mit dem Obmann des Zeithistorischen Zentrums Melk – Verein MERKwürdig gesprochen, dieser soll in die ,zeitgemäße Kontextualisierung des Dollfuß-Museums eingebunden werden, im Rahmen eines breit aufgestellten Prozesses für das Jahr 2022 anlässlich des 50-Jahr-Jubiläums der Gemeinde.“

Ich begrüße die Tatsache, dass gerade Gerhard Karner das 50-Jahr-Jubläum von Texingtal nicht übersieht und es vielmehr würdig begeht. Da hat der Karner-Sprecher Recht. Und es ist gut, dass sein Chef seinen geraden, wenn auch manchmal etwas überschießenden Antifaschismus zügelt und dem Kontextualismus freien, wenn auch verschlungenen Lauf lässt. Fragt sich nur, ob er das Modell Blimlinger vorzieht (Planieren) oder doch das Modell Kaup-Hasler (sensibler Umgang, reflexive Erhaltung).

Fest steht: Engelbert Dollfuß ist die sich niemals schließende Wunde der ÖVP.  Sie brachte erst über sich, sein im Parlamentsklub aufgehängtes Bild abzuhängen, als ihr Umzug in die temporären Parlaments-Container anstand; nun ruht es unauffällig im Depot des niederösterreichischen Landesmuseums.*

Aus den Tiefen des Depot Niederösterreich kommt ja alles, was diese Republik erfrischt. Eine offene, und ja, leidenschaftliche Auseinandersetzung über den Faschisten Dollfuß, der das Parlament außer Kraft setzte, der Arbeiter ermordete, indem er das Heer auf den Karl-Marx-Hof schießen ließ, wird nun gerade Gerhard Karner in Gang bringen. Dann aber wird er uns andererseits gerade daran erinnern, dass Karl Kraus Dollfuß als einzige Hoffnung gegen Hitler ansah, wofür er von Linken aller Epochen hart kritisiert wurde. Und gerade Karner wird uns nicht vorenthalten, dass Dollfuß von Nazis bei deren Putschversuch im Kanzleramt erschossen wurde.

Trotz alledem muss sich gerade die ÖVP zu einer Kritik von Dollfuß durchringen. Dass sie das nicht kann, dass sie ihn noch immer als einen der ihren betrachtet, den sie sich nicht aussaschiassn lässt, zeigt, wie sehr die Wunden der Ersten Republik in der Zweiten fortschwären, und wie wenig diese Partei bereit ist, zu ihrer Heilung beizutragen. Er ist einer der ihren, ja, aber ein Faschist und Diktator mit Blut an den Händen. Gerade darum herumzuschweigen, erhält diesen Tatbestand schön wirkmächtig.

„Das Museum gebe es nicht erst seit gestern, sondern seit über 20 Jahren, entgegnete ÖVP-Klubchef August Wöginger (in der ORF-Sendung Im Zentrum, auf die Vorwürfe des Sozialdemokraten Jörg Leichtfried, Anm.). Museen gehörten auch immer wieder überarbeitet. ,Da muss man sich anschauen, ob es noch zeitgemäß ist.‘“

Wie zeitgemäß sind Wöginger und die Seinen?

*  Dazu teilt  mir Florian Müller vom Museum Niederösterreich mit:

  • Das Museum Niederösterreich mit dem Haus der Geschichte (seit 2017) heißt seit 2016 nicht mehr Landesmuseum.
  • Das Dollfuß-Bild befindet sich nicht bei uns. Es befindet sich im Depot der Landessammlungen Niederösterreich.
    Das Dollfuß-Portrait war in der Sonderausstellung „Die umkämpfte Republik“ von 10.09.2017 bis 24.03.2019 zu sehen, und zwar im Kontext einer kritischen Installation, die die vielen Stimmen zu Dollfuß wiedergegeben hat. 

Sorry.

Distance, hands, masks, be considerate!
Ihr Armin Thurnher
@arminthurnher
thurnher@falter.at


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