Was heißt da noch normal?

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der vervirten Welt 592


ARMIN THURNHER

06.12.2021

Demonstrationen jedes Wochenende, die Rechte erobert die Straßen der Republik. Das ist in einer allgemein instabilen Pandemie-Lage ungemütlich, und bei der bekannt asymetrischen Sympathie der Exekutive nicht unproblematisch. Dazu kommt neuerdings der Streit auf der Linken, wie das alles einzuordnen sei.

Sind das in der Mehrzahl „normale Leute“, die da demonstrieren, gekidnappt von einer kleinen Minderheit von Neonazis und medienbewussten Identitären? Oder ist es der aufquellende Bodensatz eines neuen Austrofaschismus ohne „e“?

Freaks bei der Demo am 5.12. in Wien
Foto Screenshot Twitter

Wie immer sind solche „Debatten“ in den Social Media nicht möglich, weil  dort andere Mechanismen greifen.

Es geht mir nicht um Selbstverständlichkeiten. Selbstverständlich marschiert man nicht hinter rechtsextremen Parolen her. Da rächt sich naturgemäß die Schwäche der offiziellen Abgrenzung gegen rechts, bei der eine Regierungspartei nichts dabei findet, mit einer verrückten Impfgegnerpartei in eine Koalition zu gehen. Mitten in der Pandemie geschehen in Oberösterreich. 

Zuvor kam die Innenministermachung des Herbert Kickl durch Sebastian Kurz, gepriesen als Gipfel der Staatskunst.

(Fußnote dazu: So sehr ich es schätze, dass eine Partei sich entschlossen bei jeder Gelegenheit auf die Seite Israels und gegen Antisemitismus stellt – wie passt das zusammen mit solchen Koalitionen? Und wenn es passt, was sagt uns das? Wir wollen gerecht bleiben, in der FPÖ befindet sich auch Altrecke Andreas Mölzer, der sich impfen lässt und für eine Impfpflicht eintritt. Aber generell versucht diese Partei, sich verhetzend und Lügen verbreitend an die Spitze einer antidemokratischen Bewegung zu stellen.)

Mit meiner Gnade der frühen Geburt kann ich mich erinnern, wie ich mit 18 Jahren im Central Park in New York an einem Sonntag das erste Mal die Hippieszene in vollem Glanz sah, lauter Verrückte, von chantenden Hare Krishna People bis perlenbehangenen Acidheads, von Lower-East-Side-Radicals bis Hells Angels. Das war 1967, am Ende des Summer of Love. Die Szene fiel mir ein, als ich eine Gruppe Freaks auf dem Ring mit Trommeln einen magischen Tanz gegen das Impfen tanzen sah. 

Niemand wäre auf die Idee kommen, das kuriose Volk im Central Park als „normale Leute“ zu bezeichnen. Sie gehörten irgendwie zum Personal der allgemeinen Revolte dazu, und zwar, weil sie eben nicht normal erschienen. Ihre objektive soziale Rolle stand nicht zur Debatte – sie waren dagegen, also gehörten sie dazu. 

Die Revolte von einst richtete sich gegen die „normalen Leute“, jene von Wilhelm Reich als „little men“ gezeichneten Charaktere. Reich selbst genügte übrigens keinerlei Kriterien von „Normalität“. Der eindimensionale Mensch der entfremdeten Konsumgesellschaft, wie ihn Herbert Marcuse, der autoritäre Charakter, wie ihn Th. W. Adorno beschrieb, die muffige, sich an die Kleinfamilie klammernde Spießergesellschaft, nach innen zusammengehalten durch industriellen Kapitalismus, nach außen durch Imperialismus und Unterdrückung der Völker der Dritten Welt, wie gerade besonders sichtbar im Vietnamkrieg, das waren die „normalen Leute“, die wir ablehnten. Und in Europa war es die Normalität der Naziväter und der Generation mit dem schwachen Gedächtnis. 

Später wurde uns klar, dass wir, erfolgsgewiss auf der Welle einer popkulturellen Revolution, manches doch zu scharf zugespitzt hatten; der Bewegung brachen die Spitzen ab, die Freaks entwickelten sich in oft erschreckende Varianten, von der Manson-Kommune bis zu Selbstmordsekten, die Studentenbewegung marginalisierte sich in K-Gruppen und Terrorismus. Aus den Resten entwickelte sich die Alternativbewegung (mit durchaus rechten, reaktionären Elementen), aus der dann die jetzige Regierungspartei der Grünen entstand, eine Art aufgefrischte Variante von Konservativismus und moralbewusster Jungbürgerlichkeit; und mit Teilen der Revolte erfrischte sich auch der Neoliberalismus (flache Hierarchien, Teamwork, Emanzipation).

Will sagen, wir politisierten Hippies waren ebenfalls Außenseiter gewesen, nicht-normal aus Prinzip, und das Ganze bildete ein stark durchmischtes Gegenmilieu, das von linken Themen dominiert war oder schien. 

Heute ist das Gegenmilieu von rechten Themen dominiert. Oder es scheint zumindest so. Das kann man auch aus dem blanken Hass oder den überlegenen Distanzierungen lesen, mit denen sich Linke von dem Treiben der Impfgegner insgesamt distanzieren. Alles Nazis, Scheiß-New-Age undsoweiter.

Gewiss, „normale Leute“ ist kein treffendes Wort für sie. Aber was damit gemeint ist, ist deswegen nicht falsch. Denn noch immer sind viele von ihnen Teil von Strömungen, die man einmal als „alternativ“ bezeichnete, als das Wort noch nicht in Verbindung mit „Fakten“ gekommen und so diskreditiert worden war. Aber man muss doch imstande sein, bei Impfgegnern jene Wissenschaftsskepsis wahrzunehmen, die man zum Beispiel bei ihrer Praxis gegen industrialisierte Landwirtschaft begrüßt oder bei alternativen Heilmethoden von TCM bis Ayurveda eklektisch befolgt, und die – verzerrt wie immer – für ein utopisches Potential steht. Und man muss die ökonomische Deklassierung hinter alldem sehen.

Es ist nicht leicht, zu differenzieren, aber wenn man es versucht, ist man noch kein Naziversteher. Eher darf man sich Sorgen um eine Linke machen, die sich der Pandemie wegen auf einen pauschalen, schalen Rationalismus zurückzieht und nebenbei zum selbstzufrieden zensurierenden Opfer einer von profitgierigen Tech-Konzernen befeuerten Überreizung der Öffentlichkeit wird, die bereits in die Abschaffung von Öffentlichkeit übergegangen ist. Das sagt notabene ein Verteidiger wissenschaftlich begründeter Vernunft.

Dass die Behörden nicht imstande sind, erstens Rechtsextreme in die Schranken zu weisen, zweitens den Vorschriften der eigenen Regierung Geltung zu verschaffen (Abstandsregeln, Maskentragen), und drittens Demonstrationen vor Kankenhäusern zu unterbinden (was für eine Sauerei!), steht auf einem anderen Blatt.

Beschämend genug ist dieses Versagen, eine Folge von zwanzig Jahren schwarz-türkiser Sicherheitspolitik. Der neue Innenminister muss sich vordringlich um ein Dollfuß-Museum in seiner Heimatgemeinde kümmern, wahrlich ein Wiedergänger der uralten ÖVP. Capt’n Nehammer, frisch ans Werk!

P.S.: Ich habe meinen klugen Kater gefragt, was er davon hält. Normal ist anders, sagte er.

Distance, hands, masks, be considerate!
Ihr Armin Thurnher
@arminthurnher
thurnher@falter.at


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