Schatten ohne Kanzler. Zum Stil des Rücktritts von Sebastian Kurz.

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der vervirten Welt 590


ARMIN THURNHER

03.12.2021

Zum Frühstück habe ich heute Zunge, nämlich meine eigene, auf die ich mich fortwährend beiße, während ich versuche, meinen Ärger kontrolliert in Zeichen umzuwandeln.

Blümel und Kurz sind Geschichte, Schramböck wackelt, die Bauern stützen noch Köstinger, als ich schlafen ging, als ich aufwachte, stützen sie sie noch immer, sichtlich erschöpft. Formatfüllend jetzt im Bild: der Landeshauptmann, ein Klon aus Kaplan und Gendarm. Je weiblicher, desto Landeshauptmann. Alles, was sie für Kurz getan haben, ist nun vergessen. Die in Niederösterreich hat ihn mit ihrem Vorgänger ausgeheckt, an die Macht gebracht und gestützt. Der in Oberösterreich hat ihm zuliebe die Impfkampagne zugunsten von Wahlpropaganda zurückgestellt und Menschenleben zurückgereiht. Das Wichtige zuerst.

Allen Beobachterlein fällt es nun wie Schleier von den Augen: Was der Kurz über unser Land gebracht hat! Er hat unfähiges Personal in höchste Ämter gehievt, dessen einziges Kriterium die Loyalität zu ihm war. Er hat seine Verachtung für demokratische Ämter gezeigt, indem er sie als Rangierbahnhof für seine Ambitionen behandelte. Den Bundeskanzler machte er zum Platzhalter, Köstinger parkte er kurz als Präsidentin im Nationalrat, ehe er mit der Auswahl Sobotkas die ultimative Verachtung für dieses Haus ausdrückte.

Was der über unser Land gebracht hat! Türkis hat dieses Land verwüstet wie die Explosion eines giftgrünen Marshmallow-Monsters, dessen Schleim in alle Spalten drang und aus allen Bildschirmen quoll. Dringt und quillt. Die Zerstörung der öffentlichen Rede, das stolze Agieren sogenannter verantwortlicher Personen als Sprechautomaten im Dienste ihres Herrn, dieser aufgeblasene Kinder-Macchiavellismus, der sich in breitbeinigem Dastehen und kreuzhohlem Sitzen äußerte und im Niederreden mit Auswendiggelerntem präsentierte, der ist ja nicht vorbei. Der wirkt in und auf uns.

Demokratischer Staat, Staatsdiener, josefinische Beamte? Sachen zum Lachen. Europa: da verhinderte er die „Schuldenunion“, da trieb er Interessenskeile hinein, in einem historischen schicksalhaften Zeitpunkt riskierte er die Zukunft der EU und der Demokratie. Im Zweifel hätte er die Trump-Karte gezogen. Die Medien? Da hielt er sich an die Erkenntnis des großen Politologen Strache, sie seien die größten Huren. Also kaufte er sie. Naturgemäß mit fremdem Geld, mit unserem nämlich.

Nun treten Kurz und Blümel ihrer Kinder wegen zurück. Familienpartei bis zuletzt. Das hat auch die Pointe, dass die Kurz-Familie vulgo „Family“ als homogene Gruppe an die Macht kam, putschförmig hinter Kurz geschart, diesem in unbedingter Loyalität verpflichtet. Familialismus als amoralische Schutz- und Trutzgemeinschaft. Vor den Kulissen beteuert man, es sei „eine Ehre“ gewesen. Dahinter machte man Angebote, die keiner ablehnen konnte. Wird die Zeit die juristischen Kratzer heilen lassen, fragt sich die Öffentlichkeit, unbekümmert um die tiefen moralischen Wunden, die Kurz sich, ihr und uns beigebracht hat.

Sebastian Kurz in der politischen Akademie der ÖVP, 2.12.2021
Foto: Screenshot ORF

Man sagt, er sei ein glänzender Redner gewesen. Seine Abschiedsrede zeigt das ganze Ausmaß öffentlicher Verblendung, das dieser Mann über dieses Land brachte. Er lud am Ende noch einmal einen Phrasenmüllhaufen auf uns ab, der vor Narzissmus und beleidigter Leberwurst umso mehr triefte, als er im Gestus unbeteiligter Fröhlichkeit vorgetragen wurde. Fast zeitgleich verabschiedete sich Angela Merkel mit einer an Phrasen gewiss nicht armen Rede, der man doch sowohl die Sorge für die Demokratie glaubte als die Empathie für ihren Nachfolger. Auch der beobachtende Politologe in Berlin war aus anderem Holz geschnitzt als das, was bei uns landläufig unter „Politikberater“ fungiert. Herr Korte analysierte kühl und nüchtern und fand zur Formulierung, Merkel habe sich als „oberste Sachbearbeiterin der Republik“ gesehen. Diese wünschte ihrem Nachfolger eine glückliche Hand.

Der Lümmel am Wiener Pult dachte nur an sich. Einen würdeloseren Abschied gab es selten. Kurz hatte übrigens kein rhetorisches Talent. Im alten Attika kam es in postdemokratischen Zeiten nicht mehr auf die Kraft des Arguments, sondern auf den Liebreiz des Redners an. Kurz ist Postdemokrat mit jeder Faser seiner Existenz. Als Redner ein Marktschreier seiner selbst mit überdurchschnittlicher Gabe zu manierlicher Präsentation, überzog er jeden Gesprächspartner, jedes Publikum mit klebrigem türkisem Schleim.

Das Problem bestand nicht darin, dass alles vorfabriziert und auswendiggelernt erschien und war (jeder Redner bereitet sich vor). Nicht einmal darin, dass hier stets Stolz auf Bildungsferne durchschien. Kurz proklamierte einen „neuen Stil“, ohne auch nur entfernt zu ahnen, dass das Wort von Dante stammt. Was kümmert uns solch abgestandener Bildungskram? Karl Kraus hat den Zustand Kurz prägnant charakterisiert: „Kein Wort, das traf.“

Der Mann, der es nicht traf, hinterlässt ein angepatztes Land.

Distance, hands, masks, be considerate!
Ihr Armin Thurnher
@arminthurnher
thurnher@falter.at


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