Hundert Fragen, die den Winter auch nicht mehr retten.

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der vervirten Welt 579


ARMIN THURNHER

20.11.2021

Manchmal überkommt mich jenes Gefühl, das man als Autor nie haben darf: es ist alles gesagt. Soll ich noch einmal auf diesen Kurz hinhauen? Muss ich noch einmal darauf hinweisen, dass er die Pandemie verbockt hat? Mit seinem Narzissmus, der alles für seine Person herausholen wollte, vielleicht sogar eine absolute Mehrheit, und darüber vernachlässigte, was er gegen die Pandemie tun hätte sollen? Muss ich denen wirklich unter die Nase reiben, dass es richtig obszön war, vor den Wahlen in Oberösterreich das Impfthema nicht einmal anzudeuten und stattdessen einen auf Sommerstrahlemann zu machen? Was heißt obszön – dass es eine echte Verletzung seiner Fürsorgepflichten war, ein Fall, bei dem Verantwortung nicht schlagend, sondern tretend werden müsste, in Form des Arschtritts für jene nämlich, die nicht den Anstand und die Minimalwürde aufbringen, nach solchem Versagen selbst die Konsequenzen zu ziehen, die Verantwortung zu übernehmen, und sich dabei nicht übernehmen, sondern einfach aus dem Amt verabschieden? Muss ich mich dauernd wiederholen und diesen Thomas Stelzer mit seinen plumpen täglichen Selbstwidersprüchen für untragbar halten? Muss ich ihnen immer wieder vorhalten, dass man nicht gewählt wird, indem man ein Thema vermeidet, von dem man befürchtet, dass es einen etwas unpopulärer machen könnte? Dass es schon einen Sinn hat, konfrontativ vorzugehen, nämlich so, dass man den Gegner nicht als Feind niedermacht oder niederpatzt, wie es die Türkisen als einziges Mittel zu akzeptieren scheinen, sondern indem man ihn auf Augenhöhe als Gegner annimmt, ja respektiert, und ihm auf dieser Ebene argumentativ entgegentritt, ihm offen widerspricht? Muss ich all das ad nauseam wiederholen, auch wenn es einem nostalgischen Politikbegriff zu entsprechen scheint, denn die United Wise Guys in Social und Unsocial Media mit wissendem Grinsen kübeln? Und muss ich der Köstinger entgegenhalten, dass sie sich für ewige Zeiten ins Buch der Schande eintrug, als sie, ihrem Herrn und Meister kadavergehorsam, dessen Intrigen weitertrieb, indem sie versuchte, dem Gesundheitsminister Mückstein übers Maul zu fahren und dessen Wortmeldungen als entbehrlich zu bezeichnen? Als was muss ich dann die Wortmeldungen der Frau Köstinger bezeichnen? Muss ich mir wirklich diesbezüglich das Maul verbieten? Und Haslauer, was erlaube Haslauer, dieser Wissenschaftsfeind auf der gepflegten Salonebene, muss ich den davonkommen lassen, diesen Konfusius, dessen wabernde Unfähigkeit vom Formalgerüst des gelernten Juristen bloß noch scheinbar in Form gehalten wird? Nein, ich kann es ihnen nicht nachsehen, weder den Tölpeln noch den rhetorisch Gesalbten, den Stelzers nicht und den Haslauers nicht und den Schallenbergs nicht, dem schon gar nicht, der den Schattenkanzler macht für einen Mann, den man als den spiritus destructivus hinter all dem bezeichnen muss, und den ich nicht stolz bin, als erster der österreichischen Medienschwachmatiker (was mich, ehe ihr euch aufregt, mit einschließt) durchschaut zu haben, diesen Kurz, den laut seinem fellneristischen Speichelleckblatt Parteigenossen zu fragen beginnen, warum er sich das alles noch antue, worauf ich nur bescheiden fragen möchte, warum er uns das alles angetan hat, und den armen Faßmann dazwischen, den ich wirklich für grundanständig halte und dem gewiss kurzistisch übelst mitgespielt wurde, der aber in dem Intrigantenstadl nie den Hauch einer Chance hatte, Kurs zu halten, soll und kann ich den verteidigen? Soll ich den blöden Witz machen, unter Kurz konnte man nur einen Kurs halten, den Kurzkurs, sonst wurde man kurzgehalten? Soll ich fragen, warum niemand fragt: Wen bezuteilt Gernot Blümel mit all den Milliarden, freihändig, ohne Rechenschaft und Transparenz? Soll ich dieses Desaster ausweiten auf die Herren Fleischmann und Frischmann, die sich auf leisen Sohlen davonmachten, nachdem sie die medialen Jauchengruben der Nation mit Abermillionen von Euros gefüllt, aber nichts, ich wiederhole, gar nichts vernünftiges Kommunikatives zur Bekämpfung der Pandemie unternommen hatten? Muss ich Frau Edtstadler erwähnen, die auch nur darauf wartete, irgendeinen grünen Gesundheitsminister abzuwatschen, denn darum ging es, sich auf Kosten der Grünen zu profilieren, die man in der gemeinsame Koalition langsam zu garottieren gedachte, statt eine gemeinsame Gesundheitspolitik zu unterstützen, die vielleicht im Interesse der Republik gelegen wäre.

Ich frage mich lauter Fragen, die ich mich lieber nicht fragen würde, und lasse einen ganzen Haufen weiterer Fragen ungestellt.

Foto: Wikipedia © Peter Berger

Ich bin der Schneemann, den ihr zuschneit mit eurem Wahnsinn.

Samt euch als Karotte vor seiner Nase.

Ich bin der Winter, den ihr nie mehr retten werdet.

Ich fürchte nämlich, all diese Fragen beantworten sich allesamt mit einem ziemlich zornigen Ja.

Juchhe!

Distance, hands, masks, be considerate!
Ihr Armin Thurnher
@arminthurnher
thurnher@falter.at


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