Ein Wort für Christoph Chorherr

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der vervirten Welt 575


ARMIN THURNHER

16.11.2021

Warnung: dieser Text kann Spuren von Emotionalität enthalten.

Beim Onlinemedium Auf ZackZack las ich den Kommentar des von mir geschätzten Thomas Walach, der ungefähr sagte: macht euch nicht an, Korruption ist Korruption, jetzt wird eben der Chorherr angeklagt, ein Grüner. Ich dachte, ZackZack, gegründet von Peter Pilz, wird doch nicht eine offene Rechnung mit Chorherr begleichen, mit dem Pilz in alter grüner Feindschaft verharrt, die mit dem Quadrat des Alters gewiss nicht abnimmt. Walach ist zu jung, er weiß von alldem gewiss nichts, und Pilz macht seinen Job wie ein Profi. Er lässt sich so etwas nicht in die Quere kommen. Und Walach dachte einfach, ich argumentiere korrekt, wurscht, um wen es geht.

Und hey, ich liebe diese korrekten Typen, bei denen ihre Kaumuskeln hervortreten, wenn sie ihre journalistische Unparteilichkeit zur Anwendung bringen. Es geht nämlich vor allem um diese, also um sie selbst, und um die Unbeflecktheit der Kaumuskelmänner (können auch Frauen sein, kommt aber seltener vor).

Ich selbst habe erfahren, dass mich die eigene Redaktion so fair behandelte, wie es sich gehört. Einmal wurde ich wegen einer Lappalie von der FPÖ und Richard Schmitt vor einen Untersuchungsausschuss im Rathaus gezerrt (es ging um die Frage, ob Vereine Rücklagen bilden dürfen – der Vorsitzende des Untersuchungsausschusses hielt wie ich die Rechtsmeinung der Gemeinde Wien für weltfremd und kontraproduktiv – und darum, ob aus dieser bescheidenen Rücklage, die der TV-Sender Okto auf meinen Rat als damaliger Kassier gebildet hatte, eine Bereicherungsabsicht des Geschäftsführers und vielleicht auch von mir abzulesen wäre).

Ich darf sagen, ich hätte mir diese Art der Bereicherung via Okto nicht zugetraut (und dem Geschäftsführer natürlich auch nicht). Aber ich bekam, benefit oft the doubt, eine recherchierte Geschichte im Falter, professionell distanzierte Haltung inklusive, nur für den Fall, ich wäre doch korrupt gewesen, und dass das herausgekommen wäre. Man weiß ja nie.

Damals wuchs meine Lust, faire journalistische Verfahren unter allen Umständen zu loben. Und andererseits umso deutlicher meine begründete Meinung zu sagen.

Also gut: Wenn etwas aussieht wie eine Ente, watschelt wie eine Ente, quakt wie eine Ente, dann ist es eine Ente. Wenn etwas aussieht wie Korruption, geht wie Korruption, klingt wie Korruption, dann ist es Korruption.

Ich nehme an, das ist nicht nur zoologisch, sondern auch juristisch gedacht.

Ich gehe in meiner Definition von Korruption davon aus, dass es sich um den Missbrauch von Macht zur Erschleichung eines Vorteils handelt. Und dass die Art dieses Vorteils in der Beurteilung der Sache eine Rolle spielen muss.

Selbst wenn Christoph Chorherr sein Amt als Planungssprecher der Grünen missbraucht haben sollte, um sich einen geldlichen Vorteil (also Spenden) zu verschaffen, so verschaffte er sich diesen nicht um seinetwillen, sondern um anderer Willen. Es ging ihm darum, das Leben zahlreicher südafrikanischer Jugendlicher zu verbessern, die dort bekanntlich kein leichtes Leben haben.

Vo genau vier Jahren berichtete Sibylle Hamann aus Südafrika in Falter 46/2017 von Chorherrs Projekt. Sie bezahlte übrigens ihre Reise selbst, wie der Bericht vermerkt.

Wohingegen Sebastian Kurz, dem Beitragshandlungen zur Korruption vorgeworfen werden, diese ausschließlich im eigenen Vorteil verrichtete. Nämlich um als Star in der Partei dazustehen, um Reinhold Mitterlehner zu meucheln, um den Eindruck zu erwecken, er habe die Wahlen schon so gut wie gewonnen etcetera.

Vorteil ist Vorteil, mag der Jurist sagen, und mit ihm der kaumuskelbepackte Journalist. Nach Lektüre der Anklageschrift könnte man sagen, es wird ja doch noch auf die Aussagen jener ankommen, die tatsächlich die Entscheidungen treffen, nämlich der Beamten. Hat Chorherr sie beeinflusst oder hat er sich aus den inkriminierten Bauvorgängen herausgehalten? Soweit ich weiß, haben die Beamten bisher zumindest gesagt, er habe sich herausgehalten. Die Staatsanwaltschaft sagt jedoch, Chorherr habe so „subtil“ gehandelt, dass die dummen Beamten seinen Einfluss gar nicht bemerkten. Wer Chorherrs enthusiastisch-überschwängliche Art kennt, wird hier lächeln, wenn er kann.

Ob die Spendensummen, die in Anbetracht der Vermögen der Spendenden nicht gerade erheblich zu nennen sind, den Planungssprecher der Grünen günstig stimmten oder nicht – es kommt wohl darauf an, was tatsächlich im Amt geschah.

Dass die Sache nicht gut aussieht, hat Chorherr eingeräumt.

Wenn aber Sebastian Kurz als Rechtfertigung jetzt ein merkwürdiges Gutachten eines Professors hervorzieht, das darin gipfelt, Korruption zu einem angemessen klugen Alltagsverhalten zu erklären, dann ist kein größerer Gegensatz denkbar zwischen dem Verhalten des Sebastian Kurz und dem des Christoph Chorherr.

Christoph Chorherr war nicht getrieben von einem durchtriebenen Schlaucherltum in eigener Sache, wie Kurz.

Chorherr war getrieben von seinem hochfliegenden Enthusiasmus. Er wollte auch nicht einfach Spenden für eine gute Sache lukrieren. Ihm schwebte so etwas vor wie ein anderer Kapitalismus, ein abenteuerlich gerechteres Unternehmertum. Der mitangeklagte Investmentbanker handelte gewiss aus dem gleichen Motiv. Man kann wohl kaum eine kriminelle Vereinigung zwecks Verschaffen von Vorteil aus der Verbindung der beiden herauslesen. Sie wollten helfen, sie wollten zeigen, dass Unternehmer helfen, dass sie auch so etwas möglich machen können.

Sie handelten ungeachtet der sogenannten optischen Folgen. Ihnen ging es um die segensreichen sozialen Folgen. Nämlich für Hunderte von Kindern, denen sie mit ihren Schulbauten und-Projekten buchstäblich das Leben retteten. Und zwar ohne jeden persönlichen Vorteil.

In jahrzehntelanger Kenntnis Chorherrs kann ich das sagen.

In jahrelanger Kenntnis des Sebastian Kurz hingegen kann ich nur sagen: der Mann denkt ausschließlich an seinen persönlichen Vorteil, dem er alles unterordnet, den Zustand einer Gesellschaft, einer Gesinnungsgemeinschaft, selbst der europäischen Union.

Juristisch mögen die beiden Fälle einander äußerlich gleichen.

Schäbigkeit aus Egozentrik auf der einen Seite, Schlampigkeit aus altruistischem Enthusiasmus auf der anderen Seite – in ethischer Hinsicht muss man stark sehbeeinträchtigt sein, um hier auch nur eine entfernte Ähnlichkeit wahrzunehmen.

Ich wünsche Christoph Chorherr für den kommenden Prozess alles Gute. Ich halte ihn, was aus dem Gesagten hervorgeht, keineswegs für korrupt.

Distance, hands, masks, be considerate!
Ihr Armin Thurnher
@arminthurnher
thurnher@falter.at


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