Wider den Covid-Beschiss und den Zynismus der Regierung. Was jetzt wirklich not tut.

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der vervirten Welt 574


ARMIN THURNHER

15.11.2021

Herbe Urteile über die Politik durch Epidemiologen Robert Zangerle: Maßnahmensalat. Konzeptloses Köchelkonzept. Fortwursteln. Zynismus und Hybris, es auf die Auslastung der Intensivstationen anzulegen. Augenauswischerei, was nötige Maßnahmen betrifft. Was wäre nötig? Zangerle: „Sofort Home Office was das Zeugs hergibt, und Abstandsregeln. Eine PCR-Testung als Ausweg für die Impfunwilligen ist zumindest in der akuten Situation durch Logistik und Zeitverzug unrealistisch. Mittelfristig müssen wir die Impflücken mit allen gebotenen Mitteln schließen.“ A. T.

»Kennen Sie sich bei den Maßnahmen zu Covid noch aus? Als geringfügig beschäftigter Pensionist tue ich mir da nicht leicht, gilt doch seit 8. November die 2G-Regel für den „Freizeitbereich“ und in einzelnen Bereichen am Arbeitsplatz, etwa im Krankenhaus, das jetzt offenbar dem Après-Ski gleich gestellt wurde. Prinzipiell gilt seit 1. November am Arbeitsplatz die 3G-Regel, die aber bis heute mit einer FFP2-Maske „überbrückt“ werden konnte. Erwin Zangerl, Präsident der Tiroler Arbeiterkammer forderte vor wenigen Tagen eine Verlängerung der Übergangsfrist. Als Grund nannte er die „chaotischen Zustände bei den Testmöglichkeiten“. Wolfgang Katzian, Präsident des Österreichischen Gewerkschaftsbundes, sieht das weniger kritisch. Er kennt sich vielleicht im hinteren Lechtal und im Defereggental weniger gut aus, aber seine Befürchtungen gehen in eine ähnliche Richtung. Er fürchtet sich vor den sich ständig ändernden Regeln.

Welche Regeln meint Katzian? Das kann ich nicht beantworten, ich war bisher der Meinung, dass dies jeweils in der Maßnahmenverordnung geregelt wird. Sicher kann man sich aber nicht sein, weil es da mehr gibt, das der Gesetzgeber uns aufs Auge drückt. Der Einfachheit halber, eine (unvollständige) Aufzählung der Art von Gesetzen und Verordnungen, die das regeln:

  • COVID-19-Maßnahmengesetz
  • COVID-19-Maßnahmenverordnung
  • COVID-19-Notmaßnahmenverordnung
  • COVID-19-Schutzmaßnahmenverordnung

Vermutlich finden durchschnittlich Interessierte dort schneller was sie suchen, als durchschnittliche Naturwissenschaftler. Das ist noch gar nicht der Punkt. Die jeweiligen Verordnungen ändern sich blitzartig. Hier das Beispiel der 3. Maßnahmenverordnung

Die Stadt Wien wollte die Lockerungen zum 1. Juli nicht in ihrer Gänze übernehmen und hat deshalb am 30. Juni die Wiener COVID-19-Öffnungsbegleitverordnung 2021 kundgemacht. Seither gab es auch dort 7 Änderungen im Landesrecht, zuletzt am 11. November.

Wovor also fürchtet sich Wolfgang Katzian? „Verordnet der Gesundheitsminister bei Bedarf (Stichwort: Auslastung der Intensivbetten) bereits vorher eine 2,5G-Regel, gelten Antigentests nicht mehr als Nachweis. Auch im Betrieb. Ich gelte dann also als ,ungetestet‘“, erklärt die Website des ÖGB. Dann gilt nur mehr der PCR Test (= 2,5G). „Wenn die Bundesregierung im Kampf gegen das Virus auf 2,5G am Arbeitsplatz setzt, dann muss sie auch für ein ausreichendes Testangebot sorgen. Es macht keinen Sinn, über Maßnahmen nachzudenken, für die es kein Angebot gibt. Hier sind einige Bundesländer säumig. 2,5G am Arbeitsplatz ohne ausreichende Rahmenbedingungen sehen wir – wie auch die Wirtschaftskammer – nicht als Lösung“. Wie recht Katzian damit hat! Die konzeptlose Köchelpolitik zeitigt einen erbärmlichen, ja geradezu abartigen gesetzgeberischen Inkrementalismus, der kaum etwas bewirkt und obendrauf alle verärgert. Diese Politik verfolgt als einziges Ziel eine Auslastung der Intensivbetten auf etwa 750 mit kritisch Kranken belegte Intensivbetten.

Welches Hasardieren und welche Hybris hinter einem solchen Ziel stehen! Als ob sich das bei der sich exponentiell verbreitenden Infektionskrankheit so genau planen ließe. Die Zigtausenden akut Erkrankten und viele Tausenden an Long Covid Leidenden werden, weil „vernachlässigbar“, ausgeblendet. Ohne Abkehr von einer Politik, welche die Auslastung der Intensivstationen als das einzig wahre Maß anerkennt, wird das Desaster verlängert.

Sie kennen den Unterschied nicht zwischen 2G, 2,5g und 2G+? Ein Blick auf die 2,5 G Regel am Arbeitsplatz: „MitarbeiterInnen, InhaberInnen und BetreiberInnen der Gastronomie mit vermehrter Durchmischung“ (Diskotheken, Après-Ski, große Veranstaltungen) müssen bereits seit 8. November einen 2G-Nachweis erbringen. Mobile PflegerInnen und BetreuerInnen, MitarbeiterInnen der Alten- und Pflegeheime & Krankenanstalten sowie in Gesundheitseinrichtungen ab 15. November. Kann dieser nicht vorgelegt werden, ist ein PCR-Test (nicht älter als 72 Stunden) vorzuweisen und bei unmittelbarem Kundenkontakt eine FFP2-Maske zu tragen.“ Immerhin konnte so wenigstens die Testung für ungeimpftes oder nicht-genesenes Personal erreicht werden.

Die Covid-Impfung als Berufserfordernis ist jedoch unabdingbar und Minister Wolfgang Mückstein sieht sich jetzt doch zuständig, das zu verordnen. In einem Interview in der ZiB2 am 15. Juli hatte er noch auf die Zuständigkeit der Trägerorganisationen von Krankenanstalten für eine „Impfpflicht“ verwiesen. Das war ein billiges Abschieben von Verantwortung auf die Ebene des Arbeitsrechtes, obwohl er nach dem Epidemiegesetz jederzeit zu einer Verordnung in der Lage gewesen wäre. Übrigens, die im Bundeskanzleramt angesiedelte Bioethikkommission hat schon vor einem Jahr für eine Berufserfordernis einer Covid-Impfung für Gesundheitsberufe argumentiert. § 17 Abs. 3 EpidemieG würde diesbezüglich auch die Einführung einer Impfpflicht für das Gesundheitspersonal ermöglichen. Zuständig nach dem Epidemiegesetz sind Bundesminister für Gesundheitswesen, die Landeshauptmänner und Bezirksverwaltungsbehörden

Glauben die Verantwortlichen immer noch, auch mit SARS-CoV-2 könne man faule Kompromisse aushandeln? Man möchte ihnen, aber noch mehr den bekannten Gesichtern der letzten Tage zurufen (eher schreien): Bschiss kommd uff da Disch!  So sagen es die Schwaben, Vorarlberger und Schweizer. Der Lockdown für Ungeimpfte erinnert auch an einen Beschiss, weil der im Wesentlichen bereits durch 2G implementiert wurde. Christian Drosten bezeichnet das 2G Modell als „Lockdown für Ungeimpfte“. Was will also die österreichische Unterart des Lockdowns für Ungeimpfte? Gibt es neuerlich absurde Kollisionen zwischen dem aktuellen 3G am Arbeitsplatz und 2G in der Freizeit? Nicht-Geimpfte dürfen ab Montag nicht mehr in Geschäfte, die nicht der Grundversorgung dienen, es sei denn sie arbeiten dort. Wird man beim Kaufhaus beim Eingang mit einem „arbeite hier“ einfach durchgewunken? Wer soll das kontrollieren? Ok, Chorprobe und Fußballtraining fallen aus. Ein Tipp: Ungeimpfte Skifahrer können sich stundenweise „prekär“ beim Liftbetreiber anstellen lassen – Schleppliftbügel schupfen.

Die jetzige Eskalation der 2G-Regel kann nicht gutgeheißen werden. Eine Reduktion auf die Erzählung einer Pandemie der Ungeimpften ist mitmenschlich und fachlich falsch. Noch haben wir eine Pandemie, zu der alle beitragen – auch die Geimpften, wenn auch weniger. Der jetzige Lockdown für Ungeimpfte, dessen Effizienz im Unterschied zur 2G-Regel fragwürdig erscheint, wird von der Wissenschaft als ungeprüftes Experiment (Peter Klimek in der ZiB2 am 11. November) oder als unzureichend gesehen . Deshalb hat Karl Stöger, Professor für Medizinrecht der Universität Wien, sogar rechtliche Bedenken, weil er Ungleichbehandlung zwischen Geimpften und Ungeimpften in einer eskalierenden Situation erkennt, wo „immer mehr Mediziner, (…) sagen, es ist zu spät, um zwischen Geimpften und Ungeimpften zu differenzieren – man müsse Maßnahmen für alle ergreifen“ (Mittagsjournal vom 12. November). Die Kontrollbarkeit einer Maßnahme ist übrigens auch rechtlich relevant. „Nicht effektiv und damit verfassungswidrig“, so der Verfassungsjurist Heinz Mayer kurz und bündig.

Was am meisten befremdet ist, dass vom Bundespräsidenten abwärts alle von Kontaktreduktion reden, aber (fast) niemand die wissenschaftlich erwiesenen Kontaktreduktionen erwähnt oder – was DRINGEND Not täte – sie umsetzt. Will man den Reproduktionsfaktor von 1,25-1,30 nur auf 0,90 senken (immer noch eine Halbwertszeit an neuen Infektionen von einem Monat) dann geht das nur mit Kontaktreduktionen für alle. Was könnte direkt dafür getan werden? Wissenschaftlich gut belegt ist der Nutzen der Quasi-Verpflichtung zum Home Office. Das beinhaltet gleich ein Bündel an Folgen: weniger Mobilität, kein gemeinsames Mittagessen, keine gemeinsamen Pausen u.a. Woraus man auch schließen kann, dass die Leute generell weniger Kontakte außerhalb ihres Haushalts haben. Auch das arbeitsbedingte Reisen gehört jetzt ordentlich in Frage gestellt. Das nicht seit Wochen forciert zu haben ist der Skandal im Skandal. Das war schon letzten Herbst so, man ließ die Sozialpartnerschaft außen vor.

„Dort, wo Menschen im Büro arbeiten und es möglich ist, haben wir mit den Sozialpartnern vereinbart, auf Home-Office zu setzen“, so Bundeskanzler Sebastian Kurz Anfang November 2020, ohne aber ausreichend Hilfestellung und gesetzliche flankierende Maßnahmen beizusteuern, damit dies auch leichter geschehen könnte. Das Resultat: eine katastrophale, weil viel zu halbherzige Auslagerung ins Home Office im letzten Herbst. Man ist den leichteren Weg gegangen. Man hätte sogar die Schulen offen lassen können, dafür auf richtig harte Homeoffice-Regeln setzen, aber da müsste man die Sozialpartner in die Pflicht nehmen. Das geschah (und geschieht) nicht. Wir erleben momentan die Folgen davon.

Minister Mückstein empfehle Homeoffice, „wo immer das möglich ist“, zitierte die „Kleine Zeitung“ den Minister letzte Woche . Daraufhin ist es aber ganz „muck“smäuschenstill geworden. Wurde er zurückgepfiffen, auch von Vizekanzler Werner Kogler? Angesichts der verheerenden Covid-Zahlen greift die Regierung zur schärfsten Waffe: dem Appell.

Allein schon halbherzige Empfehlungen wie jene Mücksteins sprechen für allzu großen Opportunismus gegenüber den Sozialpartnern. Glaubt sie, dass das alles wegen 3G, 2,5G, 2G+ gar nicht mehr erforderlich sei? Das ist eine Illusion, bei der es von Missverständnissen nur so wimmelt. Am Freitag veröffentlichte eine große Zahl von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern ein „Statement der Wissenschaft“: Zurück in die Normalität – mit der Impfung schütze ich mich und andere, mit zusätzlichen PCR-Tests schaffen wir Sicherheit für uns alle! Eine zentrale Forderung darin ist „ Aus 2G muss ein 2G plus (Geimpft / Genesen + PCR getestet) werden; dies muss konsequent umgesetzt und auch kontrolliert werden.“ Weiter: „2,5 G am Arbeitsplatz und regelmäßige PCR-Tests auch bei den Geimpften.“ Ohne jede Berechnung, wie viele PCR Tests das sein werden und wie lange das dauern würde, bis eine solche Logistik etabliert wäre. Außerhalb Wiens führte der Anstieg der PCR Testungen ab Anfang November bereits zu sehr angespannten Situationen, zum Teil auch zu vorübergehenden Stillständen oder sogar zum Übergang, nur mehr bei Symptomen zu testen. Testen – ohne Symptome – kann man dann also nur mehr privat. Nur noch in Apotheken, Testcontainern und mit Gurgeltests werden PCR-Tests durchgeführt. Sich mit Symptomen testen zu lassen ist neuerlich zu einem Spießrutenlauf geworden. Wenden Sie sich an 1450 und den Hausarzt oder die Hausärztin.

„2-G-plus“ und Nachtgastronomie: eine Selbstverständlichkeit, man möge bedenken, dass der Anteil der einmal mit Janssen Geimpften dort mit Sicherheit nicht unterrepräsentiert ist. Österreich ist international schon aufgefallen, weil der Impfstoff von Janssen mehr als der von Moderna verimpft wurde. Jetzt, mitten in einer schweren Krise mit extrem hohem Infektionsgeschehen will man die Gültigkeit der einmaligen Impfung mit dem Impfstoff von Janssen für die 2G Regel auf 270 Tagen belassen? Da versteht sich für sensible Bereiche (auch Krankenversorgung und Pflege) von selbst eine „2-G-plus“ Regel. Aber man wird die jetzige Krise nicht wegtesten. Christian Drosten: „Die derzeitigen Forderungen nach Testung finde ich problematisch. Damit suggeriert man der Politik wieder einmal eine vermeintliche Lösung, deren Umsetzung nicht realistisch ist“.

Zurück zur Kontaktreduktion: Plädiere (nicht zum ersten Mal) für die Wiedereinführung der Abstandsregeln vom Stand 30. Juni (sie wurden am 1. Juli aufgehoben). Unrealistisch? In Innsbruck gibt es zumindest noch ein paar Verrückte, nämlich die oder den Betreiber des Treibhauses, eines Kulturzentrums mit Programm für Stadtbenutzer. Im Treibhaus gilt, was die Regierung aufgehoben hat: Abstand.

Wie mehrfach in Kolumnen schon angerisse, sind die „Aufhebungen“ des 1. Juli samt und sonders ungeeignet, um die Verbreitung der Epidemie einzudämmen. Das Treibhaus macht darüber hinaus etwas, was kurzsichtigerweise vom Staat nie gefördert wurde. Es kontrolliert die Luftqualität mit einer Ampel. Ich war nur bei schlechtem Besuch dort, deshalb war die Ampel immer auf grün. Bei gelb – ein Gong erklingt – wird großflächig gelüftet. Bei Rot öffnen die Fluchttüren sperrangelweit.

Das Entscheidende bei der Delta-Variante ist es, große Gruppen in geschlossenen Räumen zu vermeiden. Sie wird über Aerosole übertragen, darum schützt Abstand allein nicht. Der Reflex muss klar sein: In einem Raum mit vielen Menschen setzt man sich die Maske auf. Deshalb hat 2G auch eine wichtige Funktion, bei strikter 2G Kontrolle überträgt sich das Virus weniger stark, und die Infizierten bekommen mildere Verläufe. Anders bei 3G: ein negativer Test bei einem Ungeimpften schützt diesen nicht vor Ansteckung.

Also sofort Home Office was das Zeugs hergibt, und Abstandsregeln. Eine PCR-Testung als Ausweg für die Impfunwilligen ist zumindest in der akuten Situation durch Logistik und Zeitverzug unrealistisch. Mittelfristig müssen wir die Impflücken mit allen gebotenen Mitteln schließen. Vor allem bei den Älteren; bei den über 50 Jährigen ist eine Impfrate von 95% anzustreben (das haben einige Länder Westeuropas geschafft). Hier müssen mehr Investitionen vorgenommen werden. Es ist himmelschreiend, wie asymmetrisch die Kosten für Testungen und Krankenhausbehandlungen im Vergleich zu den Impfkosten sind. Wo bleiben denn die Gesundheitsökonomen? Was im Augenblick passiert: Angemeldete und Nicht-Angemeldete kommen gleichzeitig dran, lange Wartezeiten sind unvermeidlich. Nicht in Ordnung, weil die große Anzahl an zu Impfenden erst kommt.

Habe mir Daten des Österreichischen COVID-19 Open Data Informationsportals die Woche zwischen 5. und 12. November auf die Frequenz der Erst- und Boosterimpfungen näher angeschaut. Leider erkennt man, wie langsam die Impfrate nach oben „kriecht“: 1,42% pro Woche. Nähme man 2% pro Woche an, dann braucht es 6 Wochen bis 80% erreicht würden – aber nur mit Erstimpfung. Vollimmunisierung und 80% Impfrate – nicht mehr in diesem Jahr.

Bei den Boosterimpfungen muss ich einen Fehler von den letzten beiden Kolumnen korrigieren. In der letzten Kolumne berichtete ich, dass bis 6. November 415 205 Menschen eine 3. Impfung erhielten, wobei 68,7% davon 65 Jahre alt oder älter waren. In der Gruppe der bisher vollständig Geimpften dieser Altersgruppe haben bisher 19,1% Booster erhalten. Das ist alles richtig, aber trotzdem falsch, weil beim Booster der Bezug zum Erhalt der 2. Impfung hergestellt werden muss. Dann schaut es beträchtlich besser aus, weil bei den älteren Gruppen doch zwischen 60 und 70% eine 3. Impfung erhielten. Diese Zahlen sind jedoch mit Vorsicht zu interpretieren. Es haben zwar 104 568 Personen der Gruppe 85+ eine 3. Impfung erhalten, wie viele von denen jedoch in der Gruppe waren, die ihre Impfung vor dem 12. Mai erhielten, kann damit nicht beantwortet werden. Im Augenblick wird es schon gut übereinstimmen, aber wenn die einen nach 4 Monaten, die anderen nach 7 Monaten die 3. Impfung erhalten, werden solche Anteile Humbug. Gesichert ist jedoch, dass die zwei älteren Gruppen außen vor gelassen werden. Was passiert da gerade?

Florian Krammer wurde auf Twitter über den idealen Abstand von der 2. Impfung zum Booster befragt. „Nach der 2. Impfung kommt es zu einer starken Stimulation des Immunsystems, Antikörper Titer sind sehr hoch, es passiert viel in den Lymphknoten, langlebige Plasmazellen (Anmerkung: Antikörperproduzierende Zellen) werden gebildet und migrieren ins Knochenmark. Mittlerweile wissen wir, dass der Prozess etwas dauert. Ein längerer Abstand zwischen 2. Impfung und Booster erlaubt dem Immunsystem, den Prozess zu beenden. Und wenn man dann wieder Impft, kriegt man einen maximalen Booster Effekt. 6 Monate sind da ein vernünftiger Intervall. Fünf Monate sind vermutlich auch kein Problem. Aber 2 oder 3 Monate sind vermutlich suboptimal und es kommt auch ein bisschen auf das Individuum darauf an. Aber 6 Monate sind ein guter und effektiver Abstand“. Wer jung ist und gar Moderna bekommen hat, kann auch nach 6 Monaten ganz entspannt sein. Die Wirkung gegen schwere Erkrankung hat nicht (!) nachgelassen. Der Booster wird uns also helfen, besser durch den Winter zu kommen.

Der jetzige Drang zum Booster um den Infektionsschutz zu erhöhen, ist jedoch falschen Zielen geschuldet. Das Ziel war, dass die Impfung vor schwerer Erkrankung schützen soll. Das tut sie, selbst nach „nur“ 2 Impfungen. Nach zwei, drei Monaten beginnt jedoch der Schutz der Impfung vor Infektion zu sinken. Wenn man sich also jetzt nach nur 4 Monaten zum Schutz vor Infektionen zum dritten mal impfen ließe, obwohl mit Impfstoff von BioNTech oder Moderna geimpft, so könnte es sogar sein, dass dieser Schutz vielleicht noch vor Ende des Winters zu erlöschen beginnt. Weil so eine optimale Wirkung des Boosters unklar bleibt. Es ist davon auszugehen, dass der Booster mindestens gleich lang wie die 2. Impfung wirkt, und es ist sehr plausibel, das er besser schützt. Wissen tun wir das nicht, vor allem wie lange der Schutz vor Infektionen anhält. Noch viel „Pandemie-begleitende“ Forschung ist notwendig.

Die Notwendigkeit einer Boosterimpfung wird erst demnächst wachsen, weil der große Anstieg im Impfen zwischen Mitte Mai und Mitte August erfolgte. 3, 9 Millionen Personen sollten bis Mitte Februar die 3 Impfung erhalten. Gemeinsam mit mehr Erstimpfungen ist das eine enorme Herausforderung. Jetzt hat es wieder einen Touch von „First come, first serve“, was nicht den Prinzipien von Public Health folgt. Dazu braucht es schon zusätzliche Maßnahmen, um Gerechtigkeit und Effizienz zu steigern. Nur eine perfekte Impforganisation würde eine Priorisierung nach Alter und Vorerkrankungen überflüssig machen. Die letzte Woche hat so ein Vorgehen aber nicht erkennen lassen.

 

Christian Drosten hat das Schlusswort: „Die Wissenschaft hat ihren Job gemacht…. Was jetzt folgt, ist Sache der Politik. …..Die Impfung ist der Weg aus der Pandemie, die Impflücken müssen geschlossen werden. Viel mehr gibt es jetzt nicht mehr zu sagen … Ich will nicht zu einem Papagei werden, der immer dieselbe Botschaft verbreitet. Ich sollte das nicht mehr machen. Sonst bin ich nur noch eine Medienfigur oder ein Art Halbjournalist – irgendwas, was ich auf keinen Fall sein will.“

P.S.: Für viele Berufe und Freiwillige gilt es, diese Weihnachten erneut durchzuarbeiten. Die Seuchenkolumne wünscht alles Gute.

P.P.S.: Maskenpflicht, genug gesagt, aber nicht gestern von der Regierung. Darf ich vielleicht noch einmal die beiden Kinder meines Salzburger Cousins erwähnen, mit Maske im Kindergarten. In Singapur.« R. Z.

Distance, hands, masks, be considerate!
Ihr Armin Thurnher
@arminthurnher
thurnher@falter.at


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