Die Spur des Geldes. Staatsoperette, heute aus dem Studio des Geheimsenders Schneckex-TV

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der vervirten Welt 573


ARMIN THURNHER

13.11.2021

Ein obskures TV-Studio. Schmierer, ein sogenannter Chefredakteur, und Reschierer, ein Detektiv, unterhalten sich über ihre Branche. Die Mienen beider sind ungeheuer wichtig, besorgt und durch Allwissen über Intrigen verwittert, also hart an der Grenze zur Selbstparodie.

Eines der seltenen Fotos aus dem Studio von Schneckex-TV, Schmierer (links) und Reschierer bei der Arbeit

SCHMIERER: Heute bei uns in DGDA, in unserer News-Sendung auf Schneckex-TV der Aufdecker und Politikexperte Professor Reschierer.
RESCHIERER: Guten Abend! Danke für die Einladung.
SCHMIERER: Sie sind ja immer auch topinformiert über die jüngsten Skandale und Affären. Und jetzt gibt es doch so was wie ein gewisses Schema, das sich zeigt, bei der jüngsten Affäre Causa Kurz, dann der Sturz des Kanzlers, der Rückzug des Bundeskanzlers. Ist da nicht ein gewisses Bild schon zu erkennen?
RESCHIERER: Also topinformiert bin ich immer, ich hab ja das meiste von Ihnen, lieber Schmierer, außerdem bin ich schon alt, was heißt noch amal DGDA?
SCHMIERER: Da Gackst Di An!
RESCHIERER: Ja, das kann man sagen. Es ist ja Usus geworden, jene politischen Kräfte, die man nicht gerne an der Macht sieht, zu kriminalisieren. Das ist System, das auch der Herr Silberstein schon einmal angedeutet hat.
SCHMIERER: Ich bin froh, dass Sie Silberstein sagen. Das hört man ja nicht mehr so oft, dabei hatte das einmal, wie Sie sagen, System. Tal Silberstein war ja, für unsere Zuseher, ursprünglich von der SPÖ einmal angeheuert, und Sebastian Kurz hat ihn dieser Partei solange umgehängt, bis ganz Österreich glaubte, SP steht für Silberstein-Partei.
RESCHIERER: Ja, das war gut, er ist natürlich ein Spitzenmann für Kampagnen Make Him Dirty. Da sind wir genau beim Thema: Wenn ich politisch nicht punkten kann, wenn ich keine Ideen habe, keine Kreativität habe …
SCHMIERER: …keinen Spitzenkandidaten mehr
RESCHIERER: … wenn ich den verlorenen Kandidaten wieder zurückbringen muss, der Wähler nicht mehr weiß, was will diese Partei eigentlich von mir oder für was ist die Partei gut, dann macht man die Kampagne: kriminalisieren wir den Gegner.
SCHMIERER: Sie meinen, wir sollten wieder?
RESCHIERER: Wir sind ja schon dabei. Dieses System hat jemand schon perfektioniert in den letzten – kann man sagen – mehr als zehn Jahren.
SCHMIERER (begeistert): Ja, wir!
RESCHIERER: Wenn man die Kampagnen sich anschaut und Anzeigen und Verfahren, die da eingeleitet wurden aufgrund dieser Anzeigen, dann kann man ungefähr sagen, politische Parteien oder auch Personen wurden wirklich stigmatisiert. Sie wurden in ihrer Existenz de facto zerstört, in ihrer bürgerlichen Existenz. Da hat man selbst vor Parteifreunden wie Mitterlehner nicht halt gemacht.
SCHMIERER: Das machen wir jetzt wieder, mit dem Klenk! Das geht ja relativ schnell. Dann muss der sich erst einmal einen teuren Anwalt leisten, der kostet schon einmal ziemlich viel. Zweitens: Man verliert ja auch im Berufsleben dann doch eine gewisse Reputation. Und drittens, was ja dann auch noch dazu kommt: Es wird verdammt schwierig, dass man hier dann wieder zurückkommt. Als Journalist hat man dann eigentlich kaum noch eine Chance. Behaupten wir einfach, es gibt ein FalterGate.
RESCHIERER: FalterGate ist gut! Nachdem die Political Correctness bis zum Geht-nicht-mehr überbeansprucht wurde, fällt diese neue Linie besonders bei solchen Verfahren besonders ins Gewicht. Denn wenn der kleinste Vorwurf im Raum steht, sagen dann die besonders korrekten Geschäftspartner oder Politiker, „Ja, es tut mir sehr leid, Sie sind ein toller Bursche/tolle Frau, aber wir können leider nicht weiter – weil da ist ja irgendwas. Haben wir irgendwas gesehen. FalterGate und so.“ Das heißt: Diese Methode ist sehr erfolgreich. Die wenden wir jetzt auf den Falter und den Klenk an. Und den Thurnher mit seinem Schloss. Die locken wir in die Twitter-Falle, die schlagen wir mit ihren eigenen Moralwaffen.
SCHMIERER: Also wirklich, ich habe schon einmal formuliert: Die Chats vom Kurz sind so irgendwie wie das Leiberl von Heinz-Christian Strache: unappetitlich und nicht schön zum Anschauen, aber strafrechtlich relativ unrelevant. Der Kurz ist unschuldig, klar. Die wahren Verbrecher sind diese Staatsanwälte, und da hat man noch diese Stimmungsmache dabei. Und da machen auch immer die gleichen Medien mit dann.
RESCHIERER: Ja.
SCHMIERER: Die ja dann als Erste das bekommen und vielleicht sogar – und das habe ich schon einmal angedeutet – also es gilt natürlich die Unschuldsvermutung, aber man muss sich schon fragen, ob es da nicht so eine Art Gegengeschäft gibt, und das geht so: Wir kriegen dieses Kleinmedium dazu, dass sie sich über uns aufregen, und dann zitieren sie dich, mit ihren Riesen Social Media Accounts, und der Armin Wolf retweetet das auch noch, und schon bist du bekannt.
RESCHIERER: Man muss ja auch bedenken, dass es bei dieser Strategie Make Him Dirty auch um sehr viel Geld geht. Ich weiß das, ich mach nix umsonst, und du auch nicht, Follow the money, sag ich, und make it dirty. Nehmen wir nur die Inserate, die fließen in ein Wochenblatt aus der Umgebung der Gemeinde oder Stadt und des Landes Wien, dann sollte man das einmal anschauen. Wenn man andere anschaut, müsste man auch das anschauen.
SCHMIERER: Ja, ist ja unerhört! Entschuldigung, dass ich Sie da unterbreche, Herr Professor. Aber die haben eine Auflage von 45.000 Stück, denke ich jetzt einmal.
RESCHIERER: Druckauflage. Aber in der Mediaanalyse haben sie 254.000, mehr als das Profil…
SCHMIERER: Das ist unwesentlich. Sie haben Zahlungen der Stadt Wien en masse. 47 Prozent der Inseratenschaltungen, steht sogar im Akt des Staatsanwalts jetzt aktuell, kommen aus der Stadt Wien zu diesem Falter-Blatt. Das ist ja interessant, dass man da hier offenbar ja sehr abhängig ist.
RESCHIERER: Ja. Wenn’s nicht 60 Prozent sind oder 70 oder mehr. Wir forschen da noch mit Detektiven. Ich mache dem Chefredakteur dort oder auch dem Herausgeber nicht den geringsten Vorwurf. Der macht den Job, kriegt dafür Geld, verdient was. Aber diejenigen, die das finanzieren, müssen schon der Öffentlichkeit Rede und Antwort stehen, welches Geld ist das.
SCHMIERER: So wie unsere Hintermänner und Frauen, die wir…
RESCHIERER: Da soll auch Geld geflossen sein, der Beweis ist derzeit noch nicht erbracht, das muss man auch sagen.
SCHMIERER: Und das bringt ja auch was. Sonst hätten es ja auch die Freunde der ÖVP nicht gemacht. Und Sebastian Kurz. Also das bringt ja was. Das hat ja einen Sinn, dieses Marketing. Das Einzige, was man hier jetzt dann fragen muss: die Relation, die steht. Und da sind wir ein bisschen auf einer Schieflage.
RESCHIERER: Und die Frage, woher kommt das Geld. Das ist die entscheidende Frage.
SCHMIERER: Also wir halten jetzt einmal fest, wir fassen einmal zusammen: Es gibt immer die gleichen Medien, die daraus dann aus einer relativ ungustiösen, aber unappetitlichen Affäre dann den Megaskandal machen. Also uns.
RESCHIERER: Also das ist unser Gesamtmarketingplan für Dirty Campaigning. Einwandfrei. Es geht fast immer nur um Kriminalisierung der Gegner. Oder es geht einfach nur um Anpatzen. Und diese Kampagnen sind abgerundet mit Vorträgen.
SCHMIERER: Wir zwei zum Beispiel: Ich mach als Chefredakteur mit einem kleinen Kabarettisten sogar Vorträge und patze von der Bühne her Konzerne an oder auch Personen.
RESCHIERER: Ich muss schon bitten, Herr Chefredakteur, ich bin kein kleiner Kabarettist. Ich werde da auch gewürdigt zwischendurch. Das ist eine Gesamtkampagne, das ist ein Gesamtkunstwerk, aber in der Abteilung Dirty Campaigning. Und da muss ich sagen: Verfolge die Spur des Geldes. Wer bezahlt das?
SCHMIERER: Wer bezahlt das alles, ja.
RESCHIERER: Denn wir zwei stellen uns nicht zwei Stunden auf die Bühne in einen Hinterhof, in ein Wirtshaus oder in so ein DGDA-Studio, um da den Kasperl runterzureißen, sondern wir bekommen ein Geld dafür. Und wer bezahlt dieses Geld? Und das müsste man wirklich prüfen. Das ist sehr spannend.
SCHMIERER: Da haben wir ja einen sehr interessanten Punkt, finde ich. Die Menschen, die da mit involviert sind und die alle von diesen Skandalen immer…
RESCHIERER: Die leben davon.
SCHMIERER: … profitieren.
RESCHIERER: Die leben sehr gut davon.
SCHMIERER: Und da müsste man ja einmal wirklich, so wie Sie sagen, die Spur des Geldes verfolgen, wer die aller zahlt, wer wo was platziert, und gibt es da eigentlich schon – weil ich auch immer wieder gefragt werde – irgendeine neue Spur, die zu den Hintermännern führen kann?
RESCHIERER: Es gibt absolut wesentliche, interessante Spuren, die noch nicht in der Öffentlichkeit bekannt sind.
SCHMIERER: Herr Professor, recht herzlichen Dank fürs Kommen. Und ich gebe jetzt zurück ins Studio von DGDA.
RESCHIERER: Danke. Und sauber bleiben!

Distance, hands, masks, be considerate!
Ihr Armin Thurnher
@arminthurnher
thurnher@falter.at


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