Meine Reise nach Darmstadt zwecks Lobpreisung des Franz Schuh

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der vervirten Welt 569


ARMIN THURNHER

09.11.2021

Vergangenen Samstag war ich in Darmstadt, wo Clemens J. Setz den wichtigsten deutschsprachigen Literaturpreis erhielt, den Georg-Büchner-Preis. Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung vergibt am gleichen Tag noch zwei andere Preise , den Johann-Heinrich-Merck-Preis für Essayistik und den Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa. Den Merck-Preis erhielt Franz Schuh, und ich hatte die Ehre, die Laudatio halten zu dürfen. Man kann alle Reden dieses denkwürdigen Abends nachsehen und nachhören, und meinen Text können Sie hier nachlesen, wenn Sie wollen. Über die Reise nach Darmstadt werde vielleicht noch berichten.

Franz Schuh bei seiner Darmstädter Dankesrede.
Foto Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung, Screenshot

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

gestatten Sie mir, ehe ich Franz Schuh preise, eine kleine Vorbemerkung. Ich breche heute mit einer Gewohnheit, die Ihnen nicht vertraut ist, sonst hätten Sie mich gewiss nicht als Lobredner bestellt. Mit einschlägigen Anfragen eingedeckt, beschloss ich vor ein paar Jahren, meine Preisreden nur noch in gebundener Rede vorzunehmen, in Form von meist in Hexametern gehaltenen Oden. Davon rücke ich heute ab, denn Franz Schuh zu preisen, ohne ihn wenigstens andeutungsweise zu erklären, scheint mir im durch die gemeinsame Sprache getrennten Ausland nicht möglich. Für Erläuterungen scheint mir Prosa angemessener.

Das Wort von der gemeinsamen Sprache stammt, wie Sie wissen, angeblich von Karl Kraus, und ihre Beziehung zu Kraus haben der Preisträger und sein Lobredner gemeinsam. Sie sind beide Krausianer.

Was ist ein Krausianer? Er unterscheidet sich – das ist wichtig –vom Kraus-Anbeter oder Kraus- Epigonen darin, dass er die Schule von Karl Kraus zwar durchmessen, aber sie wieder verlassen hat, eben ohne sein Jünger zu werden. In dieser Formulierung verdanke ich den Rat Franz Schuh. Nicht unverändert, aber verlassen wir die Schule, besagt der Ratschlag, vielmehr für immer ausgestattet mit jenem Verhältnis zur Sprache, das nicht versucht, sie zu beherrschen, sondern sich vielmehr von ihr beherrschen zu lassen. Und für immer ausgestattet mit einem Misstrauen gegenüber der Phrase, jener Korruption der Sprache, die alles verdirbt. Also mit einem Misstrauen gegen jede Art von Korruption.

Damit ist man für ein Leben in Österreich, wo so ziemlich alles korrupt ist, bestens gerüstet. Nämlich dafür, sich das Leben schwer zu machen.

An Schwierigkeiten kommt hinzu, dass der Preisträger, sein Lobredner und Karl Kraus eines teilen, das ihr Tun erst recht erschwert: Alle drei kritisieren den Journalismus, indem sie ihn zugleich ausüben.

Stellt man einen Autor vor, nimmt man sich heute zuerst seinen Wikipedia-Eintrag her. Dieser fällt im Fall Schuh so dürr aus, dass es schon wieder exemplarisch ist. Und er ist so kurz, dass ich ihn ohne weiteres vortragen kann, ohne meine Redezeit damit allzu sehr zu verknappen.

»Franz Schuh studierte Philosophie, Geschichte und Germanistik in Wien und schloss das Studium 1975 mit der Promotion Hegel und die Logik der Praxis ab. In dieser Zeit hielt er sich auch im Café Dobner auf und traf dort Lukas Resetarits, dessen „Schmäh“ Schuh selbst in seinem Schreiben sehr beeinflusste. 1976–1980 war er Generalsekretär der Grazer Autorenversammlung, dann Redakteur der Zeitschrift Wespennest und Leiter des essayistischen und literarischen Programms des Verlags Deuticke. Er arbeitet als freier Mitarbeiter bei verschiedenen Rundfunkanstalten und überregionalen Zeitungen und als Lehrbeauftragter an der Universität für angewandte Kunst Wien und war im Literaturhaus Wien zu Gast. Seit Juni 2009 schreibt er eine Kolumne im Magazin Datum und spricht im Radioprogramm Ö1 unter anderem in seinem „Magazin des Glücks“. Seit 2020 verbringt Schuh krankheitsbedingt viel Zeit in Krankenhäusern als „Pflegefall“. Ende des Eintrags.«

Meine Damen und Herren, damit bin ich nicht zufrieden. Lassen Sie mich versuchen, aus der Kritik dieses Eintrags einen neuen, vielleicht besseren, zumindest kompletteren zu erstellen.

„Franz Schuh studierte Philosophie, Geschichte und Germanistik in Wien und schloss das Studium 1975 mit der Promotion Hegel und die Logik der Praxis ab.“ Das ist richtig, aber als Beginn zu dürftig. Franz Schuhs wahre Hochschule war der Gemeindebau, in dem er aufwuchs, als Sohn eines Polizisten und einer Hausfrau. Der Polizist war Kommunist, denn die Kriminal- und Staatspolizei im Wien nach 1945 war durchaus politisch besetzt, und die KPÖ spielte eine Rolle beim Aufbau der Zweiten Republik. Das Aufwachen im Gemeindebau war Schuhs erste, höchste Schule, denn dort erlebte er noch etwas wie Solidarität und Gemeinsinn, Dinge, die der korrupt werdenden Sozialdemokratie spätestens nach Kreisky abhanden kamen. Hegel und der Gemeindebau, zu diesen beiden Prägungen kam die dritte, bereits erwähnte durch Kraus und den Krausianer Canetti.

Der zweite Satz des Wikipedia-Eintrags lautet: „In dieser Zeit hielt er sich auch im Café Dobner auf und traf dort Lukas Resetarits, dessen „Schmäh“ Schuh selbst in seinem Schreiben sehr beeinflusste“. Der Kabarettist, er gehört zu den Besten seines Fachs, wäre nie auf die Idee gekommen, sein Schmäh habe Schuh beeinflusst. Er würde gewiss das Gegenteil behaupten. Was den Verdacht nahelegt, Schuh selbst habe bei der Abfassung des Eintrags seine Finger im Spiel gehabt.

Diese nicht falsche, aber doch irreführende Fährte, er sei von einem Kabarettisten maßgeblich beeinflusst worden, würde jedenfalls gut zu ihm passen.

Denn seine radikale Nichtkorruptheit hat diesen Schriftsteller aus allen Positionen ferngehalten, die ein bequemes Leben ermöglichen, das oft als Bedingung gilt, Literatur überhaupt produzieren zu können.

Das Café Dobner am Naschmarkt war in den siebziger Jahre Treffpunkt der Wiener rebellischen Intelligenz, in seiner Verkommenheit ein Platz scheinbar außerhalb jeder Wohlanständigkeit. Ich selbst wechselte dort zum ersten Mal ein Wort mit Schuh, als ich ihm ein Exemplar der eben von mir mitgegründeten Zeitung Falter zu verkaufen versuchte und ihm von der Kritikerin Cathrin Pichler mit den Worten vorgestellt wurde: Das sei der Mann, der „dieses phantastischen Blatt“ mache. Das war erkennbar ein Zitat.

Die Zeitung war in der Tat phantastisch, und Schuh erkannte in ihr hinter all dem Dilettantismus, der sie kennzeichnete, nicht nur das Krausianische, sondern auch den verwandten Willen, nicht mitzumachen.

Seine Ermutigung bedeutete mir viel, mehr noch, dass er mich zu einer Lesung meiner Texte aus dieser Zeitung ins Wiener Literaturquartier Alte Schmiede einlud. Das ist lange her, es gehört nicht in meinen Wikipedia-Eintrag, ich streiche es gleich wieder heraus. Auch, dass aus literarischer Zuneigung unvermeidlicherweise Freundschaft wurde.

Hingegen würde ich mindestens doch folgendes anmerken: Franz Schuh begann als Autor von fundierter Literaturkritik und witziger Aphorismen, bald aber auch als journalistischer Mitarbeiter beim Magazin Extrablatt, wo er neben anderen Kollege von Elfriede Jelinek, Manfred Deix, Erich Hackl und Christoph Ransmayr war. Dann schrieb er bei Profil und mehrere Jahre lang beim Falter. Mit seinen glänzenden Essays und Polemiken, auch mit seinen bemerkenswerten Interviews errang er sogleich eine überragende Statur in Wien. Mit seinen Worten gesagt, er war „in Österreich weltberühmt“.

Ich erwähne das, weil ich in aller Kürze andeuten möchte, was das Besondere an der Position dieses Autors ist: Er hat sich nie vom Betrieb ausgeschlossen, nie aus ihm herausgenommen. Er hat sich aber nie diesem Betrieb angedient. Er hat das Kunststück geschafft, das wenige schaffen, er hat sich im Betrieb exzentrisch verhalten, als Außenseiter am Rand dieses Betriebs. Weil es ihm als einem der ganz wenigen gelang, sich nicht korrumpieren zu lassen. Das machte ihn für Laufbahnen unbrauchbar, für Positionen kam er als politisch unzuverlässig nie in Frage, und das wiederum erschwerte den Lebensunterhalt.

Wenn ich sage, Österreich sei korrupt, so meine ich nicht nur die politische Alltagskorruption, mit der unser schönes Land regelmäßig in den Nachrichten auftaucht. Nein, ich meine, die Gesellschaft dieses Landes ist unfähig, von sich aus die Verdienste eines Menschen anzuerkennen. Sie erkennt nur, was ihr sich ihr aufdrängt, was ihr aufgedrängt wird.

Durch Freunderlwesen, durch Haberertum, wie man das Gekungel bei uns nennt, neudeutsch sagt man Netzwerken, eine Fähigkeit, auf die kein heute erfolgreicher Mensch verzichten mag. Schuh hingegen hört dem Netzwerk weniger die Möglichkeit ab, damit fortzukommen, als die Gefahr, sich darin zu verstricken. Er ist der Antinetzwerker. Er ist, wenn überhaupt, ein Netzdurchlöcherer. Was die Gefahr des Erstickens mindern kann.

Was Wikipedia noch von Schuh berichten müsste, wären seine rhetorischen Fähigkeiten. Sein Witz, seine Geistesgegenwart im lebendigen Wort, seine gesprochene Schauspielkunst oder – wie seine fast symbiotische Existenz mit dem wirklich feinen öffentlichrechtlichen Radiosender Ö1 zeigt, seine musikalische Auffassung von Sprache machen Schuhs Lesungen zum theatralischen Erlebnis. Da mischt sich das Erbe nicht nur von Kraus und dem Volkstheater Nestroys, da stecken auch die Wiener Gruppe und der verehrte Konrad Bayer drin, über den Schuh nicht nur glänzend schrieb, sondern den er auch in einem zu Recht preisgekrönten Hörspiel in sämtlichen Rollen spielte, ganz dem Ideal des Theaters der Dichtung genügend.

Meine Damen und Herren, Franz Schuh bekommt heute diesen bedeutenden Essaypreis, aber er ist nicht nur Essayist. Er hat einen wichtigen Roman geschrieben, und seine Prosabände schaffen eine ganz eigene Art von Literatur, eine Verquickung aus persönlichem Bericht und absurdem Humor, und das auf höchster Reflexionsebene. Ich glaube, man darf seine Bücher insgesamt Folgen eines großen Schuh’schen autobiografischen Fortsetzungswerks nennen, das seit 1976 erscheint und bereits in der dreizehnter Buchfolge vorliegt. Eine Comédie Humaine unserer Zeit, eine Negative Dialektik mit Schmäh. Zum Brüllen komisch, abgrundtief gescheit und durch und durch menschenfreundlich: „Gott erhalte mir eines, dass ich doch weiter Freude am Gelungenen (nämlich anderer, Anm.) habe, mehr Freude als Trauer darüber, dass mir nichts gelingt“, sagt Schuh.

So liebevoll kann nur einer schreiben, der einem sanften Gesetz folgt, das da lautet: mit mir nicht. Der bei aller Geschäftigkeit sich einen Punkt außerhalb aller kompromittierenden Geschäfte bewahrt hat und dadurch eine moralische Integrität, die ihm das fortgesetzte Unternehmen dieser menschlichen Tragikomödie ermöglicht. Deren Umfang erkennt man erst, wenn man merkt, wie sich die Nebensachen der Jahrzehnte zu einer Hauptsache zusammenfügen, und am Ende doch zu einem Werk. Insofern war mein früh gegen ihn erhobener Vorwurf der Erfolgsvermeidung vollkommen unberechtigt. Franz Schuh, falls das bisher nicht klar wurde, ist unser bester Schriftsteller. Und, was sein Verhältnis zur Sprache betrifft, unser erfolgreichster. Ich danke Ihnen, dass Sie das mit ihrem Preis würdigen und gratuliere Franz Schuh zum hochverdienten Merck-Preis.

Distance, hands, masks, be considerate!
Ihr Armin Thurnher
@arminthurnher
thurnher@falter.at


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