W. A. Mozart schreibt an W. Sobotka: Nehmen Sie sich ein Herz, treten Sie zurück!

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der vervirten Welt 561


ARMIN THURNHER

30.10.2021

Die Operette macht heute Pause. Aus Anlass der 500. Rücktrittsaufforderung an Wolfgang Sobotka auf Twitter stellt der Autor diesmal seine Kolumne nicht dem Epidemiologen zur Verfügung, sondern einem prominenten Gastautor. Dieser fühlt sich mit dem Adressaten verbunden, weil der ihm immer wieder auf die Pelle rückt. Er ist dadurch geschmeichelt, aber auch unangenehm berührt. Warum, erklärt er hier. Es ist niemand anderer als Wolfgang Amadeus Mozart, ein berühmter und bisweilen durchaus saftiger Briefschreiber.  A. T. 

Foto © wikipedia

An Monsieur Sobotka, im Parlamente

Mir ist es unangenehm, aber mir kam zu Ohren, Sie hätten allerhand Probleme. Sie wurden auf den Platz eines Politikers gestellt, aber ihr Herz schlägt für anderes. Sie wären gern Baumeister, sie wären gern Dirigent. Ich höre, sie dirigieren gern meine Musik, vorzüglich an der Spitze von Laienorchestern, die mit von Ihnen im Gegengeschäfte lukrierten Spenden belebt werden. Oder mit denen professionellen Musici, so von selber spielen.

Dieses könnte man von der Gesinnungsgemeinschaft auch sagen, der Sie sich verschrieben haben und die ihnen vorschreibt, was sie zu sagen haben. Eine perfide Wechselverschreiberei!

Mir ist es sehr unangenehm, ihnen das auf direkte Weise sagen zu müssen, lieber Sobiboberl, aber heute muss ich Ihnen doch einmal schreiben, was ich empfinde, wenn einer wie Sie sich an meiner Musik zu schaffen macht. Sie wissen ja, meine Musik zählt vielleicht zu den letzten Kompositionen, die für Laien geschrieben wurden. Von meinen Klaviersonaten heißt es, sie seien für Kinder zu leicht und für Meister zu schwer. Das kann man wohl von aller meiner Musik sagen.

Die Leichtigkeit darin, das rätselhafte Aufblitzen meines Originalgenies aus lauter Fertigteilen – es ist leicht möglich, dass ich übertreibe – das Kantable selbst im rein Instrumentellen – niemand ist dem je so nahegekommen wie ich – da mir Gott dieses Glück gegönnt, darf ich es sagen.

Sie wissen, dass der Begriff des Genies, den mir die Pfaffen umgehängt haben, eine Art Propagandatrick der Kirche war, die im Zeitalter der Aufklärung auf Wunder setzte, gegen den nüchternen Geist der Vernunft. Da kam ich als Wunderkind gerade recht, und so wurde ich auch vermarktet.

Sie wissen ebenso gut, dass ich da nicht mehr mitgespielt habe und mich lossagte, mich mit den Brüdern des Rationalen verbündete, Freimaurer wurde, freier, selbständiger Künstler, der ersten einer, und Sie wissen, dass ich diese Freiheit auch in meiner Kunst gefeiert habe, nicht nur im Figaro. In dem sowieso.

Meine Kunst war und ist für alle da. Auch Laien wie Ihnen steht sie offen, mögen sie professionell, halbprofessionell oder gar nicht ausgebildet sein, mögen sie gut spielen oder wie ein elender Scolar oder vollends wie ein Tölpel.

Gar nicht vertragen kann ich aber, dass meine Musik und mein Genie dafür herhalten müssen, jemanden wie Sie auch noch zum Kulturmenschen zu legitimieren.

Ich habe mich lieber in den Hintern treten lassen, als den Lakaien meines Bischofs zu machen. Ich habe weiter viele Noten geschrieben, auch wenn es dem Kaiser Josef zu viele Noten waren.

Jedoch unter uns gesagt: Ich mag es nicht, von Lakaien aufgeführt zu werden, denen kein Werk im Dienst ihres Herrn zu schmutzig, keine Intrige zu billig, kein Gegengschäfterl zu schmierig ist. Versteh er, ich mag es nicht leiden, von Betbrüdern aufgeführt zu werden, die der Religion das Hintertürchen in die Politik wieder öffnen wollen. Und ich mag eine herzhafte Sprache, aber eine klare, deutliche, lieber Soberboberl, Presiwesi, Ausschuss-Wauwaus-Schuss! Mach Schluss! Nicht dieses sich beim Reden schon verstümmelnde gebellte Geschwurbel, das Sie in der Öffentlichkeit so herzlich gern von sich geben. Auf gut sobotkinesisch gesagt: wäre ich bei Ihnen, wenn sie so loslegen, würde ich Ihnen jedesmal einen Nasenstüber verpassen, dass es kracht.

Sie werden vermutlich glauben, Monsieur, ich verstünde nicht, worauf sie hinauswollen, wenn sie als Dirigent meiner Werke auftreten. Doch da irren Sie sich ein bisschen. Ihre Partei gleicht einem Haufen jugendlicher kunstfremder Gestalten, versiert allein in der Kunst, die Leute massenhaft an der Nase herumzuführen. In diesem Haufen sind Sie, der so viel Ältere, geduldet als Ausführer von Dolchstößen und Anzünder blakender Lämplein wohlfeiler Herzjesu-Frömmigkeit in den Kathedrale der öffentlichen Vernunft. Schändlich genug. Aber Sie wollen auch noch als glänzender Kulturmensch gelten.

Wissen Sie was? An Ihnen ist mir nur Ihre Affinität zum Glücksspiel sympathisch. Wenn es denn eine solche wäre und nicht bloß Nähe zu einem menschenverachtenden Glücksspielkonzern. Ich habe wenigstens beim Billard, am Kartentisch und auf der Kegelbahn ein Vermögen verspielt und dabei auch noch ein glänzendes Trio geschrieben. Und sie?

Heute ist der Tag, an dem der Autor dieser Kolumne, der mir heute Gastfreundschaft gewährt, zum 500. Mal die Aufforderung an Sie richtet, zurückzutreten. Hundertmal hat er Ihnen gereimte Zweizeiler an den Kopf geworfen, hundertfach tönte ihm ein zunehmendes gereimtes Echo auf Twitter zurück.

An Ihrem Hartschädel prallte das alles ab. Ich aber weiß, Sie haben nicht nur den gleichen Vornamen wie ich – horribile dictu – sondern auch eine verletzliche Seele.

Monsieur Le Sobeau, lassen Sie sich von einem einfachen Mann einen ehrlichen Rat geben: Gehen Sie nach Hause und hören sie auf, im Auftrag Ihres Bubenführers, der eh nicht mehr zu halten ist, die Arbeit ehrlicher Parlamentarier und Parlamentarierinnen zu behindern, ja zu zerstören.

Nun wird es Zeit, zu schlüssen. Gehen Sie nach Waidhofen und spielen Sie ein paar Klaviersonaten von mir, ich weiß, für Cello solo ist nichts dabei, aber Sie können ja ein Trio nehmen. Gehen Sie in Ihr Haus mit dem Schattengarten und lassen Sie meine Musik einfach wirken. Sie wird Ihnen helfen. So wie Ihr Rückzug der Nation.

Was sagen Sie dazu? Gefällt’s Ihnen? Nicht sehr glaub ich, es sind harte Ausdrück und schwer zu begreifen. Aber von Herzen zum Herzen. Also nehmen Sie sich eins – Sie haben gewiss eins, schauen Sie nur nach – und treten Sie einfach zurück.

In Eyle,

W. A. Mozart.

Distance, hands, masks, be considerate!
Ihr Armin Thurnher
@arminthurnher
thurnher@falter.at


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