Mhm. I’m loving it! Reden wir über den Charakter des Sebastian Kurz.

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der vervirten Welt 542


ARMIN THURNHER

08.10.2021

Manchmal bewegt sich das öffentliche Rudel zu schnell.

Das Meinungshaben und das Meinungsmachen werden beide zu Recht verachtet. Nur Fakten zählen. Dass man auch mit Fakten Meinung machen kann, steht auf einem anderen Blatt, und die scheinbar nüchternste Präsentation sogenannter Tatsachen stellt oft den schlimmsten Meinungskommentar in den Schatten.

Gegen das Meinungshaben kann man alles Mögliche einwenden, und die meisten Einwände sind mehr als berechtigt. Dennoch bin ich jetzt der Meinung, wir sollten ein wenig innehalten und uns nicht nur in taktischen Spielereien verlieren. Was wird geschehen, was wird ER tun, welche Varianten des Machterhalts bieten sich IHM und seiner ÖVP, kann ER noch zurückkommen, wenn die neuartigen Versuche der Opposition platzen. Welches Kaninchen zieht ER, der begnadetste Hütchenspieler von allen, nun aus dem Hut (ER ist natürlich nur der Exekutor, es spielen Berater im Schatten, die ER bei Bedarf nicht kennt.)

In einem Kommentar habe ich Kurz einmal als „puer robustus“ eingeschätzt, als egozentrische Variante des Störenfrieds
Foto APA @ Fohringer

Sebastian Kurz ist rücktrittsreif, das steht fest. Ich bin mit den nun öffentlich angegebenen Gründen aber nicht zufrieden. Es wird der Staatsanwaltschaft gelingen oder nicht, ihn als bestimmenden Täter und Anstifter zu Bestechlichkeit, Bestechung und Untreue zu überführen. Allein die Tatsache, dass diese Untersuchung läuft, nicht als erste (eine sechs Stunden dauernde Einvernahme wegen falscher Zeugenaussage vor dem Ibiza-Untersuchungsausschuss gibt es schon) und vielleicht nicht als letzte, würde naturgemäß für den Rücktritt eines führenden Politikers reichen.

Es ist gewiss interessant, sich alle Konsequenzen auszumalen, die dieser Schritt hätte.

Es wäre noch interessanter, die Kurz’sche Politik in politischen Begriffen zu fassen, ständisch gemilderter Neoliberalismus, antietatistischer Etatismus undsoweiter. Das wäre nicht leicht, aber dringend nötig.

Am interessantesten wäre es, nüchtern zu bilanzieren, was er wirklich „weiter gebracht“ hat, wohin er unser Land gebracht hat, wie seine Paladine versicherten, die ihm hörigen Landeshauptleute und Spitzenpolitiker. Sie sind ihm hörig, weil er der ÖVP Wahlen gewinnt. Ob das Land dabei verliert, ist ihnen gleich.

Statt all die jetzt geschickt geworfenen Hölzchen zu apportieren, möchte ich die Frage nach den sichtbar gewordenen Charaktereigenschaften des Sebastian Kurz stellen. Diese sollten trotz allgemein verbreitetem Machiavellismus wohl doch zu einem gewissen Maß darüber bestimmen, ob ein Mensch an die führende politische Stelle eines Landes treten soll oder nicht.

Die einzige Eigenschaft, die man an Kurz allgemein kannte, war die des Charismatikers. Möglicherweise wurde dem Charisma nachgeholfen, aber welches Charisma entsteht aus sich? Hat man einmal ein Amt, ergibt sich der Rest oft von selbst.

Jenseits des Charismas machte man sich wenig Gedanken. Charisma war die politische raison d’ être des Sebastian Kurz. Mittlerweile lässt sich eine beachtliche Sammlung von Charaktereigenschaften anlegen.

Zuerst kam die hinterlistige Erledigung des Vorgängers Reinhold Mitterlehner. Zugleich zeigte sich das skrupellose Verhältnis unseres Protagonisten zur Wahrheit, vor allem der Zynismus, indem er nicht nur bestritt, Drahtzieher des politischen Mordes gewesen zu sein, sondern abstritt, es habe sich überhaupt um einen solchen gehandelt.

Das nahm üppige Formen an und verriet eine weitere Charaktereigenschaft, dem Meuchelmord verwandt: den Sadismus, die Lust, sich über das Opfer lustig zu machen. Zu beobachten an jenem Kirchenvertreter, den der Kanzlervertaute Thomas Schmid zum Gaudium des Kanzlers quälte, oder am Leiden des Vizekanzlers Mitterlehner, den Kurz seine Gegengeschäftspartner, wie die Staatsanwaltschaft behauptet, systematisch diffamieren und hinunterschreiben ließ. Oder auch am Königseinfall, dem angeschlagenen Gesundheitsminister Rudi Anschober öffentlich in den Rücken zu fallen, als sich dieser gerade krankheitsbedingt nicht wehren konnte.

Das zynisch-sadistische Vergnügen an Machtausübung teilt der Kanzler mit seinen Vertrauten, die „das lieben“ wie man nur einen Cheeseburger lieben kann. Es waren aber gar nicht seine Vertrauten, behauptet er jetzt. So kommt zur Entschlossenheit, über metaphorische Leichen zu gehen, das Charakterdefizit der Treulosigkeit. Ehe der Hahn dreimal krähte, hat er sie alle verraten, die engen Freunde. Den Tiroler Johannes Frischmann, ihm wohlvertraut aus der JVP, deren angehimmelter Chef Kurz war, will er kaum gekannt haben. Thomas Schmid, der ihm, immer der WKStA zufolge, seine publizistischen Schmutzstückchen mit Steuergeld finanzierte, ließ er fallen. Er war ja nicht für ihn zuständig, Schmid agierte in einem fremden Ressort.

Geradezu systematisch distanziert sich Kurz also von Leuten, die ihm aufopfernd dienten.

Es ist nicht unwichtig, dieses Charakterbild eines Mannes zu zeichnen, der auf dem flachen Land noch immer als intakter Heiliger, nunmehr als Märtyrer im türkisem Strahlenkranz dasteht und nicht als verfolgende, verlogene Unschuld. Mantraartig wiederholte er die Ansage, er patze niemanden an und pflege einen neuen Stil. Niemand ahnte, wie wahr und verlogen zugleich das war: er patzte aus dem Hinterhalt an, besser: er ließ anpatzen.

Heuchler, Meuchler, Falschredner, Treuloser, Verleumder, und dabei voller Entrüstung über jeden, der das auch nur beiläufig erwähnt – über so einen kann man kaum sagen, es schwanke sein Charakterbild in der Geschichte. Es sieht mehr aus wie das eines Imperators aus römischer Verfallszeit als nach dem eines Repräsentanten demokratischer Politik. Sein durchaus gewinnendes Wesen und seine beachtliche Beredsamkeit stehen dazu in Kontrast und machen das Gesamtbild umso irritierender. Dennoch steht das Bild eines Mannes klar vor uns, von dem man sein Land nicht regiert haben will. 

Was immer er in seiner Partei, die einmal ÖVP hieß, weiter brachte, die sich ihm gerade auf dem Parteitag komplett unterworfen hat, und wohin er, der Freund der Janša und Babiš, sie gebracht hat, sollte auch sie es nicht wollen. Diese Partei, der nichts einfällt als, die Vorwürfe seien konstruiert und seien bisher immer in sich zusammengebrochen, fährt nicht gut dabei, sich einem solchen Mann auszuliefern. Alles, was der Falter ihm und ihr bisher nachwies, die bewusst geplante Überschreitung der Wahlkampfkosten samt Anschmieren der Öffentlichkeit, oder die Operation Ballhausplatz zum Beispiel, hat sich bisher als zutreffend herausgestellt, der Vorwurf „falscher Vorwürfe“ als falsch.

Soweit meine bescheidene Meinung. Für den Rest der Sebastian Kurz angelasteten Tatsachen gilt die Unschuldsvermutung. Und persönlich ist er recht nett.

Distance, hands, masks, be considerate!
Ihr Armin Thurnher
@arminthurnher
thurnher@falter.at


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