Mehr Licht! Über Facebooks Blackout

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der vervirten Welt 539


ARMIN THURNHER

05.10.2021

Der Blackout des mächtigen Social Media Konzerns dauerte sechs Stunden und umfasste weltweit die Kanäle Facebook, Instagram und Whatsapp. Ich war nicht betroffen, denn ich folge dem Imperativ „digitalisiert euch!“ nur zögerlich und bin als Facebook-Erscheinung ein Witz. Mein Instagram-Account besteht aus dem Blick aus meinem Fenster samt Datum, und den kann ich auch nur dokumentieren, wenn ich ihn werfen kann, also wenn ich da bin und am Fenster stehen kann. Außer, ich würde schwindeln, was ich nicht tue, denn mit einer Google-Bildsuche würde das sofort entdeckt. Auf Facebook habe ich mich angemeldet, seit mir klar wurde, wenn ich digital nicht existiere, existiere ich nicht, deswegen schreibe ich ja diese Kolumne, und vor dem Erlöschen meiner physischen Existenz wollte auch ich einen Hauch von ewig lebender Superintelligenz erhaschen und umfassend digital existieren. Ich hab schon ein paar Dutzend Freundschaftsanfragen, und bitte auf diesem Weg um Verständnis für meine Zögerlichkeit, in diesem Bunde der Hundertsiebzehnte zu sein.

Whatsapp ist eine kostengünstige Qual. Sie verdanke ich unserem Hund Cato und unserer Liebe zu Indien, wo wir uns einmal im Jahr aufhielten, vor der Pandemie. Denn Whatsapp, sagte man uns, sei die günstigste Art, die Kommunikation aufrechtzuerhalten und Neuigkeiten über das werte Befinden des Herrn Hund zu erhalten. Wir erfuhren alles, nur nicht das Wichtigste: Cato büchste aus, lief über die Bundesstraße, fand den Weg ins temporäre Heim nicht mehr und verirrte sich in den Auen des örtlichen Flusses. Dort fand ihn ein Polizist in Zivil, der mit seinem Hund einen Spaziergang machte, nahm ihn mit und identifizierte ihn dank des Chips, worauf er die Falter-Redaktion verständigte, welche mich verstört in Indien anmailte. Aber dafür kann Whatsapp nichts.

Für den Blackout kann Facebook naturgemäß nichts, denn Facebook ist die unschuldigste Organisation der Welt. Unschuldslamperln United. Facebook ist an keinem einzigen Übel schuld, das es über uns brachte, und davon gibt es eine ganze Menge, von Donald Trump angefangen und dem Sturm aufs Kapitol bis zu den Impfverweigerern und Coronaleugnern, welche übrigens im öffentlichen Gebrauch ziemlich selten gegendert werden, aber dieses Schicksal teilen sie mit Bösewichtern aller Geschlechter.

Ich schweife ab.

Der Blackout lehrte uns zweierlei: Erstens, mit Blackouts ist zu rechnen. Sie gehören zu jenen Risiken, die so offensichtlich sind, dass wir uns nicht auf sie vorbereiten. Kürzlich dachte ich daran, mir einen Solargenerator anzuschaffen, zwecks Aufladen des Mobiltelefons in einer solchen Lage. Aber werden wir noch ein Signal empfangen? Facebooks Zentrale konnte nicht einmal die Türen öffnen oder zusperren, da sie alle digital versperrt waren, und musste seine Server händisch starten. Ein schönes Bild, als müsste man dabei Körperkraft aufwenden, wie Autos, die man früher mit Hilfe einer Kurbel anwarf. So etwas dauerte eben ein paar Stunden.

Sonst, auch das wurde allgemein bemerkt, ist der weltweit zweitgrößte Kommunikationskonzern in der Kommunikation über sich selbst eher sparsam. Die Algorithmen, mit denen er seine, also unsere Kommunikation steuert, bleiben sein gut gehütetes Geheimnis. Fest steht nur, dass sie – da Facebook nun einmal mit Werbung finanziert ist, von Werbung getrieben, wie man treffend sagt – dem eisernen Gesetz der Werbung folgen: Aufmerksamkeit von Kunden muss gesammelt werden, denn nur sie kann verkauft werden.

Hier treffen zwei fatale Bewegungen zusammen. Die Algorithmen Facebooks (und der meisten anderen digitalen Medien) sind darauf ausgelegt, menschliches Verhalten vorherzusagen und es zu steuern. Deswegen auch die riesigen Datenmassen, die es uns, die wir uns schafsmäßig vereinnahmen lassen, abnimmt, um im Wissen, wer wir sind und was wir tun, zu bestimmen, was wir tun sollen.

Menschliches Verhalten wird so zum „Rohstoff für Operationen“, wie das Shoshana Zuboff nennt, die Autorin des unerlässlichen Buchs Überwachungskapitalismus. Facebook hat sich, um die Basis seiner Operationen auszuweiten, mit Medien zusammengetan, und diese eilen ihm freudig entgegen. An der deutschen Spitze Matthias Döpfner, der Chef von Springer, der vor wenigen Jahren noch erschreckend totalitäre Gedanken bei Zuckerberg feststellte, um ihm, nachdem dieser ihm ein Angebot machte, das er nicht ablehnen konnte, immerhin guten Willen zu unterstellen.

Facebook ist wie die anderen sozialen Medien eine Reichweitenmaschine. In den USA beziehen 41 Prozent aller Menschen ihre Nachrichten von Facebook, in Deutschland waren es 2019 21 Prozent.

Die zweite, dazugehörige Bewegung: Alle Medien verlieren Werbung an Facebook , das mit seinen 2,5 Milliarden Nutzerinnen und Nutzern weltweit kaum zu übertreffen ist. Deswegen müssen Medien in der einen oder anderen Weise mit Facebook kooperieren, sich seiner bedienen, sich digitalisieren, wie das heißt. Zu achten wäre darauf, dabei nicht kolonisiert zu werden. Nicht einfach, denn am Ende der Digitalisierung steht die Abhängigkeit. Man existiert nur mehr in Abhängigkeit vom guten Willen des Giganten, der die Nachrichten nimmt, Werbung verteilt und einen präsent hält.

Parlamente und Regierungen werden unruhig, weil sich diese Machtmaschinen außerhalb demokratischer Regeln stellen. Ihnen wurde nicht zuletzt in der Pandemie die zerstörerische Natur der Algorithmenkommunikation bewusst, die das extreme Absonderliche begünstigt, alles ins Extreme treibt, Impfgegner, Kapitolstürmer vielleicht nicht hervorbringt, aber befördert und „zu einem ,Coup‘ mit massiven antidemokratischen Effekten wie dem Ende der Privatheit in vielen Bereichen sowie der viralen Verbreitung von Desinformation“(Zuboff) führt.

Die gute Nachricht: keine Macht lebt ewig. Whistleblowerinnen  erheben ihre Stimme und bestätigen, dass es Facebook allem Gerede Zuckerbergs zum Trotz immer nur um eines geht: ums Geld.

Bei den Jungen lässt die Macht von Facebook längst nach. Ob, was nachkommt, besser ist, bleibt die Frage, solange sich die Demokratien gegen die Autokraten von Silicon Valley und die Herrscher des roten Silicon Valley, gegen China nicht behaupten. Oder gar, statt diese Behauptung ganz oben auf die Agenda zu setzen, den unreflektierten Ruf „digitalisiert euch!“ erheben. Riefen sie stattdessen „demokratisiert euch!“, könnte ein Blackout der erste Schritt zu mehr Licht sein, zur digitalen Aufklärung.

Distance, hands, masks, be considerate!
Ihr Armin Thurnher
@arminthurnher
thurnher@falter.at


Zuletzt erschienen:

Nr. 585 O Lesy, o Lassie, näher zu dir! Eine Weihnachtsgeschichte. (27.11.2021)
Nr. 584 Herausgeben. Herausräumen. (26.11.2021)
Nr. 583 Ich mach mir solche Sorgen um mich, um Fidel Castro und das Rote Wien. (25.11.2021)
Nr. 582 Des klugen Katers Klage. Und ungesundes Essen. (24.11.2021)
Nr. 581 Über Linke, Corona-Leugner und andere Dissidenten (23.11.2021)
Nr. 580 Zu wenig, zu spät, zu schlampig: die Corona-Politik bleibt sich treu. (22.11.2021)
Nr. 579 Hundert Fragen, die den Winter auch nicht mehr retten. (20.11.2021)
Nr. 578 Erinnerung an Oswald Wiener (19.11.2021)
Nr. 577 Schluss mit dem Kanzlerschwindel! (18.11.2021)
Nr. 576 Übersetzungen aus Köstinger (17.11.2021)
Nr. 575 Ein Wort für Christoph Chorherr (16.11.2021)
Nr. 574 Wider den Covid-Beschiss und den Zynismus der Regierung. Was jetzt wirklich not tut. (15.11.2021)
Nr. 573 Die Spur des Geldes. Staatsoperette, heute aus dem Studio des Geheimsenders Schneckex-TV (13.11.2021)
Nr. 572 Im Herzen untüchtig, aber Volksesoterik satt. Kleine Reisegeschichte 3, und Schluss. (12.11.2021)
Nr. 571 Franz Schuh dürstet, und ich vergesse den Kater. Kleine Reisegeschichte, 2 (11.11.2021)
Nr. 570 Ich schaue auf Darmstadt, aber ich denke an den Kater. Kleine Reisegeschichte, 1 (10.11.2021)
Nr. 569 Meine Reise nach Darmstadt zwecks Lobpreisung des Franz Schuh (09.11.2021)
Nr. 568 Corona ist kompliziert. Aber auch einfach: wer zu lange wartet, braucht einschneidende Maßnahmen (08.11.2021)
Nr. 567 Die Versäumnisse der Politik. Und ihre nicht eingestandenen Absichten. (06.11.2021)
Nr. 566 Drei Sätze Stefan Weber. Eine Erledigung (05.11.2021)
Nr. 565 Wie ich in Österreich geistig vegetiere (04.11.2021)


Alle bisher erschienenen Kolumnen finden Sie hier.
Die bisher erschienenen Gastbeiträge des Epidemiologen Robert Zangerle finden Sie hier.