Der österreichische Professor

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der vervirten Welt 537


ARMIN THURNHER

02.10.2021

Wolfgang Rosam ist Professor! Das ist einmal eine gute Mitteilung, die sogleich mit Recht als zutiefst österreichisch empfunden wurde. Aus gewissen Gründen verfüge ich auf dem Gebiet dieses überaus würdigen Berufstitels  über intime Kenntnisse, die ich ausnahmsweise zur Feier der Professorenwerdung des Rosam preisgebe. Sie stammen aus meinem Buch „Republik ohne Würde“, das 2009 erschien. Kaum einer meiner Texte rief mehr Reaktionen hervor als dieser, der auch im Spectrum der Presse vorabgedruckt wurde. Er ist etwas länger, Sie werden es aushalten.

Professor Wolfgang Rosam
Foto © Ian Ehn Falstaff Verlag via Wikipedia

Es war kurz nach meinem fünfzigsten Geburtstag. Dieser Tag markiert das Überschreiten jener Grenze, die einen vom Empfang gewisser österreichischer Würden trennt.

Das Telefon läutete. Der mir von der gemeinsamen Arbeit an einem Interviewband mit dem Kanzler Franz Vranitzky bekannte Kanzlersekretär wurde durchgestellt. Er war nach dem Rücktritt Vranitzkys im Kabinett Klima verblieben und bearbeitete dort nun kulturelle Angelegenheiten.

Wir kannten uns gut genug, es brauchte keine langen Präliminarien. Der Grund seines Anrufs sei ein erfreulicher, sagte er. Die Republik und deren Kanzler, in dessen Namen er mich anrufe, wollten mich, da ich nun ernennbar sei, ernennen. Und zwar zum Professor.

Mir blieb die Luft weg. Mit allem hatte ich gerechnet, damit nicht. Mit dem Professorentitel hatte ich bis zu diesem Tag nur spöttische, hämische, abwertende Gedanken verbunden. Er wird allen möglichen Tunichtguten umgehängt, die als Schnittlauch auf der österreichischen Suppe um die Wette nach den Plätzen in den Fettaugen schwimmen. Ihren Titel führen sie, als wäre er ein akademischer Grad. Nie hätte ich diesen Schmalspurprofessor, wie man ihn nannte, irgendwie mit mir in Beziehung gebracht. Nicht, dass ich eine Großspurexistenz führe. Aber obere Mittelspurweite schreibe ich mir schon zu.

In mein Schweigen hinein erklärte der Sendbote des Kanzlers, es stehe eine Überlegung hinter der Verleihung. Hans Mahr, langjähriger Geschäftsführer der Kronen Zeitung und vormaliger Mitarbeiter der SPÖ, der sogenannte Mahrhansi, bekannt dadurch, dass er im Wahlkampf 1983 eine Aktentasche vergessen hatte, in der sich Unterlagen über die Finanzierung von Medien der Brüder Fellner durch die SPÖ befanden, dieser Mahrhansi, nunmehr angesehener und hochbezahlter Manager beim deutschen Medienkonzern RTL, habe gewissermaßen darauf gedrängt, mit diesem Titel ausgezeichnet zu werden. Diesem Drängen habe man weder widerstehen können noch wollen, handle es sich doch beim sogenannten Mahrhansi nicht nur um einen mächtigen Medienmanager, sondern auch um einen verdienten Genossen.

Freilich, fuhr der Kabinettsmitarbeiter des Kanzlers fort, habe man gleich bemerkt, dass diese Ernennung in den Augen mancher einen etwas merkwürdigen Beigeschmack haben könnte, zumal der Boulevard, für den der sogenannte Mahrhansi tätig gewesen sei, zum Aufstieg des Jörg Haider beigetragen habe, den zu bekämpfen sozusagen einen Wesensinhalt und Daseinsgrund der Sozialdemokratie darstelle. Weiters habe sich das Blatt des Mahrhansi für Waldheim starkgemacht, gegen den sich sein vormaliger Chef, der Kanzler Franz Vranitzky, so sehr bewährt habe. Auch sei der Unterrichtsminister Rudolf Scholten von dem Mahrhansiblatt in einem Spottgedicht antisemitisch beschimpft worden, all das habe man nicht vergessen. Wobei man wohl wisse, dass das, wenn nicht gegen den Willen des Mahrhansi, so doch bei dessen vollkommener Mentalreservation geschehen sei, sodass man den Mahrhansi nicht für das auszeichne, was er getan, sondern für das, was er gedacht habe, denn gegen den Willen des Herausgebers des Mahrhansiblattes kam bekanntlich niemand an. Ich selbst hätte das oft genug geschrieben.

Ich habe meines Wissens nichts geschrieben, was das Tun des Mahrhansi rechtfertigt, sagte ich. Ich habe ihn als junger Mensch nur einmal kennengelernt, als der Mahrhansi, damals Reporter, über einen besetzten Kulturraum berichtete, die Arena 70/2 in der ehemaligen Casanovabar – ich war einer der Besetzer –, und in seinem Artikel einen Satz von mir mitteilte, in dem kein einziges Wort von den Wörtern stand, die ich dem Mahrhansi gespendet hatte, sodass der gedruckte Satz genau das Gegenteil von dem bedeutete, was ich gesagt hatte. So ist Journalismus, dachte ich damals. Mit diesem Drecksgewerbe will ich unter keinen Umstände je zu tun haben. Nun, da mich die Umstände zum Journalisten gemacht hätten, wolle ich gerne wissen, was ich mit dem Professorentitel des Mahrhansi zu tun hätte, fragte ich, noch immer um Fassung ringend.

Na, du stehst für das Gegenteil von alledem, wofür er steht, sagte der Kanzlersekretär vergnügt. Deshalb dachten wir, es wäre eine gute Idee, die Dekorierung des Mahrhansi mit der gleichzeitigen Ernennung deiner Person zum Professor zu konterkarieren.

Aha, dachte ich, da ist sie also wieder, die fortschrittliche Kulturpolitik. Ein Professorentitel für mich ist das, was man eine mutige Geste nennt. Die Neutralisierung des Mahrhansi. Gleichzeitig fiel mir meine Mutter ein. Mein Vater lebte noch, aber der hatte zu Ehrungen dieser Art eine gesunde Beziehung. Er pflegte sie, wenn möglich, brüsk abzulehnen. Mein Professorentitel wäre ihm nur dann nicht egal gewesen, wenn er seiner Frau oder mir Freude bereitet hätte. Meine Mutter, das wusste er, kannte diesbezüglich keine Bedenken, die freute sich über so was. Die wäre stolz gewesen. Einen Professorensohn konnte man herzeigen, auch wenn es ein Schmalspurprofessorensohn war. So einen hatte nicht jede.

Ich weiß nicht, sagte ich ihm. Kann man das auch ohne Zeremonie machen, im kleinen Kreis, der Kanzler, du und ich, meine Frau und meine Mutter, im Kaffeehaus zum Beispiel oder in seinem Büro?

Man könne über alles reden, sagte der Kabinettsmitarbeiter, der sich um den öffentlich-politischen Neutralisierungseffekt der Mahrhansi-Ernennung gebracht sah. Der Mahrhansi würde seinen Professor »mit alles« feiern, soviel war gewiss, mit Seitenblicke-Kolumnen, Dogudan-Buffet und Fernsehen satt. Und das Kanzleramt musste mitmachen, da half nichts.

Am anderen Ende der Leitung britzelte Irritation über meine unerwartete Undankbarkeit. Da will man dem Kerl was Gutes tun und der zickt herum.

Ich erbat Bedenkzeit und beendete das Gespräch. Ich hatte nicht Ja und nicht Nein gesagt, aber die Katze war aus dem Sack, saß in Gestalt eines virtuellen Professors auf meiner Schulter und sah mir beim Schreiben zu, hörte meine Telefonate mit, ging mit mir in die Öffentlichkeit. Wie gefällt er euch, fragte ich die Leute probeweise und stellte mir ein wenig ängstlich ihre Reaktionen vor. Würden sie mich auslachen, würden sie sagen: Endlich, wurde auch Zeit!, würden sie sagen, gut, dass nicht nur solche wie der Mahrhansi Professor werden, oder würden sie, was ich für wahrscheinlicher hielt, sagen: Hast du das nötig, dich mit dem Mahrhansi auf eine Schmalspurstufe stellen zu lassen?

Es dauerte keine Woche, da rief mich ein Beamter des Bundeskanzleramts an, Abteilung I/1: Allgemeine Präsidialangelegenheiten, Protokoll, Zeremoniell-, Etikett- und Rangfragen, Veranstaltungsmanagement, grundsätzliche Fragen der öffentlichen Beflaggung; Auszeichnungsangelegenheiten (einschließlich der Mitglieder der Bundesregierung und der Landesregierungen), Titelverleihungen, Referat I/1/a: Zentrales Auszeichnungs- und Titelwesen.

Er war von ausgesuchter Freundlichkeit. Es gehe nur darum, die Formalitäten zu klären. Als ich ihm sagte, ich sei noch dabei, nachzudenken, ob ich die Ehrung annehmen solle, konnte er das nicht glauben. Was wollen Sie, rief er, es ist doch alles geklärt! Der Antrag müsse nur durch den Ministerrat, dann sei alles erledigt.

Ja, sagte ich, aber ich sei mir nicht im Klaren, ob ich mir das antun solle.

Antun? rief er. Was soll Ihnen das antun? Das kann Ihnen doch nur nützen! Zögern Sie nicht, von unserer Seite ist alles geregelt.

Ich vertröstete ihn. Das tat mir leid, seine Stimme und seine Sprache waren mir sympathisch gewesen. Die Freude, Würde zu verleihen, hatte ich ihm ungern verdorben.

Eine Woche später rief er wieder an. Ob ich schon mit mir im Reinen sei? War ich nicht. Meine Unentschlossenheit machte einen schlechten Eindruck. Der Beamte setzte mir jetzt ernsthaft zu. Die Prüfung meines Leumunds sei einwandfrei gewesen, teilte er mir in einem Tonfall mit, als überweise er mir eine Bonuszahlung in Höhe eines Jahresgehalts.

Hoffentlich, sagte ich, im Vollbesitz der Gewissheit meiner Unschuld (die Vorstrafe eines zu Unrecht verlorenen Medienprozesses musste längst getilgt sein).

Auch die anderen Beurteilungen meiner Würdigkeit hätten nichts zu wünschen übrig gelassen. Das sei nicht bei allen so. Ich solle nur nicht glauben, dass so eine Verleihung immer so glatt gehe wie bei mir. Die Republik schaue schon genau hin, wen sie da ehre, ohne ein Expertengutachten gehe da gar nichts. Die Auskunft über mich sei glänzend ausgefallen, das könne man wirklich nicht von allen Auskünften sagen, ich könne mir denken, was so alles daherkomme. Ich könne mir denken, wen das zum Beispiel betreffe.

Konnte ich. Den Mahrhansi natürlich.

Nein, um Gottes willen, so etwas würde er nicht einmal ansatzweise andeuten, lachte der Beamte. Er unterliege bekanntlich dem Amtsgeheimnis. Er wolle nur sagen, die Reihe der zu Professoren Ernannten stelle sich keineswegs von selbst durch Verdienst und Exzellenz auf, sie komme vielmehr nach ihm selbst undurchsichtigen Kriterien zusammen.

Ich weiß, ich bekomme jede Woche Einladungen zu den Verleihungszeremonien.

Na, dann sehen Sie, wer da aller geehrt wird. Ich kommentiere das nicht, aber Sie haben beinahe kein Recht, sich hier nicht ehren zu lassen, Sie dürfen diese Würde nicht zurückweisen!

Ich sei mir meines Zurückweisungsrechts gewiss, sagte ich. Der Professor auf meiner Schulter fand es falsch, wie ich den freundlichen Ministerialrat durch meinen Starrsinn kränkte.

Wissen Sie eigentlich, was die Leute alles aufführen, um den Professorentitel zu bekommen?

Ich wusste es nicht.

Die liegen einem jahrelang in den Ohren, machen unlautere Angebote, führen Sachen auf, die will ich Ihnen gar nicht erzählen, lassen Beziehungen spielen, ob sie welche haben oder nicht, wollen dem Amt die Handlung vorschreiben, sogar die Geschwindigkeit der Amtshandlung beschleunigen – und Sie, bei Ihnen geht alles glatt, Sie werden vom Kanzler vorgeschlagen, tun nicht einmal etwas dazu, und ausgerechnet Sie zieren sich? So etwas habe ich, ich sage es Ihnen ehrlich, noch nie erlebt.

Ich glaubte es ihm trotz der unglaubwürdigen Beteuerung seiner Ehrlichkeit. Er war viel zu aufgebracht, um zu lügen.

Das alles sei zu meinem Besten, er rate mir ernstlich, den Titel anzunehmen. Man könne nie wissen, wozu der eines Tages gut sei, er koste ja nichts, und alles sei, wie gesagt, so gut wie fertig.

Ich murmelte etwas Verbindliches, dankte ihm und sagte, ich bräuchte trotz allem noch etwas Zeit. Ich konnte ihn vor mir sehen, wie er kopfschüttelnd den Deckel zuklappte und meinen Akt ablegte. In Evidenz halten!, notierte er darauf mit Bleistift. Er rief mich nur noch einmal an, das Telefonat verlief ähnlich.

All das trug sich im Frühsommer und Sommer 1999 zu. Im Herbst 1999 wurde in Österreich der Nationalrat gewählt, mit den bekannten Folgen. Der Christlichkonservative Wolfgang Schüssel verlor die Wahl. Seine Partei, die ÖVP wurde Dritter. Er brach sein Versprechen, in diesem Fall in Opposition zu gehen. Der sozialdemokratische Bundeskanzler Viktor Klima war Episode, Österreich hatte eine Regierung mit der Freiheitlichen Partei, Schüssel wurde Bundeskanzler. Der virtuelle Professor hatte seinen Sitz auf meiner Schulter längst geräumt. Ich dachte nicht mehr an ihn. Das Land erlebte Proteste und Demonstrationen. Aufgeregte Fassungslosigkeit und aufgeblasene Patriotismusbekundungen standen einander gegenüber. Europa war aufgeschreckt. Journalisten aus allen Ländern wollten Auskunft über den Stand des Faschismus in Österreich.

So kam ich zu einem Auftritt in den ARD-Tagesthemen bei Ulrich Wickert. Zu diesem Zweck wurde ich nach Köln geflogen, wo ich auch bei Phoenix über die österreichische Krankheit diskutierte. Am Abend sollte ich dann Wickert, der in einem Hamburger Studio saß, zugeschaltet werden. Ein Megaaufwand für zwei Minuten live, aber mir war klar, das würde es für die nächsten Jahrzehnte gewesen sein mit mir und den Tagesthemen, also nichts wie hin. Es waren meine zwei Minuten Deutschlandruhm, dafür tut man als österreichischer Intellektueller alles. Soviel zur Würde des österreichischen Durchschnittshirntiers: Stets geht es der Provinz um Anerkennung im Reich.

Ich saß im Zimmer meines Kölner Hotels, knabberte an Trockenfutter aus der Minibar, spielte auf meinem Laptop und versuchte vergebens, über den Westernstecker des Telefons eine Internetverbindung zu einem lokalen Provider herzustellen, um meine Hotelrechnung in Grenzen zu halten. So war das um die Jahrtausendwende: Wenn man nicht aufpasste, kosteten ein paar E-Mails den Preis eines Dreisternabendessens.

Das Telefon. Wahrscheinlich das Büro Wickert, das absagen ließ. Bis zuletzt war ich darauf gefasst.

Auf das nicht: Kabinett des Bundeskanzlers, die Kabinettschefin. Die nachmalige Außenministerin Ursula Plassnik, später bekannt geworden dadurch, dass sie den Beschluss über die Aufnahme der Beitrittsgespräche mit der Türkei um einen Tag hinauszögerte, um das innenpolitische Thema der für die Partei ihres Kanzlers verlorenen Wahl in der Steiermark von der Agenda fernzuhalten. Plassnik war mir trotzdem sympathisch, sie hat die hemdsärmelige, gerade Art der Leute fürs Grobe und sah außerdem phantastisch aus, eine turmhohe Blondine, die noch höher schien, wenn sie an der Seite ihres kleingewachsenen Kanzlers auftrat.

Sie mache es kurz. Der Kanzler wolle mit mir sprechen, ob ich bereit sei. Nur wenn es nicht um meinen abendlichen ARD-Auftritt gehe, sagte ich, in Erwartung der österreichischen Üblichkeiten. Nein, sagte Plassnik, es gehe um etwas ganz anderes. Es gehe um die Sache mit meiner Ernennung zum Professor.

Ich musste lachen. Darüber ließe ich mit mir reden. Schwupp, saß der verschollen geglaubte Kerl wieder auf meiner Schulter.

Ein paar Minuten später: der Kanzler. Hier Schüssel. Trotz des Ernsts der Lage ein Hauch von Maturantenschalk in der Stimme. Ich hatte die Geistesgegenwart, ihm zur Ernennung zu gratulieren. Obwohl ich mir alles andere gewünscht hatte als seine Regierung.

Ich wisse, worum es gehe?

Ja, in groben Zügen.

Die Sache ist die, sagte Schüssel. Morgen sei die erste Kabinettssitzung der blau-schwarzen Regierung. Auf der Tagesordnung stehe meine Ernennung zum Professor, die sei noch von der alten Regierung dort stehen geblieben und komme routinemäßig zur Behandlung. Da er meine Haltung zu seiner Regierung kenne, wolle er wissen, was es damit auf sich habe und wie ich mich zu verhalten gedächte.

Ganz einfach, sagte ich. Ich werde diese Ehrung nicht annehmen.

Aha. So etwas habe er sich gedacht.

Ich habe erstens diesen Titel nicht beantragt, zweitens lange gezögert, ihn überhaupt anzunehmen, und möchte drittens nicht von einer Regierung, die ich heftig kritisiere, wie Sie wissen, als Erstes gleich eine Ehrung annehmen. Meine Mutter tat mir leid, aber die ahnte nichts vom kleinen Mann auf meiner Schulter, der sich im Augenblick ohnehin wieder federleicht anfühlte. Auch dem freundlichen Ministerialrat, dessen Engagement ich soeben endgültig im Begriff war zu brüskieren, galt mein Mitgefühl.

Was tun wir, fragte Schüssel. Auf ihn warteten Regierungsaufgaben anderer Dimension, er ließ es sich aber nicht anmerken.

Ich bin nicht Thomas Bernhard, sagte ich. Ich werde aus der Sache keinen Skandal machen. Können wir die Geschichte nicht einfach vergessen?

Antrag ist Antrag, sagte Schüssel, vergessen kann man so etwas nicht. Wir können ihn höchstens auf Eis legen.

Gut, sagte ich erleichtert, dann legen wir den Antrag auf Eis.

Wir vereinbarten, darüber nicht zu sprechen. Schüssel legte auf, ich machte mich auf den Weg ins Studio, um endlich Wickert zugeschaltet zu werden. Mir war erheblich leichter.

Da lag er nun, der virtuelle Professor. Auf Eis. Jahrelang. Bis Heinz Fischer zum Bundespräsidenten gewählt wurde. Ich hatte schon vorher die eine oder andere Einladung in die Hofburg erhalten, allerdings eher selten. Nun kamen solche Karten häufiger, aufmerksamerweise begleitet von einer Wagenkarte für den Parkplatz, obwohl ich doch stets mit dem Fahrrad komme. Das Beunruhigende: Sie waren adressiert an Professor Armin Thurnher. Diese Irritation von höchster Seite veränderte sofort mein Schultergefühl, aber vorläufig tat ich nichts weiter. Wenn sie glauben, dachte ich. Der Mensch braucht in Österreich eine Anrede, die Nennung eines nackten Namens grenzt bereits an Rüpelhaftigkeit, so ein Benehmen wollten sich der verbindliche Bundespräsident und sein verbindliches Büro nicht zuschulden kommen lassen.

Ich nahm die Einladungen zur Kenntnis. Die Redaktionsassistentin sah mich zwar mit gehobener Augenbraue an, legte sie aber kommentarlos zur Post. Eines Tages wurde ich in voller Würdigung meines publizistischen Gewichts zu einem Staatsbankett eingeladen. Der zypriotische Ministerpräsident war gekommen, und ich hatte die Ehre, die österreichische Presse an einer bedeutenden Eckposition dieses Mittagstisches in der Nachbarschaft eines Assistenten des zypriotischen Handelsattachés zu vertreten.

Es hätte schon Norwegen sein können oder wenigstens Finnland, dachte ich. Unter Zypernkrise verstand man damals den Konflikt mit der Türkei. Einerseits nett, dass sie mich überhaupt einladen, andererseits markiert Zypern einen eher unteren Punkt auf der diplomatisch-publizistischen Bedeutungsskala. Aber dann verstand ich die Feinheit der Geste: Zypern war jenes Land, in das – nach Liechtenstein – die meisten österreichischen Schmiergelder aus den Skandalen der Schüssel-Ära geflossen waren. Ich vertrat immerhin den Falter, ein Blatt, das einige dieser Affären aufgedeckt hatte.

Auf meinem Tischkärtchen, das neben der berühmten, nach Kaiserart kunstvoll gefalteten meterlangen Stoffserviette prangte, stand in unübersehbarem Golddruck: Chefredakteur Professor Armin Thurnher. Die Speisekarte versprach Frittatensuppe, Kalbsbraten und Marmeladepalatschinken. Würdig, aber in diplomatischer Eile und unter eingeschobenen Tischreden wurden die Speisen vertilgt.

Beim Smalltalk zum Kaffee sprach ich den Bundespräsidenten an. Herr Bundespräsident, Sie laden mich freundlicherweise als Professor ein, ich bin aber kein Professor, sagte ich unter Aufbietung der mir zu Gebote stehenden Kaltblütigkeit.

Aha. Bei uns werden Sie offenbar als solcher geführt. Ohne Grund werde niemand von seinem Büro mit Titeln geschmückt.

Ich erzählte ihm die Geschichte. Ich bin der Eisprofessor, sagte ich. Nicht Professor Unrat, Professor Vorrat. Professor auf Abruf. Nie ernannt, vorgeschlagen in Permanenz. Bis in den Ministerrat vorgedrungen, dort schockgefroren, in ministerialrätlichem Permafrost konserviert, bis Ihre Einladungen meinen Un-Titel ausapern ließen.

Dann sind Sie ja doch Professor, sagte der Bundespräsident gut gelaunt.

Und auch wieder nicht, sagte ich.

Da müssen wir was tun, rief der Bundespräsident und winkte seinen Sprecher zu sich.

Der Sprecher war der längstjährige Mitarbeiter des Präsidenten, sozusagen sein krawattenloses Alter Ego. Seit Jahrzehnten arbeiteten die beiden zusammen, man konnte sich den einen nicht mehr ohne den anderen vorstellen. Waren die beiden anfangs fast gleich groß, wuchs der Präsident mit der Würde seines Amtes, während sein Sprecher unter den Pflichten des Amtes leicht zu schrumpfen schien. War der Präsident von links ein Stück des Weges in die Mitte der Gesellschaft gewandert, so hatte sein Assistent die linke Position so lange nicht verlassen, wie es eben ging. Gewissen der Partei, Mahner, Querdenker und Unruhestifter, mit solchen Epitheta hatte man ihn behängt. In den letzten Jahren war auch er ruhiger geworden, wenngleich er sich nicht geändert hatte. Die Sache mit dem Professor interessierte ihn kein bisschen.

Ich schaue mir das an, sagte er.

Monate vergingen. Bei der nächsten Einladung fragte ich nach. Ich würde noch immer als Professor tituliert, sei aber mitnichten einer, ob schon etwas geschehen sei? Ich erwähnte meine Mutter, die bereits ihren neunzigsten Geburtstag hinter sich hatte, aber noch sehr rüstig sei, und der ich mit diesem Titel gewiss Freude bereiten könnte, was ich mittlerweile gern tun würde.

Ja, sagte der Sprecher, die Präsidentschaftskanzlei selbst könne jedoch in meiner Angelegenheit nicht tätig werden. Das Bildungsministerium sei am Zug. Er habe dort bereits das Nötige veranlasst.

Wenige Monate später verwickelte ich mich in einen kleinen Mailverkehr mit dem dortigen Sprecher des Kabinetts. Sein letztes Mail an mich enthielt den kleinen Zusatz: »P.S.: Der Sprecher des Präsidenten hat mich dezent darauf hingewiesen, dass wir in einer anderen Causa betreffend Deine Person informell reden sollten.« Ich redete informell, das heißt, ich rief ihn an, erzählte ihm noch einmal die Geschichte und ihre Vorgeschichte, nicht im Ganzen, aber doch ausführlich genug. Ich sei nun bereit, die Ehrung anzunehmen, sagte ich.

Seitdem ist nichts mehr geschehen. Meine Mutter wird, wenn dieses Buch erscheint, ihren 94. Geburtstag feiern. Sie ist körperlich und geistig in blendender Verfassung. Meine Schulter fühlt sich unbeschwert an. Der virtuelle Titel als Österreichs einziger Professor in Limbo gefällt mir mittlerweile ganz gut.

Den Mahrhansi sehe ich mit Freude bei Events wie Opernbällen oder Skiweltmeisterschaften aus dem Fernseher lachen. Er schiebt sich gern neben Lichtgestalten wie Franz Beckenbauer ins Bild, ein österreichischer Professor neben den deutschen Kaiser.

Grüß dich, Professor, sagt der Franz und grinst.

Ach was, Professor, sagt der Mahrhansi. Weißt eh, wie das ist. In Österreich kann man so einen Titel ab einem gewissen Alter nicht vermeiden!

Nachsatz:

Kaum war das Buch erschienen, rief mich die Kanzlei des Bundespräsidenten an. Ob ich denn den Titel noch annehmen würde? Da meine Mutter sich nach wie vor bester Gesundheit erfreute, sagte ich zu, was ich diesmal schriftlich tun musste.

Im Dezember 2013 verlieh mir die Ministerin Claudia Schmied als ihre letzte Amtshandlung im kleinsten Kreis den Titel, meine Mutter war dabei, das hat sie und uns alle sehr gefreut.

Distance, hands, masks, be considerate!
Ihr Armin Thurnher
@arminthurnher
thurnher@falter.at


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