Die Aufklärung auf dem Lande. Über das neue Buch von Florian Klenk

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der vervirten Welt 536


ARMIN THURNHER

01.10.2021

Vielleicht haben Sie schon vom steirischen Bergbauern Christian Bachler gehört. Nein, so kann man eine Besprechung des Buchs „Bauer und Bobo“ von Florian Klenk nicht beginnen. Denn mittlerweile ist Bachler berühmt, es gibt kaum jemanden, der nicht von ihm gehört hat. Klenk kennt sowieso jeder, der ist der Aufdecker der Nation, mein Nachfolger als Chefredakteur des Falter, ebenso Mitgesellschafter des Verlags. All das muss ich eingangs bemerken, um der „Disclaimer“ rufenden Meute zuvorzukommen, deren Rufe ich schon höre, während sie noch gar nicht erschallen.

Foto @ Peter Haselmann

Das Buch selbst erzählt die Geschichte eines Treffens, wie es für Klenk nicht untypisch ist. Er hat nämlich Lust auf Begegnungen, und zwar vor allem mit Menschen, die ihm widersprechen. Wenn ihm einer ausrichtet, er würde ihn gerne zu Hackfleisch verarbeiten oder anzünden, findet Klenk seine Adresse heraus , besucht ihn, kommt mit ihm ins Gespräch, findet ihn eigentlich ganz nett und harmlos, worauf sich der verbale Attentäter, dem es mittlerweile ebenso ergangen ist, besinnt, bessert und sein Leben ändert.

Der Rilkesche Impuls „Du musst dein Leben ändern“ ist es, worum es Florian Klenk geht. Diesen vom Dichter Rainer Maria Rilke im Gedicht „Archaischer Torso Apollos“  formulierten Imperativ auszudrücken, sollte Teil des Journalismus sein. Man kann sogar sagen, auf die Veränderung des Lebens von Einzelnen abzuzielen, gehöre zu den aufklärerischen Kernaufgaben unseres Berufs. Wohingegen die überwiegende Mehrheit aller Medien, um ihre geschäftlichen Schäfchen ins Trockene zu bringen, darauf abzielt, die Menschen in ihrer Schlechtigkeit zu fixieren und weiterzuentwickeln.

Ich kann kritisch anmerken – wenn man nichts kritisch anmerkt, gilt eine lobende Besprechung nur als Lobhudelei –, dass Klenks Widerspruchslust zur Schwäche werden kann, wenn sie nämlich dem Widerspruch auch dort Platz geben will, wo dieser besser verschwiegen oder einfach widerlegt würde.

Im guten Fall aber, und dieses Buch ist der gute Fall, führt seine Widerspruchslust zu unverhofften Begegnungen wie den erwähnten, und im allerbesten Fall löst sie dazu noch den Rilke-Impuls aus.

Karl Philipp Moritz war ein Schriftsteller der Aufklärung, Freund Goethes und literarischer Journalist. Als Redakteur der Vossischen Zeitung formulierte er das „Ideal einer vollkommnen Zeitung“.  Dort liest man unter anderem: „Nun ist aber vielleicht unter allem, was gedruckt wird, eine öffentliche Zeitung oder Volksblatt, aus dem rechten Gesichtspunkte betrachtet, bey weitem das wichtigste. Sie ist der Mund, wodurch zu dem Volke gepredigt, und die Stimme der Wahrheit, so wohl in die Palläste der Großen, als in die Hütten der Niedrigen dringen kann. (…) Sie sollte in alle Fugen der menschlichen Verbindungen einzudringen, und aufzudecken suchen, was in jedem Zweige derselben Lobens- oder tadelnswerthes, Verachtungs- oder nachahmungswürdiges sey. Ihr sollte kein Gewerbe, kein Stand, selbst der Stand des verachteten und größtentheils unterdrückten und tyrannisch behandelten Lehrburschen des gemeinen Handwerkers nicht unwichtig seyn.“

Geschrieben und gedruckt 1784 zu Berlin. 240 Jahre später macht Klenk Ernst mit diesem idealen aufklärerischen Programm. Er begibt sich zu den von der Gesellschaft wenig beachteten Ständen, schaut in die finsteren Winkel der ländlichen Produktion bis hin zu den Tierfabriken, versucht zu lernen, das Tadelnswerte zu tadeln, das Lobenswerte zu loben, und zwar, wenngleich nicht naiv oder uninformiert (gute Vorbereitung gehört zum Programm des guten Journalisten), so doch ohne Ansehung der Person oder deren Weltanschauung.

Wenn Klenk also auf einen Bauern trifft, der ihn via Social Media herausfordert (Social Media müssen schon dabei sein), wie das Christian Bachler tat, der ihn auf Facebook als Ignorant beschimpfte, weil Klenk ein einen Kuh-Unfall betreffendes Gerichtsurteil gut fand, dann kommt nicht nur eine Begegnung heraus, sondern die Geschichte einer systemischen Katastrophe, die Erklärung des Streits eines kleinen, unabhängigen Produzenten mit einer Welt von Agrarfinanz und Lebensmittelkonzernen, mit einer Welt, die in Handelsketten liegt, hinter einer undurchdringlichen Mauer konditionierten Konsums, mit einer Welt, die ihn, den kleinen Unabhängigen, nicht als Existenzkämpfer wahrnimmt, sondern nur als zu drückenden Kostenfaktor oder als Besitzer günstig einzuverleibender pfandbelasteter Immobilien. Und wir, die wir im Supermarkt konsumieren und uns in den Medien heile Biobauernwelten vorgaukeln lassen, machen mit.

All das, die Existenz des Christian Bachler als Einzelfall und zugleich als Porträt eines unheilvollen Gesamtzusammenhangs zu schildern, wäre schon Leistung genug. Da Klenk aber ein Medientier ist, gelingt es ihm, die Publizitätsmaschine anzuwerfen und mit Hilfe wohlmeinender Mitkämpfender wie der ORF-Moderatorin Barbara Stöckl, des Anwalts Michael Pilz und der PR-Beraterin Christina Aumayr Hajek so zu lenken, dass nicht nur Verständnis und Mitgefühl für das Los Bachlers entstehen, sondern dass ihm geholfen wird. Eine Spendenaktion macht ihn binnen weniger Tage schuldenfrei.

Karl Philipp Moritz: „Freilich aber müßte nun eine Zeitung, wodurch dieser Zweck (der Aufklärung, Anm.) erreicht werden soll, ganz anders beschaffen seyn, als irgend eine, die jemals noch bis jetzt ist geschrieben worden. Sie müßte aus der immerwährenden Ebbe und Fluth von Begebenheiten dasjenige herausheben, was die Menschheit interessirt, den Blick auf das wirklich Große und Bewundernswürdige, das Gefühl für alles Edle und Gute schärfen, und den Schein von der Wahrheit unterscheiden lehren. Die Aufmerksamkeit müßte daher vorzüglich auf den einzelnen Menschen geheftet werden: denn nur da ist die wahre Quelle der großen Begebenheiten zu suchen, nicht in Kriegsheeren und Flotten, die oft nur wie zwei entgegengesetzte Elemente gegeneinander wirken, worunter das Stärkere allemal über das Schwächere den Sieg behält.“

Dass das Schwächere dann einmal über das Stärkere siegt, hat Florian Klenk mit seinen Reportagen über den einzelnen Menschen Christian Bachler in diesem Buch geschafft. Klenk hat Partei genommen und ist aus der Rolle des distanzierten Beobachters ausgestiegen. Er wurde zum Akteur und Helfer. Das ging nicht ohne Medienrummel; die Balance zwischen den Extremen, den Rummel zu instrumentalisieren oder von ihm instrumentalisiert zu werden, ist sowohl Klenk wie auch Bachler gelungen. Nur schlechten Medien und Menschen würde es einfallen, derlei als „Aktivismus“ zu diffamieren. Der Erfolg der Sanierung von Bachlers Hof wie auch der Erfolg des Buchs sind keine Dokumente der Eitelkeit, sondern Dokumente der Menschlichkeit.

Dazu kann man nur gratulieren. Der Rilke-Moment ist dann bei uns und unseren Konsumgewohnheiten landwirtschaftlicher und aller anderen Produkte.

Distance, hands, masks, be considerate!
Ihr Armin Thurnher
@arminthurnher
thurnher@falter.at


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