Rituale der Frühe: mit Holz heizen

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der vervirten Welt 533


ARMIN THURNHER

29.09.2021

Früher begann der Tag mit einer Schusswunde. Diesen Satz des Schriftstellers Wolf Wondratschek habe ich mir gemerkt. Mein Tag beginnt mit Feuer. Im Waldviertel ist es bald so weit, dass die Mauern die Wärme des Tages nicht mehr speichern und wir zu heizen beginnen. Zuheizen sozusagen.

Bisher beginnt der Tag mit Katerfütterung und Seuchenkolumne. Auch der gute Kater versteht , dass er warten muss, bis die Flamme aufknistert, das Holz in Brand gesetzt ist und die Ofentür geschlossen werden kann. Manchmal beginnt er dann zu schnurren, denn er kennt die Abläufe und weiß, dass dann er dran ist.

Ich erhole mich in dieser Kolumne symbolisch vom Schwachsinn des politischen Alltags und aufregenden Fragen wie, ob die FDP und die Grünen bei einem Abendessen Brücken zueinander fanden, ob bei Interviews mit einer braven Kommunistin die Greuel Stalins abgefragt werden müssen oder ob die ÖVP sich nun in PVU umbenennt (Partei der Verfolgenden Unschuld). Die ÖVP, die sich bekanntlich selbst nicht mehr so nennt, gibt neuerdings Pressekonferenzen, um mitzuteilen, das man bei ihr kein belastendes Material mehr findet, weil sie alles weggeräumt hat. Vielleicht doch PAV (Partei des Auffälligen Verhaltens)?

Kürzlich holte ich mit meiner Frau Wasser von der Quelle im benachbarten Ort. Unsere Ortsleitung ist mitunter keimbelastet, ihr Wasser ist nicht von überwältigender Qualität, und wenn Keime drohen, wird Chlor hineingekippt, sodass man beim Aufdrehen des Wasserhahns meint, im Schwimmbad zu sein.

Wir haben Glasballons zum Transport des guten Wassers. Als ich einen Ballon unter den Hahn hielt, hörte ich von oben eine Stimme, die sagte, das müsse doch meine Stimme sein. Es war ein freundlicher Mann, mit dem ich mich vor einem Jahr am Bahnhof Retz unterhalten und der sich damals als Falter-Leser vorgestellt hatte. Nun sprachen wir wieder ein wenig miteinander, und er sagte, er beginne fast jeden Tag mit der Lektüre der Seuchenkolumne. Besonders gut habe ihm die Kolumne über das Holzschlichten gefallen.

Solche Erlebnisse, ich gebe es zu, habe ich öfter. Es ist nicht immer leicht, diese direkte Ansprache zu verkraften, die man als Autor lediglich gedruckter Texte vor allem bei Lesungen kannte, wo sich naturgemäß hauptsächlich freundlich gesinnte Menschen einfinden. Einerseits ist es schön, Zuspruch zu erhalten. Andererseits ist es schwer, von Erwartungen zu wissen, die einem entgegengebracht werden.

Im Fall der Morgenübung tue ich mir leichter. Wir haben mehrere mit Holz beheizte Öfen in unserem Haus, dementsprechend muss der Holzvorrat gehalten werden. Es gibt Öfen, die mit 25 cm langen Scheitern beheizt werden, andere mit 33 cm langen, ein offener Kamin nimmt sogar Halbmeterscheiter. Wie Holzheizende wissen, ist es das Schwierigste, das Holz zum Brennen zu bringen. Neben Anzündern braucht es dazu vor allem klein gespaltenes Weichholz, auch dieses in verschiedenen Längen.

Buchenscheiter, grob und fein gespalten

Meine Tagesbeschäftigung ist es, jetzt einen Vorrat davon zu spalten, aus Restholz, das in der Holzkammer gebunkert und kleingeschnitten wurde und jetzt mit der Axt zerkleinert wird.

Am heikelsten ist der Küchenofen, der einen schwierigen Abzug hat. Sein Abzugsrohr verläuft nicht gleich senkrecht, sondern zuerst schräg. Zudem erfordert die in ihm üppig vorhandene Chamottemasse, dass der Herd zuerst mit Weichholz, aber auch mit kleinen Buchenscheitern angeheizt wird. Das heißt, auch die 33-cm-Scheiter werden mit der Axt zerkleinert und sollten in ausreichender Menge vorhanden sein. 25-cm-Scheiter werden ebenfalls zerkleinert, die kommen in den Kamin und werden den grob gespaltenen Scheitern beigefügt, damit sich das Ganze leichter entzündet. Auf dem Holzherd zu kochen oder im Rohr zu backen und zu braten, ist nicht nur des Autarkie-Gefühls wegen erfreulich. Es bringt auch sehr schöne Ergebnisse.

Hat das Feuer nicht die Kraft, den Rauch in den Kamin durchzuziehen, schlägt dieser in den Raum zurück. Eine Katastrophe, die vermieden werden muss, sich aber jedes Jahr einmal in der Übergangszeit ereignet, wenn Niederdruck und zu warmes Wetter auf den Rauchfängen lasten.

Draußen habe ich noch einen Stoß mit jahrelang getrockneten Meterscheitern von „minderen“ Bäumen, die gefällt werden mussten oder von selbst umgefallen sind, Pappeln, Erlen und dergleichen. Sie werden, da die Tischkreissäge jetzt nicht extra in Betrieb genommen wird, mit dem Wagerl hereingeholt, mit der Kettensäge zerkleinert, ehe ich sie mit der Axt spalte.

Dann wird das Ganze im Rückenkorb nach oben getragen und nach Längen und Härtegrad aufgeschlichtet, damit wir auf jede Wetterlage flexibel reagieren können. So beginnt der Tag. Wenn man einen Ofen heizen kann. Davon vielleicht ein andermal. Jetzt können Sebastian Kurz und Olaf Scholz kommen.

Distance, hands, masks, be considerate!
Ihr Armin Thurnher
@arminthurnher
thurnher@falter.at


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