Robert Hochner, Teil II: Wir bräuchten Live-Lügendetektoren

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der vervirten Welt 527


ARMIN THURNHER

22.09.2021

Teil II des historischen Gesprächs mit dem längst legendären TV-Moderator Robert Hochner, kurz nachdem er wegen einer Äußerung im Fellnermedium tv-media, die dieses zugespitzt hatte, von seinem Posten als Sommergespräche-Moderator enthoben wurde. Teil I erschien gestern, samt ausführlicherer Einleitung. Die Fragen stellen Sigrid Neudecker und ich, das Ganze erschien im Falter 35 vom 26.8.1998 unter dem schönen Titel „Hochner: Ich bin Judas“. Untertitel: „Sommergespräch: Was Robert Hochner wirklich sagt. Über schwierige Gäste, mühsame Politiker und die Lüge im Fernsehen.“

Nach dem Hochner-Gespräch folgt unten noch die Stellungnahme des ORF-Intendanten Rudolf Nagiller, Hochners Chef, der begründet, warum  er Hochner als Moderator absetzte.

Falter: Politiker werden längst gecoacht. Diskussionen und Interviews sind ja für sie eine Chance, sich selbst darzustellen, und Sie sind dabei der Störfaktor. Haben Sie bemerkt, daß sich da etwas zu verändern beginnt?
Was das Coaching angeht, ja. Man merkt die Handschrift jedes Coaches, man merkt, wer ihn geschult hat.

Robert Hochner, 1995
Screenshot: ORF, YouTube

Woran?
An der Körperhaltung. Dem einen haben sie beigebracht, wo er die Hände hat. Dem zweiten haben sie beigebracht, dass er auf jede Frage antwortet: „Natürlich, Herr Hochner.“

Wie schwer ist es, gegen trainierte Gesprächspartner anzufragen?
Dass ein Politiker vor der laufenden Fernsehkamera vom Saulus zum Paulus wird – schön wär’s. Die Politiker leben in einer Scheinwelt. Zu dieser Scheinwelt gehören auch wir. Die österreichische Innenpolitik ist über lange Strecken ein nicht enden wollender Heuriger, der durch Pressekonferenzen unterbrochen ist. Jeder sitzt bei irgend jemandem am Schoß.

Auf der anderen Seite gibt es natürlich eine gewisse Taktik, das Podium Fernsehen zu benützen, um einfach abzulenken.
Da liegt’s dann an Interviewer oder Interviewerin, zumindest klarzumachen, was hier passiert. Natürlich hab‘ ich den Herrn Schimanek (FPÖ-Politiker, der als Kultursprecher ein Verbot des Nitsch-Orgien-Mysterienspiels forderte, Anm.) fragen müssen, ob die Nitsch-Geschichte nicht schlicht eine Ablenkung ist.

Warum gibt das Fernsehen so jemandem eine Bühne? Schimanek konnte seine Botschaft einem noch größeren Kreis verkünden.
Sind Sie sicher, dass ein Auftritt des Herrn Schimanek immer der FPÖ nützt? Der Mensch hat über 50.000 Jahre ein sehr gutes Freund-/Feind-Erkennungssystem entwickelt. Das Fernsehen bringt witzigerweise emotionales G’spür sehr gut rüber.

Welche Partei versucht am stärksten, Einfluß zu nehmen?
Das Liberale Forum hat langsam begriffen, dass es als liberale Partei nicht im ORF intervenieren kann. Die Grünen machen es eher mit dem Moralischen: „Wir retten die Welt, und wenn ihr uns kritisiert, dann geht die Welt schneller unter.“ Die FPÖ macht es mit wüsten Beschimpfungen. Etwa, der ORF werde von einem SPÖ-Zentralkomitee geleitet, und der Anführer sei ausgerechnet ich. Herr Westenthaler kritisiert die Einladung des Herrn Streicher (Wirtschafts- und Verkehrsminister, SPÖ, Anm.). Dabei wollte Herr Haider Herrn Streicher als Bundespräsidentschaftskandidaten haben.

Was ist mit der ÖVP und der SPÖ?
Die ÖVP und die SPÖ machen es eher auf den institutionellen Wegen, über vermeintliche Gewährsleute oder durch hochoffizielle Beschwerden.

Wer ist von den Spitzenpolitikern am schwersten zu befragen?
Vranitzky war schwer. Man mußte ihn ärgern, damit er klare Sätze spricht. Einmal hat er mich sogar während der Sendung geprüft! Leicht zu interviewen ist Caspar Einem. Wenn’s nicht gerade um die Frage einer FPÖ-ÖVP-Koalition geht, auch Schüssel.

Klima ist schwierig?
Klima ist schwierig. Ich weiß nicht, ob er sich in seiner populistischen Präsentation wirklich wohl fühlt. Ich habe manchmal den Eindruck, er macht das, weil man ihm sagt, das sei erfolgreich. Es ist auch unbestreitbar erfolgreich. Er ist fast so oft auf der Kronen Zeitung wie die Preis- und die Datumsangabe. Aber als Politiker muß er wohl viele Dinge nach außen hin vereinfachen, von denen er weiß, dass sie in Wirklichkeit etwas komplizierter sind.

Ist es mit Quotenkönig Haider wie mit jedem anderen Politiker?
Haider ist insofern eine andere Kategorie, als er in der Diskussion prinzipiell eher den Mann als den Ball spielt. Das macht’s schwieriger.

Kann es sein, dass es Leute gibt, die sich die ZiB 2 anschauen, weil sie auf Hochner-Sager warten?
Jeder muß seinen eigenen Stil entwickeln. Das war im ORF ein langer Kampf. Ich kann mich an eine Kritik erinnern: „Herr Hochner ist so witzig, das ist eine Gefahr für die Sendung.“ Der Moderator ist nicht die Nachricht, andererseits ist er für die Menschen die Bezugsperson. Ich verkünde keine Wahrheiten, ich vertrete eine Gruppe von Menschen im Fernsehen, die eine Nachrichtensendung machen.

Schreiben Sie Ihre Texte selbst?
Ja, weil ich mehr Zeit als die ZiB 1-Moderatoren habe.

Geht Ihnen ab, dass Sie selbst am Geschehen direkt dran sind?
Manchmal ja. Aber man muß sich für eine Seite entscheiden. Natürlich wäre es ideal, was wir uns selten leisten können, bei Großereignissen mit der ganzen Sendung hinzugehen. Das haben wir Gott sei Dank bei Lassing (Grubenunglück 1998 in der Steiermark mit zehn Toten, Anm.) dreimal gemacht.

Wäre es nicht besser gewesen, Distanz zu wahren, nicht hinzugehen?
Wenn die versammelte elektronische Medienmeute nicht nur des deutschen Sprachraums dort ist und rund um die Uhr berichtet, ist es sehr schwer zu argumentieren, warum ausgerechnet der ORF nicht dort ist.

Man rückt immer näher ran, es verändert sich dadurch auch die Rolle der Akteure, also auch ihre. Erleben Sie, dass Ihre Person theatralisiert wird?
Die gesamte Medienentwicklung ist eine Art Selbstläufer geworden. Natürlich werden wir theatralisiert, und es wird auch unsere Rolle völlig falsch gesehen. Theatralisierung, Heroisierung und Starkult dürfen einem bei der Arbeit aber nicht im Weg stehen. Wenn ich in meiner Arbeit etwas nicht tue, was ich tun sollte, aus Angst, an Beliebtheit zu verlieren, dann habe ich ein echtes Problem.

Was für Hilfsmittel würden Sie sich wünschen, wenn wir an schwierige Figuren denken?
Oft wünsche ich mir einen automatischen Lügendetektor im Fernsehen, der das Insert „Lügt“ einblendet. Aber wir sind draufgekommen, dass die Leute Lügen ohnehin bemerken. Wenn nicht, dann vielleicht, weil sie die Lüge glauben wollen.

Sind ein Großteil Ihrer Interviewfragen vorbereitet?
Ja. Der beste Interviewer ist der, der nicht nur die Fragen, sondern auch schon die Antworten weiß. Etwas ist aber ganz schlimm: Wenn man eine Frage stellt, der Interviewte beantwortet sie nicht, und 600.000 Leute merken das, nur der Interviewer nicht, weil er auf den Zettel schaut und die nächste Frage stellt.

 

Wir befragten naturgemäß auch Hochners Vorgesetzten, den ORF-Intendanten Rudolf Nagiller zum Medienskandal der Saison 1998. 

Falter: Herr Nagiller, warum wurde Robert Hochner von „Zur Sache Spezial“ abgezogen?
Rudolf Nagiller: Weil wir das Gefühl hatten, dass er der Sendung gegenüber eine Mentalreservation hat. Er hat das auch öffentlich gesagt. Einer, der nicht will, soll nicht mehr müssen.

Robert Hochner fühlt sich von tv-media ungerecht behandelt, wenn nicht „gelegt“.Was sagen Sie dazu?
Dann soll er keine Interviews geben! Interviewen können und interviewt werden können sind zwei völlig verschiedene Dinge. Ich weiß nicht, ob „gelegt” das richtige Wort ist. Es ist pointiert. Hochner hat mir gegenüber nicht bestritten, das gesagt zu haben.

Finden Sie Ihre Reaktion nicht doch überzogen?
Nein. Es ist auch keine Reaktion auf das Hausregulativ, dass Interviews mit Vorgesetzten oder Pressestelle koordiniert werden. Dann müsste ich viele Leute von Sendungen abziehen.

Apropos Hausregulativ: Wir hatten den Eindruck, es sei gewünscht, dass die ORF-Publikumslieblinge in tv-media antreten.
Hausregulativ heißt nicht Sprechverbot. Wir wollen, dass sie Interviews geben, aber koordiniert. Wir wollen nicht, dass ein Moderator an die Öffentlichkeit geht und sagt, ich mag diese Sendung nicht. In so einem Fall soll er mit seiner Kritik zu mir kommen, dann findet man eine Lösung. Aber man spielt das nicht über die Öffentlichkeit.

Ist das ein Maulkorberlass?
Das ist kein Maulkorb, kein Erlass, sondern eine Dienstanweisung, wie sie in großen Unternehmen üblich ist. Wir Vorgesetzten müssen auf die Reputation des Unternehmens achten und darauf, dass dessen Produkte nicht beschädigt werden. Was würden Sie einem Mitarbeiter sagen, der öffentlich behauptet, Falter-Bücher sind Scheiße?

Distance, hands, masks, be considerate!
Ihr Armin Thurnher
@arminthurnher
thurnher@falter.at


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