Heute denke ich einmal an den Tod

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der vervirten Welt 525


ARMIN THURNHER

20.09.2021

Bilanz der Saison

Im Park liegt Cato unter Steinen.
Unvermutet: Caspar Einem.
Glatt schnitt fort der Sensenmann
Karl Katzinger, der sensen kann.

Peter Oswald kam nicht durch.
Ein Hitzeopfer, wie Hans Hurch.
Ausgetanzt, Theodorakis Mikis,
und Müller, welches klein und dick is.

Alt genug schien Hugo Portisch.
Doch dass es Maradona fortwisch?
Achleitner war ein Stachel-Löcker,
mild und Fritzig, wie Mayröcker.

Mattl Sigi, Kathi Cortolezis,
wo wohl Charlie Duffek jetz is?
Lida Winiewiecz mocht’ es schaurig
Gerti Fröhlich schaut’ stets traurig.

Bichler Hans, der war mir einer.
Rudolf Burger, Dietmar Steiner,
wie Charlie Watts und Ramsey Bill
sind sie fortan für immer still.

Nimmermehr erblick
ich Karl Heinz Bohrer, Diana Rigg,
Silvers Bob, Belmondo Jean-Paul.
Mir ist schon lang nicht mehr so recht wohl.

Harnoncourt und Sonny Chiba,
auch Dieter Haspels Zeit ist drüber.
Eric Pleskow, Unger Heinz,
das Missvergnügen ist ganz meins.

Abt Angerer, in Eil’ zum Heil,
Gail Gatterburg und Jürgen Weil –
die meisten gingen allzu jäh.
Timor mortis conturbat me.

In unserem Park befindet sich eine achteckige Steineinfassung. Auf ihr ruhte einst ein hölzernes Salettl, das zusammenbrach, als wir vor zwanzig Jahren einzogen. Ein Fall von Koinzidenz, nicht von Kausalität. Ich entfernte die morschen Balken und schnitt die Reste zusammen, um sie zu verbrennen. Irgendwann, dachte ich, bauen wir vielleicht ein neues. Aber was man denkt und was in einem großen alten Haus mit Park geschieht, sind zweierlei Dinge. Das steinern eingefasste Oktogon blieb unbebaut, zwecklos, und verwilderte zum Gerhard-Fritsch-Schauspiel. Moos wuchs auf den Steinen.

Als unser Hund Cato alt wurde, wusste ich, was ich aus dem Oktogon machen würde. Nicht nur ein Hundegrab, sondern ein Mausoleum des Herzens. Ja, der Kater darf auch hinein, wenn es so weit ist. Aber das Oktogon ist mir mehr: Eine Stätte, an Menschen zu denken, jener Menschen zu gedenken (es erfordert Mut und den Genitiv), die ich in letzter Zeit verlor. Mit manchen von ihnen hoffte ich, meine letzten Jahre zu verbringen. Andere waren mir aus anderen Gründen nahe, wenn nicht lieb. Lauter Lücken, die sich nicht mehr schließen lassen, wie ein Freund sagte.

Erzähle ich das Freundinnen und Freunden, die ich zu diesem Ort führe, sehen sie mich von der Seite an und sagen wenig. Ich glaube, es ist besser, wenn ich ihre Ansichten dazu nicht erforsche.

Das Salettl stand einst in der Sonne; mittlerweile sind rings Bäume gewachsen, wurden hoch, beschatten den Platz. Ich bepflanzte ihn mit Gräsern, Schaublatt, Silberkerze, Geißblatt, Spieren, Seggen und dergleichen. Manchmal blüht eine Anemone oder ein Storchschnabel, sonst ist alles ruhig und grün.

Die voran gestellten Verslein, so ist zu befürchten, stellen keine Endfassung dar. Sie werden sich ausweiten. Inspiriert hat sie „Not fade away“  des des US-amerikanischen Lyrikers Michael Robbins, der es auf Popgrößen schrieb. Das Muster ist keinesfalls neu. Es bezieht sich auf eine im Mittelalter im angelsächsischen Raum geläufige Formel aus der katholischen Totenmesse, die der schottische Dichter Thomas Dunbar im 15. Jahrhundert in seinem „Lament for the Makaris“ in eine berühmte, repetitive Form brachte.

Bis in neueste Zeiten haben sich Lyriker immer wieder dieser Formel bedient. Timor mortis conturbat me – Todesfurcht verwirrt mich, heißt das auf Deutsch. Es gibt eine Vertonung durch den Mörder, Fürsten und großen Komponisten Gesualdo, die das Bangen vor der ewigen Strafe und zugleich das Flehen um Vergebung auf unnachahmliche Art in der Schwebe hält.

Mir reicht der stille Blick ins Grüne. Ich übertreibe es nicht mit Jäten. Aber wenn ich still stehe und schaue, sehe ich doch das eine oder andere, das ich auszupfen müsste. Manchmal tue ich es, im Gedenken. Das Moos auf den Steinen lasse ich wachsen. Wie das Gedicht.

PS.: Im Falter-Archiv oder im Archiv der Seuchenkolumne finden Sie den einen oder anderen Nachruf zu den genannten Namen. Andere folgen noch.

Distance, hands, masks, be considerate!
Ihr Armin Thurnher
@arminthurnher
thurnher@falter.at


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