Weißmann und das Absolute. Der neue ORF stellt sich vor.

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der vervirten Welt 523


ARMIN THURNHER

17.09.2021

Ich bin schlecht gelaunt. Nicht so sehr, weil das Vorhersehbare eingetreten und Roland Weißmann und samt Team vom komplett „entparteipolitisierten“ (Wolfgang Schüssel) ORF-Stiftungsrat glatt gewählt worden ist. Sondern weil er mich samt Team wie zum Hohn auch noch mit einem lauwarmen Phrasenregen überschüttet. Auch das ist nicht neu, aber denke ich an den ORF, erwarte ich mir eine Andeutung dessen, was uns bevorsteht. Die Damen und Herren, die nun gewählt worden sind, wissen offenbar ihre Absichten, wenn sie denn welche haben, gut hinter wattiger Null-Sprache zu verbergen.

Roland Weißmann
Foto APA Jäger

Ich las die Presseaussendungen und erwartete irgendwo ein Fünkchen einer Idee, den Aufschein eines Plans, das Licht am Ende des Tunnels der Anpassungsbereitschaft an – ja woran eigentlich? An den verspürten politischen Willen, vermutlich. So sagte der Herr Weißmann zur Motivation seiner Vorschläge, denn er hatte die Direktorinnen und Direktoren vorzuschlagen: „Am Ende waren drei Punkte für mich entscheidend: Der erste Punkt ist absolute Professionalität und fachliche Kompetenz. Zweitens zählt für mich Erfahrung in verschiedenen Bereichen des Hauses. Und zu guter Letzt – und für mich besonders wichtig – die große Teamfähigkeit und Führungskompetenz jeder und jedes einzelnen.“

Wenn ich das Wort „absolute Professionalität“ höre, entsichere ich meinen Laptop. Ich fürchte, „absolute Professionalität“ is just another word für Ideenlosigkeit und Willfährigkeit, aber aus dieser unfairen Mutmaßung spricht nur meine ungute Neigung, absolut immer Verdacht zu schöpfen. „Professionalität“ sagt natürlich gar nichts, außer dass man innerhalb der bestehenden Regeln seinen Beruf ausübt, und das ist das Allermindeste, was man von hochbezahlten Menschen verlangen kann, die im ORF sogenannte Führungspositionen übernehmen.

Was aber „absolute Professionalität“ ist, weiß ich nicht. Vielleicht müsste man den Kardinal fragen oder den Dompfarrer, die sind fürs Absolute zuständig, haben sich jedoch in meinen Augen spätestens disqualifiziert, seit sie ihre Finger nicht vom Stephansdom lassen können und ihm entweder obszöne Werbeplakate umhängen oder seine Spitze mit dem „künstlerischen“ Edelkitsch einer Himmelsleiter verhunzen. Irgendetwas in mir vermutet, dass der Dompfarrer Faber so etwas wie den Inbegriff des ORF darstellt. Professionell fürs Absolute zuständig, zugleich der absolute Schnittlauch auf der absoluten Nudelsuppe, die absolut nicht zu viele Fettaugen aufweisen soll, denn wir wollen zu Zeiten auch der Armen und Benachteiligten gedenken. Immer ein nettes, nicht zu klerikal klingendes Wörtchen, so steht er vor uns, der professionelle Seitenblick aufs Absolute, ein Vertreter des Besten aus allen Welten (außer der Hölle, die ist für die letzten Anhänger der Aufklärung), Gottes Hausierer fürs Mediale.

Ich schweife ab. Oder doch nicht? Die „Erfahrung im verschiedenen Bereichen des Hauses“ (wir sind wieder bei Weißmanns Aussendung) ist eine gute Ausrede dafür, dass man jemanden auf einen Posten setzt, von dem er keine Ahnung hat. Ich mag Ingrid Thurnher, wenn sie ihre politischen Plauschrunden geschmackvoll zwischen der Skylla der Kritik und der Charybdis der politisch zumutbaren Wahrheit durchsteuert, aber Radio? Sie findet es spannend, sagte sie, die ORF-Radios „im linearen und non-linearen Bereich erfolgreich weiterzuentwickeln“. Spannend, in der Tat.

Die digitale Zukunft, die dräut uns allen, gleichzeitig linear und nonlinear, als verdammte Ungleichzeitigkeit, die uns Figuren aus dem Absolutismus in digitaler Gestalt auf der Nase herumtanzen lässt und Hofschranzen ins Nonlineare hinüberrettet. Ich habe schon wieder einen Verdacht, dass nämlich die digitale Zukunft so aussieht, dass wir allezeit mehr Bewegtbild zu unserer Verfügung haben und mit den kalifornischen Tech-Giganten so lange geschmeidig kooperieren, bis wir uns allen ihren Gesetzen fügen.

„Ich bin damit angetreten“, fährt Herr Weißmann in seiner Aussendung fort, und meine Morgenlaune sinkt ins Grottige, denn wenn jemand mit etwas antritt, möchte ich als medialer Truppeninspektor ihn höflich aber bestimmt darauf aufmerksam machen, dass man nicht mit Wünschen und Versprechungen anzutreten hat, sondern in tadelloser Ausrüstung und Haltung. Womit ist Weißmann also angetreten? Damit, also mit dem Versprechen, „dass der ORF weiblicher und jünger werden muss, und das ist mit diesem Team gewährleistet. Mein Team ist nicht nur das Team der ‚besten Köpfe‘, sondern auch das Team mit dem höchsten Frauenanteil in der Geschichte des ORF. Auch in den Bundesländern konnten wir den Frauenanteil steigern. Ich bedanke mich für die breite Zustimmung und freue mich schon auf die Arbeit.“

Nun bin ich der bösen Ansicht, dass auch diese hellen und jungen Köpfe mit jedem Tag im Amt dunkler und älter werden, und dass das Kriterium der „Teamfähigkeit und Führungskompetenz“ zumindest beim bekannten Beispiel des Studio Vorarlberg ebenso wenig ein Kriterium gewesen sein kann wie der Frauenanteil (die Bewerberin dort wurde nicht einmal ignoriert). Das wirft kein gutes Licht auf alle anderen von Herrn Weißmann, wie Toni Fabers Kollegenschaft früher gesagt hätte, in gleißnerischer Absicht abgesonderte Zuckerbäckerphrasen.

Wie wir wissen, besteht der Pudding die Probe beim Essen. Manchmal wünscht man halt, es gäbe vor der Nachspeise eine anständige Mahlzeit.

Distance, hands, masks, be considerate!
Ihr Armin Thurnher
@arminthurnher
thurnher@falter.at


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