Kultur, Schande, Barbarei. Eine Büchergeschichte aus Wien.

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der vervirten Welt 519


ARMIN THURNHER

13.09.2021

Der ältere Herr (noch älter als ich) sah mich das Foto aufnehmen. Blieb kurz stehen, wendete den Kopf zu mir und sprach mit Grabesstimme: „Eine Kulturschande!“ Er sah mich an, als erkenne er einen Gleichgesinnten. Ich brabbelte etwas Zustimmendes über Barbarei, zitierte Walter Benjamin, naturgemäß, wenn mir der Begriff Kulturschande auch nicht unter dem Herzen wächst, und ging weiter. Zustimmendes hatte ich gebrabbelt, obwohl ich dachte, dieser gutgekleidete ältere Herr, ein weniges älter als ich, ich sagte es schon, gehöre zu jener Art Erste-Bezirk-Bürger, die mir immer schon ordentlich auf den Keks gegangen waren, ja deren gamsbärtige Ignoranz und deren grünlodenes, in betongegossenen Repliken historistischer Gebäude, im stolzen Gassiführen von Dackerl ohne Sackerl und in der Wut auf jedes Bettelvolk gipfelnde Kulturverständnis ich immer gehasst habe.

Und doch brabbelte ich Zustimmendes, denn was wir beide betrachteten, waren die leeren Schaufenster der Buchhandlung Hasbach, die ihre Ankündigung wahr gemacht und zugesperrt hatte. Grausig gähnten nun die Fensterhöhlen, wo sonst immer Anregendes herausgeschaut hatte. Im Firmennamen fehlten schon die zwei Buchstaben B und A, vielleicht ein Zeichen für den erfolgreichen Abbruch.

Es war nicht überraschend gekommen. Der Inhaber hatte es mir angekündigt, nicht eben froh an seinem Schreibtisch sitzend und müde von langen Jahren einer stets abwärts weisenden Entwicklung, in die weniger wendige und weniger geschickte Buchhandlungen durch die Digitalisierung geraten waren.

Gewiss ist es eine Schande, dass sich vermögende Supermarktketten Mietpreise oft leichter leisten können als Buchhandlungen oder andere Traditionsgeschäfte. In diesem Fall waren Mietpreise nicht der Grund für die Schließung. Dennoch wird die Wollzeile im Wiener ersten Gemeindebezirk, einst von oben bis unten mit buchhändlerischer Qualität versehen, diesbezüglich immer dürftiger. Außer dem dominierenden Morawa und dem großen Herder befanden sich hier einst der Heger, eine literarische Buchhandlung erster Güte (heute eine Billigbuchhandlung) und eben die zwei Hasbachs, der eine ein reiches Antiquariat, der andere, untere, ein Hybrid aus Buchhandlung und Antiquariat, eine wienerische Besonderheit, die oft nicht das Beste aus beiden Welten präsentierte, aber immer eine interessante Mischung bot.

Ja, weiter unten in der Wollzeile gab es zwischendurch ebenfalls eine Billigbuchhandlung. Noch weiter unten verkauft eine Art besserer Trödler auch alte Bücher. Die Wollzeile bleibt also eine Bücherstraße, aber mit Lücken.

Der alte Inhaber, der Herr Borufka, Gott hab ihn selig, verkaufte mir manches Buch im oberen Geschäft, das mittlerweile zur Pop-up-Location für Waren aller Art verkam. Ihm verdanke ich mein wertvollstes Buch. Ich beschrieb im Falter einmal, wie ich dazu kam, und da nun beide Buchhandlungen nicht mehr sind, kann ich auch den Namen des Buchhändlers nennen (einem Wikipedia-Eintrag entnehme ich, dass sein Bruder im KZ Mauthausen „starb“).

»Jeden Tag passiere ich auf dem Weg ins Büro das Schaufenster des Antiquariats. Es sieht jeden Tag ein wenig anders aus und erfordert meinen täglichen Kontrollblick. Oft genug hatte ich mich ärgern müssen, wenn ein von mir morgens ins Auge gefasstes Buch abends weg war. Man darf nicht zu lange warten, wenn man etwas begehrt. Einmal war mir auf diese Art eine schöne Ausgabe von Stefan Georges Gedichten durch die Lappen gegangen; tagelang hatte ich sie angesehen und über den Preis nachgedacht (mit meinem Antiquar zu handeln ist sinnlos). Als ich mich endlich entschlossen hatte, sie zu kaufen, war sie weg.
Das hatte ich mir gemerkt. Als ich die erste Ausgabe von Kafkas ,Das Schloss‘ da liegen sah, in leicht vergilbtem hellgraublauem Leinen, mit aufgeklebtem rotumrandetem weißem Schildchen, wusste ich gleich: Erstens, das Buch musste ich haben. Zweitens, darüber sollte ich nicht lange grübeln. Der Preis war angeschrieben und angemessen stattlich. Ich rief an und ließ es mir zurücklegen. Im Geschäft kontrollierte ich den Zustand des Bandes und sah auf dem Vorsatzblatt eine Widmung. Aus dem Augenwinkel las ich den doch recht ungewöhnlichen Namen Alban. Ich klappte das Buch zu und kaufte es, ohne zu zögern.
Zu Hause las ich atemlos die Widmung noch einmal. „Meinem lieben Toni zum 31. 1. von seinem Alban“. Ich verglich die Handschrift mit jener auf einem gedruckten Notentext, den ich besaß. Kein Zweifel, es war Alban Berg, der dieses Buch verschenkt hatte. Und Toni? Das konnte nur einer gewesen sein: Anton Webern. Das Datum war Weberns Geburtstag. „Webern liebte er sehr“, erzählt Theodor W. Adorno über seinen Kompositionslehrer Alban Berg; dieser habe wenige andere Komponisten gelten lassen. Außer Schönberg natürlich.
Anton Webern wurde 1945 in Mittersill durch einen unglücklichen Zufall von einem US-Besatzungssoldaten erschossen. Berg starb 1935 in Wien. Von seinem „literarischen Sinn“ und von seiner Kraus-Verehrung hat Adorno berichtet. Von der Bedeutung Kafkas für Berg und die Zweite Wiener Schule findet sich weder in dessen musikalischer Monografie über noch in dessen Erinnerungen an Alban Berg etwas.«

„Was Sie schon alles haben!“ Mit diesem Ruf begrüßte mich der alte Herr Borufka. Er musste es ja wissen, er hatte mir einiges davon verkauft, und als er sein Geschäft schloss, reservierte er mir ein persönliches Lieblingsstück, wie er sagte, einen Insel-Nachdruck von Arnim-Brentanos „Des Knaben Wunderhorn“ von 1910, die Nummer 240 von 800 Exemplaren. Ich bezahlte leichten Herzens einen schönen Abschiedspreis dafür.

Die Schließung des „unteren Hasbach“, wo ich dankbar und zu kulanten Konditionen zum Beispiel Jean Pauls „Des Feldpredigers Schmelzle Reise nach Flätz“ und Johann Gottfried Herders vierbändige „Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit“ in Erstausgaben kaufen konnte, nahm ich trotz des angekündigten Abverkaufs schnäppchenlos zur Kenntnis und begnügte mich mit einem Schnappschuss. Das moderne Leben wird nicht für alle bunter. Vielleicht war der entrüstete Bildungsbürger ein feiner Mensch, der bedeutendste Lyriker seiner Epoche, dessen Werk erst nach seinem Tod bekannt werden wird. Und vielleicht kommt nach dem Hasbach wieder eine Buchhandlung.

Distance, hands, masks, be considerate!
Ihr Armin Thurnher
@arminthurnher
thurnher@falter.at


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