Ich liebe meinen Kater! Ein extrem knallhartes Sommergespräch

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der vervirten Welt 515


ARMIN THURNHER

07.09.2021

Ich: Kater, was würde uns in deiner Biografie am meisten überraschen?
Kater: Wenn du wüsstest, mit welchen Augen ich dich sehe, und was du für ein Glück hast, dass nicht du so klein bist wie ich.

Ich: Sonst würdest du mich fressen?
Kater: Möglich. Jedenfalls hätte ich dich nicht kastrieren lassen. Oder fandest du, das war im normalen Bereich?

Ich: In dem, was Menschen mit Katzen machen, ja. Ich ahnte, dass du mir das nachträgst. Was ist das für eine merkwürdige geschwollene Redeweise, alles war im normalen Bereich? Wer redet denn so über seine Jugend?
Kater: Euer Bundeskanzler tut das. Seine Jugend war wunderschön, und alles im normalen Bereich, sagt er. Er hat viel Tennis gespielt, seine Lehrer geärgert, alles im normalen Bereich. Außerdem war er wie ich.

Ich: Inwiefern?
Kater: Er wurde nicht erzogen. Beim Hund hast du dich sowas von abgestrampelt, das war ziemlich lächerlich. Was der Arme alles machen musste: Sitz!, Platz!, Hier!, lauter so unwürdiges Zeug. Mich hingegen hast du in Ruhe gelassen.

Ich: Aber er wurde nicht in Ruhe gelassen, er wurde „extrem liberal“ erzogen.
Kater: Stimmt, ist mir auch aufgefallen. Was ist das, extrem liberal? Will er sagen, er ist ein Extremist der Mitte? Oder ein Extremist der Exzesse? Extrem libertär? Extrem geil?

Ich: Nein, er wollte damit sagen, er hatte ein großartig unbeschwertes Jugendleben und ist extrem viel ausgegangen und war dann beim Bundesheer.
Kater: Ah ja. Und mit 24 war er Staatssekretär. Du hast ihn doch schon vorher getroffen, wie war er denn so, dieser Extremist der Jugendnormalität?

Ich: Er hatte ein blauweißgestreiftes Managerhemd an, ein ordentliches Sakko, Krawatte, saß in dieser extrem steifen Haltung da und war darauf bedacht, keine Fehler zu machen.
Kater: Geh, du hast ihn einfach aufgeschrieben. Schau doch auf das Gemeinsame. Du hast auch extrem viel Tennis gespielt in deiner Jugend.

Ich: Über sein Tennisspiel hätte ich gern mehr gehört. Ich möchte seine Rückhand sehen, da erfährt man viel über den Charakter. Und mit 24 habe ich noch kein Unternehmen gegründet
Kater: Erst mit 27, na und? Vater wurdest du schon mit 26, mein Freund.

Ich: Wir waren nicht so extrem gut eingebettet, haben das aber auch irgendwie gemeistert.
Kater: Wenn er das erfährt, hat er sicher höchsten Respekt vor dir.

Ich: Den hat er sowieso. Er nimmt jeden Gegner extrem ernst.
Kater: Was mich beruhigt hat, ist, dass er nicht trinkt.

Ich: Wie kommst du darauf?
Kater: Er sagte, er sehe das Glas lieber dreiviertelvoll. Das heißt doch, er nippt nur, oder?

Ich: Nein, mein Lieber, das ist bloß eine verrutschte Metapher, er meinte, wenn das Glas halbleer sei, sehe er es immer halbvoll. Er sieht eben die Dinge extrem positiv.
Kater: Aha, so wie die Seuche. Da hat er geschwanert, dass sich die Balken bogen. Geimpft seien 70 Prozent der Erwachsenen und so. Warum kam er damit durch?

Ich: Am 6.9. waren laut ORF-Info 58,7 Prozent der österreichischen Gesamtbevölkerung vollimmunisiert. Frag mich nicht. Dass er in einem Augenblick, da schnelles Handeln doppeltes Handeln ist, so lange vom Impfen schwieg, statt intensiv dafür zu kampagnisieren, weil das die oberösterreichische Landtagswahl gestört hätte, ist ein Skandal…
Kater: … den offenbar nur du als solchen empfindest. Geh in dich! Die Jahrhundertpandemie liegt hinter uns! Du bist echt ein Miesepeter. Horch einmal! Es klopft! Weißt du, was das ist?

Ich: Nein.
Kater: Das Licht am Ende des Tunnels. Es ist eingetreten, da ist es!

Ich: Hahaha. Und was ist mit dem Klimawandel?
Kater: Jeder Mensch emittiert, und ich bin froh darüber! Ja, im Verkehr wird sich viel tun, vor allem mit Wasserstoff. Den Impfstoff haben wir fix entwickelt, das Klima werden wir auch noch runterkühlen.

Ich: Wie helfen wir den armen Migranten?
Kater: Extreme Hilfe vor Ort. So wie in Moria. Diese Hilfe hat sich unter mir verzehnfacht.

Ich: Was tun wir mit den Massen der Faulen und Unanständigen, mit den Schmarotzern, die unser System belasten?
Kater: Hör dir einmal selber zu! Wie tendenziös du daherfragst! Denen richten wir die Wadln fire. Die Deregulierung geht weiter. Wir werden da einen entschlossenen Weg gehen. Wenn einer nicht arbeiten will und gesund ist…

Ich: Okay, okay. Und wie bezahlen wir all das?
Kater: Mit extremer Standortpolitik.

Ich: Noch ein Letztes, diese lästige Staatsanwaltschaft, da machst du dir keine Sorgen, oder?
Kater: Ich weiß, was ich sagen wollte, habe stundenlang dem Ausschuss Rede gestanden, Antwort nicht, das hat der Sobotka verhindert. Ich weiß, was ich getan und nicht getan habe. Ich lasse mich nicht beeinträchtigen.

Ich: Ich liebe meinen Kater.
Kater: Dann nehme ich jetzt dieses neue Biorind mit Zucchini, danke.

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ZiB2, Nachbetrachtung

Armin Wolf: Und wir wollen auch dieses Sommergespräch live hier im Studio analysieren mit dem Politologen Walter Wollmüller, guten Abend, danke fürs Kommen.
Wollmüller: Schönen guten Abend.
Wolf: Und einer abgeklärten Kollegin von einem führenden Medium, guten Abend.
Kollegin: Guten Abend.
Wolf: Fanden Sie dieses Gespräch auch so extrem spannend? Da flutschten doch Desinformationen und Fake News sonder Zahl nur so durch?
Wollmüller: Ja, das ließe sich alles empirisch belegen, in Form eines Faktenchecks, auf den wir dankenswerterweise verzichten, sonst wären wir hier ja nicht nötig. Ich fand sehr spannend, wie der Kater mitten im Gespräch die Rolle wechselte und sozusagen die Krallen ausfuhr.
Kollegin: Wie Professor Wollmüller ganz richtig sagte, schlüpfte der Kater plötzlich in den Kanzler, aber auch in dieser Rolle blieb er uns doch viele Antworten schuldig und spielte bloß das Opfer.
Wollmüller: Man hätte ihn natürlich nach dem Prozess fragen können, den die ÖVP gegen den Falter verlor, denn da ging es um die Behauptung, die ÖVP habe sich ihre Wahlsiege mit unlauteren Mitteln erschlichen, nämlich mit bewusst geplanter Überschreitung der Wahlkampfkosten, während sie in der Öffentlichkeit das Gegenteil behauptete, aber man muss ja nicht alles wissen.
Kollegin: Dieser Kater, äh Falter drängt sich eh so vor.
Wollmüller: Am Ende schaffte es der Kater, alles Unangenehme zu vermeiden und bekam sein Futter, wie immer.
Wolf: Und wie Sie, liebe Zuseherinnen und Zuseher. Herr Professor Wollmüller, Frau Kollegin, vielen Dank für Ihren Besuch im Studio.

Distance, hands, masks, be considerate!
Ihr Armin Thurnher
@arminthurnher
thurnher@falter.at


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