Über Schuld, die Philosophie des Schöpfers und ein Buch für alle

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der vervirten Welt 514


ARMIN THURNHER

06.09.2021

Nein, ich habe es nicht vergessen, mein Projekt „Schuld“. Bücher zu besprechen, die ich nie besprach, obwohl sie es verdient hätten. Lobpreisungen nachzuholen, die ich unterließ, weil sie Freunde betroffen hätten. Vernichtungen abzumildern, die zu pauschal ausgefallen waren. Es geht um Versäumtes, um das Ausbessern tragischer Situationen, die entstehen, wenn man etwas unterlässt, etwa einen Anruf, der immer schwerer wird, weil man weder sich noch anderen erklären kann, warum man ihn unterließ, bis man die Beziehung zur nicht angerufenen Person verloren hat. Es gibt Menschen, die von solchen Leiden nicht befallen sind, die einfach anrufen. Mir ist das nicht immer gegeben.

Mit Büchern geht es mir so wie mit den Beziehungen. Dabei habe ich den Satz eines Freundes im Ohr, der uns (den Falter) vor Jahrzehnten einmal aus einer aussichtslos scheinenden Situation rettete. „Selbst der aussichtsloseste Schuldner hat eine Aussicht, wenn er nur redet“, sagte er. Sprich, die meisten Menschen versinken sprachlos in ihrer Schuld. Schuld bleibt ausweglos, solange sie stumm bleibt.

Hier fange ich an, mein Schweigen zu brechen. Möchte ich anfangen. Ein Satz, der seltsam anmutet aus dem Mund eines Menschen, der täglich eine Kolumne schreibt. Allerdings schreibt er sie schweigend, wie sie sich denken können. Ich möchte aber sagen, ich breche mein Schuldschweigen. Sage etwas, was ich lange schon sagen hätte sollen, aber nie gesagt habe.

Zum Beispiel hat mir Michael Franks Verlag ein Buch geschickt. Michael Frank, der langjährige Korrespondent der Süddeutschen Zeitung in Wien, zwischendurch auch in Prag. Er gehörte zu jenem Quartett von Auslandskorrespondenten, das im ORF diskutierte und erleben musste, wie sich FPÖ-Politiker Peter Westenthaler live auf einem Bildschirm einblendete, um sie, die Kritiker von Schwarzblau, zu beflegeln. Eine unvergessliche Szene für jeden, der sie erlebt hat. Offen dargetaner Autoritarismus, zwanzig Jahre vor der aktuellen Message Control. Frank und seine Kollegen bewahrten Contenance.

Frank hielt immer Distanz, freundliche, nicht unkritische. Wenn es etwas am Falter oder an einem meiner Texte auszusetzen gab, sagte er das gerade heraus. Ich empfand ihn, anders als alle österreichischen Kollegen, deswegen als Instanz. Als ich den Vorhofer-Preis bekam, ebenfalls 20 Jahre her, gehörte er zu den jenen Kollegen, die die Preisverleihung besuchten (Andreas Khol war damals Nationalratspräsident, man kann nicht sagen, dass wir übereinander glücklich waren). Frank erschien mit Herbert Riehl-Heyse, dem großen viel zu früh verstorbenen Kollegen von der SZ, der gerade in Wien war. Eine Doppelehre, die ich zu schätzen wusste. Sie fanden meine Rede gut, sagten sie, die sonst aber niemanden weiter interessierte. Später rezensierte  Frank ein Buch von mir in der Süddeutschen, kritisch lobend wie immer (mit seiner Kritik hatte er naturgemäß recht).

Die literarischen Qualitäten von Franks Reportagen waren nicht zu übersehen. Er schrieb feine Bücher über Wien und Prag. Dann erschien ein Roman. Ich ließ ihn liegen. Roman? Ich weiß, was das heißt. Herzblut, Risiko, Stilwagnis. Vielleicht bangte ich, ihn aufzuschlagen, weil ich ihn nicht schlecht finden wollte. Jedenfalls ließ ich es so lange liegen, bis eine Besprechung für den Buchverkauf irrelevant wurde (auch das Schicksal zu spät erschienener Rezensionen kenne ich von eigenen Romanen).

Jetzt habe ich Franks Buch gelesen. Es ist großartig. Schmalensee, so heißt es, ist die Beschreibung einer Kindheit im Nachkriegsbayern, autobiografisch, aber das ist nicht wichtig. Der Knabe Michael wächst in einer armen Familie auf, sie lebt in einer Baracke, in einem Dorf von Instrumentenbauern, katholisch durch und durch, aber nicht ganz. Der protestantische Teufel hat eine Kultstätte im Dorf, die Kirche, und Franks lapidare Beschreibungen der dummen Grausamkeit des hegemonischen Katholikenvolks sind zugleich poetisch, humorvoll und tiefsinnig. Das Buch hat nicht eigentlich eine Handlung, es ist kein Entwicklungsroman, besteht aus lauter kleinen Szenen und Rückblenden, die sich mischen wie in einem Kaleidoskop und ein genaues Bild dieser Nachkriegswelt liefern. Selbstironisch blickt der alte Frank manchmal auf den jungen, so gelingt es ihm, den frischen Blick und die Erfahrungen des Kindes wiederzuerwecken. Eine Suche nach der verlorenen Zeit im düsteren, seltsamen, aber auch heiteren Mikrokosmos einer vielköpfigen Familie, wo der charismatische Vater, ein Geigenbauer, die Mutter betrügt, wie sich am Ende herausstellt, auch mit der eigenen Tochter.

Die vielen Geschwister merken den Missbrauch und merken ihn nicht, wie auch die Mutter, die vieles nicht wahrhaben will, gerade weil sie eine Art Feministin ante verbum ist. Die Handlung spielt in Mittenwald, dem berühmten Geigenbauerdorf am bayerischen Karwendel; die Familie ist arm und lebt in einer Baracke. Die Zeit ist nach 1945, es sind vertriebene Sudetendeutsche, amerikanische Besatzungssoldaten spielen eine Rolle, und beide Großelternpaare erhellen den progressiven Hintergrund dieser etwas anderen Frank-Familie: beide Großväter waren Sozialisten.

So sieht er aus, der Schöpfer
Foto @ Reiss Email

Das alles ist fein, sprachempfindsam und witzig erzählt. Die folgende kurze Passage ist am Rande auch dem Bundeskanzler gewidmet, der ja in keiner Kolumne fehlen darf, weil der so gern davon redet, wir müssten unsere „Umwelt & Schöpfung“ bewahren (er schreibt es tatsächlich wie eine Firma, Gott & Sohn). Franks Knabe Michael hat zum Schöpfer eine andere Beziehung, die den kritisch-naiven, aber durchaus skeptischen Blick dieses Kindes zeigt:

„Auch Gott selbst zog wie sein Erzengel meinen Argwohn auf sich. In der Kirche, im Religionsunterricht, unter den Leuten, im Tischgebet, immer war vom Schöpfergott die Rede. Im Tischgebet schien mir das noch am ehesten einleuchtend, denn da bekamen wir Dinge aus Mutters Töpfen geschöpft, die stets, zumindest der Behauptung nach, der Schöpfergott aufgetischt hatte, aber musste Gott deshalb über Himmel und Erde in Gestalt eines Schöpfers, also eines Schöpflöffels, herrschen? Ich kannte nun mal den Schöpfer nur in Gestalt dieses Geräts, mit dem man Suppe und andere nahrhafte Dinge austeilte, und so wagte ich nicht nachzufragen, denn es hätte ja als Lästerung ausgelegt werden können, als Zweifel an der Allmacht des Schöpfers selbst, zweifelte man an seiner Schöpflöffelgestalt. Vielleicht, so meine theologischen Grübeleien, sei es ja ein Zeichen besonders innigen Glaubens, Gott trotz dieser lächerlichen Figur für den Schöpfer aller Dinge zu halten.“

Die literarische Welt sollte dieses wunderbare Buch zur Kenntnis nehmen. Egal ob sie es tut oder getan hat und ich es nur nicht bemerkt habe, tun Sie es!

Distance, hands, masks, be considerate!
Ihr Armin Thurnher
@arminthurnher
thurnher@falter.at


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