Rindswurst, Bernhard, Stil. Eine Art Nachruf auf Karl Heinz Bohrer

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der vervirten Welt 488


ARMIN THURNHER

06.08.2021

Heute setze ich die Berichte aus meinem Leben mit dem ORF aus. Karl Heinz Bohrer ist gestern gestorben. Ein schwieriger Schriftsteller, ein bedeutender Intellektueller, sperriger Denker, Freund Ulrike Meinhofs, als Literaturchef der Frankfurter Allgemeinen Vorgänger Marcel Reich-Ranickis, Universitätslehrer.

Karl Heinz Bohrer 1978
Foto © Barbara Klemm

Er legte sich quer zum deutschen Nachkriegs-Mainstream, widerstand dem Wohlwollen von Jürgen Habermas, weil der ihm als Anführer des Juste Mileu erschien, dieser in Bohrers Augen umerzogenen, zugleich braven und verlogenen Bundesrepublik-Mentalität, die ihm zutiefst widerstrebte. Er war ein nihilistischer Revolutionär, entwickelte eine Theorie des revolutionären Augenblicks aus der Literatur, passte in keine Kategorie.

Ich empfand ihn als eine Art Kombination von Ernst Jünger und Walter Benjamin: Er wollte gefährlich sein und war doch zu intelligent dafür, einen Massenversucher abzugeben. Seine Kritik am deutschen, stillosen Mittelmaß, das sich in Helmut Kohl und anders auch in Angela Merkel exemplifizierte, hätte bei einem schwächeren Denker in ein Plädoyer für den starken Mann münden können, aber dafür war Bohrer viel zu klug. Er war eben Nihilist wie sein Kollege Rudolf Burger, dessen Essays er im Merkur publizierte und zu dessen Ehren er auch in Wien sprach.

Als Herausgeber der einflussreichen Zeitschrift Merkur prägte er die intellektuelle Szene auf seine ganz eigenständige Weise, als Gegengewicht zu dem, was er als den vorherrschenden Ton in den Feuilletons empfand. Als ich seinen im Merkur erschienenen berühmten Aufsatz über „Stil oder Maniera“ jungen Menschen auf der Fachhochschule zumutete, rebellierten manche. Ich sagte, man müsse intelligente Autoren gerade dann lesen, wenn sie nicht dem eigenen Lager angehören, nicht Bettwärme, sondern befremdliches Denken anbieten. Von denen könne man was lernen, und sei es nur den begründeten Widerspruch, eine im Zeitalter überhitzten Lagerkollers abhanden kommende Tugend. Ohne Widerspruch keine Kritik und auch kein Lob, das zählt.

Und siehe, Bohrers anekdotische Kritik an deutschen Wirtschaftstreibenden, die in England gegen die dortigen Originale stilmäßig verblassten, trifft unser ORF-Generalkandidatenquartett in noch höherem Ausmaß: diese Biederkeit ohne Stil, also auch ohne Verankerung in Erkenntnis, diese Flachmänner und -frauen, unfähig, „in Haltung und Sprache Autorität zu verbreiten, eine Autorität jenseits von Kenntnissen des Faches“. Sie stehen weniger für ein „nationales Unvermögen“ wie Bohrer diagnostizierte, sondern für eine transnationale Unterwerfung unter ein Business-Ideal. Dennoch war seine Diagnose witzig und inspirierend, zog man die mögliche Pointe nationaler Größe als Lösung des Problems ab.  Seine „Bücher zur Verteidigung der romantischen Sicht auf die Welt fordern zur Überprüfung ihrer Thesen auf, und es hängt viel daran, ob Bohrer recht behält. Der Ernst, mit dem er sich ästhetischen Fragen zugewendet hat, sollte überdauern. Wer an der Bedeutung dieses Ernstes zweifelt, sollte den Band über Plötzlichkeit von 1981 oder eben die englischen Essays von 1978 lesen“, schreibt Jürgen Kaube in der FAZ.

Bohrers Frau, die Schriftstellerin Undine Gruenter, starb 2002, viel zu früh. Ihrer beider Beziehung hat er ergreifend geschildert. Bohrer schrieb nicht nur Essays und Bücher, er schrieb auch autobiografische Romane, die seinen hohen Ansprüchen gerecht werden. Eine Passage aus seinem Buch „Jetzt. Geschichte meines Abenteuers mit der Phantasie“  über einen uns allen vertrauten Autor bezeugt nicht nur das, sondern auch Bohrers Auffassung seiner Arbeit als Literaturkritiker. Gestern starb Karl Heinz Bohrer im Alter von 88 Jahren in London, seinem langjährigen Wohnort.

»Ab und zu, aber regelmäßig, kam ein schweigsamer Schriftsteller in die Redaktion. Er besuchte vor allem Anneliese Ruppel, Ruppeline, die mit einem enormen Mundwerk begabte Sekretärin, intelligent, völlig respektlos, hessisch. Meinen auf Abgehobenheit hinauslaufenden Ton hatte sie eines Tages mit der Zigarettenmarke »Lord Extra« etikettiert. Der Schriftsteller hatte eine eigentümliche Angewohnheit. Er sagte nicht viel, außer einem Satz: „Könnten wir nicht eine Rindswurst essen gehen?“ Damit zielte er auf die scharfe Mettwurst in der Kantine. Beim ersten Mal wusste ich nicht, wer er war, und fragte beim nächsten Mal Ruppeline, wie er denn heiße: „Das ist der Österreicher Thomas Bernhard.“ Ich war baff. Er hatte kürzlich den Büchner-Preis bekommen. Warum dieser große Schweiger ausgerechnet mit mir immer die Rindswurst essen gehen wollte, ist nie geklärt worden.

In der Gegenwart dieses Schriftstellers, den man besser nur Dichter nennen sollte, verstärkte sich bei mir eine Unsicherheit gegenüber meiner Kritikerexistenz, die schon früher begonnen hatte. Ich empfand noch stärker das Sekundäre dieser Tätigkeit gegenüber dem Primären des Autors. Ich selbst hatte ja einmal die Kritik für das Höchste gehalten. Bernhard, der nicht an meiner Sympathie interessiert zu sein schien, empfand meine Zurückhaltung offensichtlich als angenehm. Er war wahrscheinlich von Kritikern eine gewisse Wichtigtuerei gewohnt, wogegen unsere gemeinsame trübe Stimmung mich zu besonders trüben Bemerkungen inspirierte. Er sagte auch – und das wiederholte er beim nächsten Rindswurstessen – , dass er wegen einer Herzkrankheit nicht mehr lange zu leben habe. Was sollte man darauf antworten? Ich zweifelte daran, dass er wirklich so krank war, fand aber gleichzeitig die Bemerkung umso alarmierender. Vielleicht stand ein Selbstmord in Aussicht? Nichts sagen war das Beste. Den Senf, der nicht auf dem Tisch stand, vom Nebentisch holen! Das Einzige, was wir gemein hatten, war vorerst, dass wir beide 37 Jahre alt waren und gern zusammen eine Rindswurst aßen.

Gar nicht erwähnt wurde die Literatur. Etwas über seine letzte Prosa sagen? Nein. Wir fanden wohl beide solche Kritiker-Autor-Gespräche völlig daneben. Man schrieb, was man zu sagen hatte, aber sagte es nicht, wenn man zusammensaß, weil man es ja schreiben konnte. Die Attitüde von Gemeinsamkeit zwischen Autor und Kritiker musste vermieden werden. Auch wenn ich ein Autor noch werden wollte, wenngleich ein theoretischer, so hätte ich ihn doch nicht fragen können, ob er mein Buch über „Surrealismus und Terror“ kannte oder gar gelesen hatte. Unser Schweigen brachte eine Art existenzieller Parallelität hervor. Indem wir die Rindswurst aßen und nichts Wichtiges sagten, abgesehen davon, dass er sagte und ich hörte, dass er bald sterben werde, blieb die Grenze zwischen Literatur und Literaturbetrieb festgezogen. Und doch empfand ich jenseits dieser Grenze ein Gefühl von Freundschaftlichkeit und ein wenig auch etwas Kumpanenhaftes.

Waren der aggressive Tonfall, der selbst- und fremdzerstörerische Wille seiner Sätze etwas spezifisch Österreichisches? Es gab etwas Vergleichbares, wenn auch im Stil anderes, bei Handke. Und in H. C. Artmanns gewöhnlichen Alltagsäußerungen war es ja auch auffällig. Nichts dergleichen in der deutschen Nachkriegsliteratur. Enzensbergers Polemik war von ganz anderer Art, weniger zynisch, mehr auf politische Aufklärung aus. Vor allem gab es bei den Österreichern eine spezielle Art der Melancholie, und das machte sie so anziehend wie das alte Volkslied O du lieber Augustin, alles ist hin. Grillparzer ging mir seit meiner Schulzeit besonders nahe. Auch Johann Nestroy. Dessen Stück Einen Jux will er sich machen, so früh im 19.Jahrhundert geschrieben, undenkbar aus der Feder eines reichsdeutschen Schriftstellers! Und später Schnitzler. Was für eine den Atem verschlagende aggressive Wahrheit steckte in seiner Novelle Sterben, nicht zu reden von seinen Ehedramen. Bernhards Schweigen verbarg die Aggressivität, entäußerte sich aber der Melancholie, die in seiner Aggressivität steckte. Dieses Schweigen hatte mir auch deshalb so gefallen, weil in ihm anstelle von Ideenbeschwörung die Fakten auf den Tisch gelegt zu werden schienen. Wie bei Wittgenstein: sprachliche Fakten. Der historische Grund für die so anziehende Lust am Verschweigen ebenso wie an der psychologischen Demontage hehrer Annahmen war wohl der Niedergang Österreichs als europäische Großmacht Mitte des 19.Jahrhunderts nach der Schlacht von Solferino. Joseph Roths Beschreibung des Untergangs im Radetzkymarsch enthielt einschlägig Bösartiges, etwa wenn ein ungarischer Graf während eines Offiziersballs auf die Nachricht von der Ermordung des Erzherzogs ausruft, wie sehr er sich freue, dass das Schwein hin sei. Zur Zeit des lieben Augustin war noch nicht alles hin gewesen. Aber seit Mitte des 19. Jahrhunderts hatte der Niedergang Fahrt aufgenommen: militärisches Versagen, Territorialverluste, Auflösungserscheinungen auf der staatlichen wie auf der individuellen Ebene, Letztere häufig kaschiert durch die straff sitzende Uniform. Von da an äußerten nur noch harmlose, geistig unbedarfte Leute wie der Leutnant von Trotha solche schweinischen Kruditäten nicht. Die Einfallsreichen dagegen kaprizierten sich auf Bösartigkeiten über den Verfall der österreichischen Zustände. Es gibt noch eine andere, aktuellere Seite dieser unehrenhaften Medaille: die Verlogenheit der Österreicher hinsichtlich ihrer Teilhabe an den Naziverbrechen. Darüber der Honigseim der Salzburger Festgewaltigen. Bernhards Schweigen im persönlichen Verkehr nimmt all das auf, ebenso wie sein literarischer Ton, diese unerbittlich kreisende und ihre Objekte freisetzende Sprachgewalt.

Mir ging nach dem letzten Besuch Bernhards auf, dass ich eigentlich überhaupt keinen Schriftsteller richtig kannte. Nur Urs Widmer, der seine schriftstellerische Karriere gerade erst begonnen hatte. Es lag dies wohl an einer Befangenheit, die mich während der Niederschrift einer Kritik nie beschlich. Aber so einfach mit Schriftstellern am Tisch zu sitzen war mir unangenehm. Es hatte etwas Indiskretes. Ich ahnte ein Innenleben, das radikal anders war. Dass ich selbst ein solches Innenleben besäße, kam als Vermutung zwar hinzu, doch hätte auch das nicht zu Grenzübertretungen verführt.«

Distance, hands, masks, be considerate!

Ihr Armin Thurnher

@arminthurnher

thurnher@falter.at


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