Yabbadabbadooo! Was wirklich hinter dem Steinzeit-Spruch von Sebastian Kurz steckt.

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der vervirten Welt 480


ARMIN THURNHER

28.07.2021

Wir erleben Kanzler Kurz in Hochform. Was der alles auf einmal kann, Hut ab! Einerseits flieht er in eine Krankheit, er sagt uns nicht, in welche, er lässt sein Message-Team noch ermitteln, welche am besten ankäme. Transparenz über alles! Er treibt uns in die Spekulation, wie Pensionisten, die jetzt wieder angeregt werden, ihr Los auf Luft zu bauen, besser gesagt auf das Wohl der Fonds, welche die Börsengeschäfte beherrschen. Andererseits dominiert er in absentia die Öffentlichkeit.

Also gut, Kurz ist krank. Vielleicht leidet er an etwas, was eine scharfsichtige Beobachterin „Morbus Salisburgiensis“ nannte, also die Salzburger Festspiel-Eröffnungs-Schwänz-Krankheit, um nicht von Alexander Van der Bellen klimamäßig gemaßregelt zu werden (Maß für Maß!). Ich interpretierte ihre Diagnose gleich um in „Morbus BP“, also die Krankheit am Bundespräsidenten, oder auch „Morbus Neandertaliensis“, also die Steinzeitfurcht-Krankheit.

Auch die Bild Zeitung war – wie meistens –begeistert und apportierte brav Sebastian Kurz’ versteinertes Hölzl
Screenshot: Bild.de

Es heißt, sein Steinzeit-Sager sei dem Kanzler so herausgerutscht. So will es die gängige Interpretation. Hinter der progressiven türkisen Glattmaske meinte man auf einmal das alte, schwarze Raugesicht hervorblecken zu sehen, Kurz, den Betonierer und Pestizid-Ausbringer aus Überzeugung.

Ich kann mich dieser Interpretation nicht anschließen. Gehen wir einmal davon aus, dass die politische Substanz von Sebastian Kurz vor allem aus einem besteht: aus Message-Disziplin. Dann können wir doch nicht annehmen, dass ihm just in Vorarlberg das Frischgeimpfte aufging und er sich gehen ließ, nur weil die Rede auf die S-18 kam, die seit vier Jahrzehnten umstrittene Schnellstraße, die durch das Ried geht, wegen Naturschutzfrevel ständig für rechtswidrig erklärt wird und sich im Ländle als eine Art ewig wiederholter Politwalze dreht, jetzt auch ein Symbol für den schwarzgrünen Deadlock in der Regierung darstellt: die Schwarzen wollen, die Grünen blocken.

Und was will Kurz? Kurz will Lärm. Lärm war bei solcher Wortwahl vorhersehbar. Der Lärm um die Entscheidung der Justiz, ihn – wie von seinem Anwalt gewünscht – von einem Richter befragen zu lassen, und nicht, wie für normale Staatsbürger üblich, ruft ebenfalls kalkulierte Aufregung hervor. Ex-Justizministerin Maria Berger blieb ziemlich cool. Ich denke, sie hat recht, es ist verfahrenstaktisch sogar besser, wenn nicht die von Kurz durch zahllose Nadelstiche und Provokationen und Behinderungen auf überhitzte Temperatur gebrachte Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft die Befragung führt, sondern eine etwas distanziertere Person. Das Verfahren liegt ja weiterhin in Händen der WKStA, und die Argumentation von Kurz, er habe ja die Wahrheit sagen wollen, erscheint mir so schwach wie eh und je. Es kommt ja nicht in erster Linie darauf an, was er sich vorgenommen hatte und was er sagen wollte, sondern darauf, was er getan und gesagt hat. Natürlich ist das alles politisch-taktisch gedacht, und der Anspruch auf Sonderbehandlung, den Kurz stellt, ist eine Unverschämtheit.

Hier aber geht es um den Steinzeit-Sager. Kurz, der Justiz-Provokateur, Kurz der Asphaltierer, Kurz der Klimakrisen-Leugner – darüber kann man sich auf vielfältige Weise aufregen. Das werden wir zu gegebener Zeit immer wieder gerne tun.

Heute aber bleiben wir bei der S-18. Und machen zuvor einen kurzen historischen Ausflug. Der ehemalige ORF-Generalintendant (damals hieß er noch so) 1998-2002, Gerhard Weis, ein gestandener Schwarzer, CVer und Großkoalitionär, erzählte mir, dass er die Abstimmung 2002 im Kuratorium gegen Monika Lindner, eine Schüssel-Schwarze (Schüssel-Schwarze sind Vorläufer der Türkisen), unter anderem verlor, weil ein westliches Bundesland zwecks Entscheidungsfindung von der Regierung Schüssel noch schnell eine Autobahnabfahrt in die Waagschale geworfen bekam.

Das ist Österreich, so wird hier gedealt, und die westlichen Kandidaten im ORF-Kuratorium sind für Kurz nicht ganz fix berechenbar. Da kommt die S-18 ins Bild, und schon sieht sein Steinzeit-Sager ganz anders aus. Der erfreuliche Ablenkungseffekt des Steinzeit-Lärms ist das eine, das Wohlwollen des Vorarlberger Kuratoriums-Mitglieds das andere.

Nach seiner Steinzeit-Wortmeldung ist es gewiss: Kurz gedenkt den ORF-Generaldirektor (eine Direktorin wird’s nicht werden) im August nach seinem politischen Willen küren zu lassen, und das, meine Damen und Herren, ist echte Steinzeit-Politik: Parteipolitisch wie nur in Zeiten des Proporzes, uralt, scheindemokratisch, ausgekungelt und nur auf Machterhalt berechnet. Zynisch, ungustiös, unbekümmert um das Schicksal des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Dessen politische Unabhängigkeit wurde bei der Gründung festgeschrieben, damit er der Demokratie diene.

Wenn die Politik sich den ORF unterwirft, wie Kurz es nun vorhat, geschickt wie immer, führt er Österreich medienpolitisch auf den Stand vor 1964 zurück. Kurz glaubt, sich das leisten zu können, weil er weiß, medialen Widerstand gibt es nicht, die Medien hat er fast alle gekauft. Reden wir möglichst wenig darüber, denkt er, oder über anderes. Wer zu den Medien noch den ORF beherrscht, beherrscht das Land. Kurz, bedrängt von Peinlichkeiten und umgeben von Kläglichkeit, will wieder gewählt werden.

Yabbadabbadooo!

Distance, hands, masks, be considerate!

Ihr Armin Thurnher

@arminthurnher

thurnher@falter.at


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