Blümel geht in sich. Ein Märchen.

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der vervirten Welt 473


ARMIN THURNHER

20.07.2021

Es war vor hundert Jahren, jedenfalls in den frühen neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts. Der ORF veranstaltete ein journalistisches Pendant zum Bachmann-Preis. Es trug den würdigen Titel „Joseph-Roth-Preis“ und folgte ähnlichen dramaturgischen Mustern. 3sat übertrug live, und o Wunder, ich war in die Jury eingeladen, mit renommierten Redaktoren und Redactricen aus aller deutschsprachiger Herren Ländern, und gleich animierte ich durch eine mir als völlig normal erscheinende Wortmeldung den ehemaligen Redenschreiber Willy Brandts zu einem Tobsuchtsanfall. Der würdige Herr drohte, abzureisen und konnte nur mit Mühe beruhigt werden. Ich war irritiert, die Veranstalter waren zufrieden, nolens volens hatte ich mein Honorar schon hereingespielt.

Davon erzähle ich vielleicht ein andermal mehr, wenn ich Zeit finde. Die Veranstaltung (bald nach der meiner Teilnahme wurde sie abgeschafft) fiel mir ein, als ich im Fernsehen Gernot Blümel sah. Beim Joseph-Roth-Preis las nämlich ein junger Schweizer Kollege (gerade ein Jahr älter als ich), und er traf einen Ton, der meiner Art zu schreiben fremd war und mich doch so glücklich berührte, dass ich versuchte, diesem Martin Suter auf jeden Fall zu einem Preis zu verhelfen (es wurde der noch mit Geld belohnte dritte Platz).

Der erste Satz, den Suter vorlas, hatte mich eingefangen: „Lautenschlager geht in sich.“ Damit eröffnete er eine seiner glänzenden, Business-Class genannten Kolumnen, die in der Weltwoche erschienen, damals noch einem angesehenen linksliberalen Blatt. Lautenschlager war einer dieser hohlen, ichverliebten Manager, und Suter schildert, wie er sein Inneres betritt und sich darin umsieht. In diesem Augenblick – Suter, längst ein berühmter Autor, wird mir verzeihen – konnte ich das Bild nicht abweisen, wie Blümel die Tür zu seinem Inneren öffnet.

Foto: APA © Roland Jäger

Blümel geht in sich. Auf dem Beklagtenbänkchen im Parlament und auf dem Aussagebänkchen im Ibiza-Untersuchungsausschuss hatte er dazu viel Zeit, er sagte ja fast nichts und saß nur da, nach innen blickend. Blümel also öffnete vorsichtig die Tür zu sich und blickte sich um. Er ging vorbei an sich türmenden Chatprotokollen und Stapeln von ausgedruckten Akten auf einen merkwürdig leeren Straßenzug hinaus. Es war der Boulevard der Gedächtnislosigkeit. Ha, dachte Blümel, hier muss ich schon einmal gewesen sein. Wenn ich mich nur erinnern könnte!

Kinderwägen voller Laptops bogen um die Ecke, fast wäre er mit ihnen zusammengestoßen. Ab und zu kam er an einem Automatensalon vorbei. Würde ich nur jemanden bei dieser Glücksspielgesellschaft kennen, dachte er, dann könnte ich den armen Menschen vielleicht helfen, die hier hinter verklebten Fenstern minutenschnell ihren kargen Monatslohn verspielen.

Eine Auslage versprach juristische Beratung. „Juristische Vorbereitungskurse Dr. Pilnacek“ stand auf dem Schild, und Blümel dachte nach. Es kam ihm vor, als habe er davon schon einmal gehört, aber er fühlte sich nicht besonders betroffen.

Vor ihm lag die Universität, bestehend aus Wirtschaftsuni und einer kleinen Villa für die Philosophen. Blümel googelte rasch ein paar Zitate aus Wikipedia, falls ihm ein Weiser begegnen würde, aber es ließ sich niemand blicken. Aus der Wirtschaftsuni winkte ein drahtiger Homo Oeconomicus. Blümel winkte zurück. Der sieht mir aber ähnlich, dachte er.

Er wurde hungrig, doch das einladend aussehende Kaufhaus Österreich hatte schon geschlossen. Vor dem Wirtshaus Köstinger löschte die Wirtin im Dirndl gerade, was sie soeben auf die Schiefertafel geschrieben hatte und kritzelte das Gegenteil darauf. Aus einem schattigen, offenen Fenster strömten Celloklänge, eine Melodie, die Blümel sehr bekannt erschien. Kenne ich jemanden, der Cello spielt, fragte er sich und ging weiter, Sobos Lied im Ohr, ohne es zu identifizieren.

Ein gutgelaunter Geselle winkte ihm zu und rief: „Hey Blümchen! Ganz coole Leistung von dir und dem Kanzler!“ Wenn er nur gewusst hätte, was er da geleistet hat! Aber er war gewiss ein Leister, das sah man schon seiner Körperhaltung an. Blümel fiel auf, dass er keine Sporttasche in der Hand trug, obwohl er ging, als trüge er eine. Trotzdem versuchte er, eine lässig-gnädige Handbewegung in Richtung des Rufers zu machen.

Er betrat jetzt einen Palast: den Palast der Entschlagung. Gefährliches Gelände. Hier wurde man nicht geschlagen, hier entschlug man sich. Blümel kam das bekannt vor. Es fiel ihm wieder ein: Hatte man sich 35mal entschlagen, war man auf der anderen Seite und konnte ins Freie. Verlor man vorher die Nerven und sagte irgendetwas, verschlossen sich die Türen für immer. Blümel rückte seine FFP2-Maske zurecht und freute sich, dass er sie hatte. Noch nie war es ihm so zupass gekommen, sein Pokerface nicht zeigen zu müssen. Ein paar Stunden später erreichte er die andere Seite.

Eine schmale Gasse öffnete sich nun, gesäumt von auf sehr diskrete Weise wohlhabenden Häusern. Blümel ging munter fürbass, und wie er ging, öffneten sich geräuschlos die soliden, kunstvoll gefertigten, schweren Haustüren eine nach der anderen, Bediente kamen mit vornehmer, aber freundlicher Miene heraus und steckten Blümel Kuverts mit Geldbeträgen zu. Wie immer, murmelten Sie diskret, für die Partei natürlich.

Nein, sagte Blümel, ich nehme keine Spenden, schon gar nicht von Großsteuervermeidern! Und wie ein Spuk verflog das Traumgebilde der engen Gasse, ein Platz öffnete sich und gab den Blick frei auf den Palast der Spenden. Nicht Sie spenden uns, rief Blümel, der sich plötzlich erinnerte, ich spende Ihnen! Es war der Palast der Cofag, wo sie das Geld aus allen Fenstern warfen. Die Luft flirrte vor Schecks und Scheinen.

Dahinter tat sich endlich das goldene Tor der Freundschaft auf. Ich liebe meinen Kanzler, sagte die Inschrift. Könnte von mir sein, dachte Blümel, aber er war sich nicht ganz sicher. Jedenfalls wärmte der Anblick sein Herz, da auch er seinen Kanzler liebte.

Dennoch wurde er dieses merkwürdige, quälend irritierende Gefühl nicht los, etwas suchen zu müssen, das nicht da war: sich selbst.

Hier, dieses unscheinbare Gebäude würde endlich das Rätsel lösen. Ein kleines, rundes Tempelchen im hellenistischen Stil. „Kern von Blümel“ stand über dem Eingang geschrieben. Neugierig öffnete Blümel die Türe. Er stand in einem leeren Spiegelsalon.

Distance, hands, masks, be considerate!

Ihr Armin Thurnher

@arminthurnher

thurnher@falter.at


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